des Schaumweins und erwiderte mit dem ihm eigenen halb künstlich, halb natürlich elegischen Tone:
Wo seid ihr hin, ihr heilig hehren Tage,
Wo ich geglaubt, ein Regenbogen sage,
Dass immer noch des himmels Langmut wach!
Wo in dem Blitze, in der Donner Rollen
Nur eines Vaters Zürnen lag, – der Liebe Grollen!
Der Regen schlug an die Scheiben. Der Sturm tobte ... Fenster und Türen, die nicht geschlossen gewesen, schlugen klirrend und krachend an ... Aber Lucinde drängte: Nein! Beginnen Sie anders! Ihre Mutter ... Ha, ich weiss, sagte er, du willst von meiner ersten Liebe hören, Lucinde! Ja,
Wenn sie leicht und zierlich
Mir vorüberflog –
Und ich hübsch manierlich
Meine Mütze zog –
Nichts, nichts von dem – sagte Lucinde ...
Das Lied ist nicht lang, Lucinde! unterbrach er sie. Nur den Schluss will ich dir sagen. Diese Liebe endete, als Amanda eines Tages keine Hosen mehr trug; das hübsche Ding war in dem Augenblick fünf Jahre älter geworden und kannte mich nicht mehr. Schülerliebe!
Gut! Gut! Aber wo sind Sie geboren?
In der Buschmühle!
Und Ihre Mutter? Erzählen Sie von ihr!
Ein Donnerschlag erschütterte in diesem Augenblicke das Schloss, dass es bis auf den Grund erbebte. Die Diener kamen nicht mehr ... Klingsohr rückte seinen Sessel dem Divan näher und zog Lucinden an sich und streichelte ihr Haar und sah ihr in die scheu und ängstlich umblickenden Augen und hielt die Hand über ihre dunkeln Brauen, gleichsam als wenn er das Rollen der schwarzen Sterne in dem weissen Emailgrunde beruhigen, das Zucken der Wimpern beschwichtigen wollte.
Jetzt begann er von seiner Mutter ...
In einem langen weissen reinen Gewande, sagte er, muss diese Edelste ihres Geschlechts aus der Welt emporgestiegen sein! Ringsum lag die Sünde – sie allein erhob sich aus ihr, sie, die einzig Reine! Eine Natter klammerte sich noch an ihren Fuss, die zertrat sie! Wie ich geboren wurde, verlor jene Gülpen die herrschaft im schloss –
Schon 1809? unterbrach Lucinde ... Sie sah, wie viel Jahre es gebraucht hatte, ihre Peinigerin so geistig und körperlich zu zerstören, wie sie sie gefunden hatte!
Wie das alles zusammenhängt, fuhr Klingsohr fort, weiss ich nicht ...
Lucinde fasste sich jetzt Mut und sprach:
Ich will es Ihnen sagen!
Klingsohr horchte auf. Lucinde erzählte noch umständlicher den Vorfall, den man heute mit dem Kronsyndikus erlebt hatte. Sie erzählte das Verbrennen von Papieren, seine Unruhe, seine eilige Abreise, den Eindruck, den ihm die Ankunft des Doctors gemacht, seine Eröffnung über die Art, wie sie ihn aufnehmen sollte ...
Eben zuckte durch das Zimmer ein Blitzstrahl.
Klingsohr erhob sich und wurde aufgeregter ...
Wie Lucinde fortfuhr und das Ziel ihrer Eröffnungen immer leiser sprechend schon völlig verständlich angedeutet hatte, ergriff er ein Glas, schleuderte es wild zu Boden, dass es zersplitterte, rieb sich die Stirn und rannte zum Fenster, als müsste er mit dem kopf durch die Scheiben hindurch in die tobende Nacht und die Donner hinaus.
Ihr seid wahnsinnig! schrie er. Alle, alle hier seid ihr's!
Lucinde nahte sich, bat ihn, sich zu mässigen; sie sagte ihm, er möchte sich fassen, möchte ruhig hören ...
Nein! rief er und schleuderte nun auch sie zurück mit den Worten:
Circe! Machst du Menschen zu Eseln? Zu Mauleseln? Bin ich verrückt?
Jetzt riss er das Fenster auf, dass der Regen nur so hereinströmte.
Lucinde liess ihn erschreckt erst gewähren.
Ich liebe meinen Vater! rief er, und sog die Tropfen ein und bestrich sich mit dem Regen Stirn und Wange. Ich liebte ihn von jeher dann, wenn ich mich hassen musste. Und nun vollends ... meine Mutter!
Lucinde schloss das Fenster.
Klingsohr rannte auf und nieder ...
O ich weiss jetzt, wozu ich hergelockt bin! Zur Rache gegen meinen Vater! Geistigen Rache! Zur Demütigung unsers Namens! Schändung einer Asche unter der Erde!
Ihr Vater ist der Kronsyndikus! sagte Lucinde mit einer Festigkeit, als spräche sie von Dingen, die ihrer Jugend völlig angemessen waren.
Ein convulsivisches Gelächter erstickte den ersten Aufschrei des zu seiner übrigen Erregung nun auch noch halb Berauschten.
Ruhig fuhr Lucinde fort:
Darum sorgt er für unsere Zukunft!
Ha, ha! Und nun sprach Klingsohr plötzlich, wie sich und die ganze Situation parodirend, plattdeutsch, dem ohnehin schon eine komische wirkung beiwohnt. Er parodirte ihren feierlichen Ernst. Sie wandte sich zum Schmollen ab und liess ihn stehen.
Klingsohr warf sich in seinen Sessel und blickte geisterhaft vor sich hin ...
Das in der natur tobende Wetter hatte sich etwas gemildert. Man hörte nur den gewaltig strömenden Regen. Dann setzte er sich ruhiger zu Lucindens Füssen auf eine Fussbank und das Haupt auf beide hände stützend sprach er dumpf:
Bastard! Glaube das nicht, du innerer, allzu eitler Dämon! Ja eitel! Wir werden die Ursachen dieses tollen Spukes erfahren! Nur allzu sehr fühl' ich in mir – das dienende Blut! Altes Sachsenblut? Auch ich? Wie wurden die grossen atletischen Gestalten mit den hängenden roten Haaren unter dem Bärenkopf in die Weser getrieben, um von ihrem Odin und von ihrer Freija zu lassen! Wie sassen sie hoch zu Ross