getroffen werden ...
Als die Töne verklungen waren, einer immer sanft dem andern sich entwindend, da erblickte man plötzlich die ganze Transparenttafel azurblau und aus dem tiefsten grund sei's des himmels oder des Meeres entwickelten sich leise Schatten, die allmählich die Form einer Unzahl sich durcheinander rollender und sich einander durchschneidender Kreise annahmen ...
Püttmeier sprach mit erhöhter Begeisterung:
Musik ist das Leben des Alls! Denn – das All besteht aus zersprengten – Atomen, die – sich suchen, sich finden – sich abstossen, verfolgen! – sehnsucht und Liebe, demzufolge auch Abneigung – hmhm! – und Hass – ist die Seele des Alls ...
Die Kreise bewegten sich auch teilweise zurück und es entstand ein Chaos so flimmernder Schatten, wie wenn das geschlossene Auge im Blutandrang ein Durcheinanderwirbeln von zahllosen Staubatomen sieht ... Dazu begann das seltsame Instrument in lebhaftern Rhytmen eine entsprechende Begleitung ... Nicht schrill oder in mistönender Malerei – seinem Wesen entsprachen nicht so grelle Ausdrucksformen – wohl aber in Klagelauten, wie aus der tiefsten Tiefe des Schmerzes und aus der wehmütigsten Verkennung der Liebe empor ...
Inzwischen schilderte Püttmeier das aus dem Wirbeln der Atome sich ergebende Streben alles Geschaffenen und des Denkens über alles Geschaffene zum Kreise und die Transparenttafel verwandelte sich allmählich in einen lichten Kreis, die blaue Farbe ging in eine rote über ... Die Frauen beanstandeten nicht im mindesten, was Püttmeier, in immer flüssiger gewordener Rede, über das Symbol der Liebe, über den Ring, über die Schlange, selbst über die Schlangeneier sprach ... Das Auge sah in allem nur die herrlichsten Fata Morganen der Ahnung ...
über die Musik, die zuweilen schwieg, hatte sich jetzt von einigen Damen, die eingeweiht waren, herumgeflüstert, dass sie auf einer Ueberraschung beruhte, die man der Gräfin bereitet ... Mit dem protestantischen Pfarrer Huber war jenes schöne alte Instrument, die Harmonica, nach Witoborn gekommen und, wie der Sinn der Frauen nun einmal ist, bald hatte sich verbreitet, dass dies Instrument zwar in der Art, wie man es handhaben müsse, nicht eben schön zu nennen wäre, in seiner wirkung aber nur höchstens von dem seelenvollen Schmelz des Violoncells erreicht würde ... Jedermann begehrte es zu hören ... Man wusste, der "Pfarrer", die "Frau Pfarrerin" – wenn diese heiligen Worte so zu gebrauchen nicht Entweihung war – die schon herangewachsenen – "Kinder" desselben spielten jenes Instrument mit grosser Fertigkeit; aber weder des Mannes Haus zu besuchen war den hiesigen Verhältnissen angemessen, noch auch der "Würde" desselben zuzumuten, dass er selbst oder seine Angehörigen sich mit seinen Leistungen bei ihnen hören liessen ... Um so grösser die Ueberraschung, dass Püttmeier das Allersehnte möglich gemacht hatte ... Schon erzählten die Flüsterworte, dass die Verehrerinnen des Doctors in Eschede diese musikalische Illustration der Philosophie ihres Schooskindes zu seinem grösseren Effecte durchgesetzt hätten, sie, die Armgart – in ihrer Voreiligkeit mit Kaffeekannen und Strickstrümpfen verglichen hatte! ... Der "Prediger", wie man hier zu land Herrn Huber lieber nannte, hatte zu dem Vorschlag gelächelt, als er an die ihm schon durch seinen frühern Pflegbefohlenen, den Freiherrn Jérôme von Wittekind, bekannte Philosophie der Drechselbank erinnert wurde; er hatte eingewilligt in den Transport des Instrumentes und es heute mit Püttmeiern in einem verdeckten Wagen und sogar mit seiner Tochter abgesandt, die in der Kunst dies Instrument zu spielen ihn und seine Gattin schon übertraf ...
Püttmeier empfand nicht die Genugtuung, die seinem verketzerten Werke: "Christus und Pytagoras", durch diesen jetzt gern gesehenen Bund mit den Ketzern wurde. Ach, er war schon zu sehr in seiner steten Furcht vor Sakramentsentziehungen, dann auch in seinem Magisterium eingerostet, um von sich noch gegenwärtig zu haben, dass unter dem alten Schlafrock seines freudlosen verkümmerten Daseins doch noch immer die jugendlich schöne Psyche seiner Denkfreiheit mit bunten Schmetterlingsflügeln verborgen lebte ... Nicht ganz passte auf ihn ein Wort, das Onkel Levinus neulich mit stolzem Bewusstsein bei gelegenheit einer mutigen Tat sprach, die von einem deutschen Professor gekommen ... "Sind wir auch noch so verirrt in den Labyrinten der Metaphysik, sind wir auch noch so vergraben im Sand, der die Eingänge zu den Pyramiden verschüttet, haben wir sogar als mit Orden umschnürte Geheimräte uns ganz verloren in Scherwenzeln und Tellerlecken bei Diplomaten und reichen Glückspilzen, plötzlich ruft uns irgendein Signal an unsere stolze Fahne zurück und wir kämpfen doch wieder für die Freiheit und die Unabhängigkeit des Denkens, wir wissen selbst nicht wie!" ... Leider galt dies begeisterte Wort nur einer in d i e s e m Kreise überraschenden grossen Tat eines deutschen Gelehrten ... Dr. Guido Goldfinger hatte aus Anlass des Kirchenstreites (richtiger seiner nah bevorstehenden Hochzeit mit Johanna Kattendyk und des Wunsches der Mutter wegen, dass die Tochter bei ihr blieb) seine ausserordentliche, ohnehin unbesoldete Professur niedergelegt ...
Aber edler, viel höher stand Püttmeier ... Er empörte sich nicht gegen seine Unterdrücker, zu denen auch die Geistlichen gehört hatten; er liebte die Kirche, die ihn auf den Index zu setzen gedroht; aber stolz fing er denn nun auch von sich zu reden an ... Wer würde seines Selbstvertrauens haben spotten mögen! ... Auch die Frauen blieben im Bann seiner mystischen Zeichen und nahmen einen flammenden Triangel für die Dreieinigkeit, nahmen ein dunkelglühendes Kreuz für die Offenbarung der