1858_Gutzkow_031_507.txt

Züge mit denen jenes Kindes, das er bis zum fünften Lebensjahre gekannt hatte, als er an der einsamen Mühle des Müllers Sterz, dann bei einem Scharfrichter zwischen Zütphen und Deventer mit den Knaben lebte ... Allerdings, dieser vornehme Cavalier, der in so geheimnissvoller Weise heute mit dem Pater Maurus eingeschlossen warim einsamen Biblioteksaale des Klosters, der für diesen Zweck eigens hatte geheizt werden müssendieser stand ihm keine Rede, lehnte jede Frage nach seiner Geburt und Jugend und nach Angehörigen seiner Familie ab ... Jetzt aberwirklich Jean Picard! Der lebte! Lebte hier! ... Ein Mann mit dem Verbrecherstempel, den er auf Terschka's linkem Arm bei der Jagd hätte entdekken mögen ... Und um so mehr! Diesem Picard gesellte sich der Name jener Lucinde, die er auf dem von ihm gemiedenen Schloss Neuhof selbst zwar nie gesehen hatte, die er aber in allem kannte, was sie dem armen, gebrochenen Pater Sebastus, dem weiland Doctor Klingsohr, so wert gemacht hatte und noch machte ... Auch sie in der Nähe! ... Sie, um derentwillen Sebastus noch jetzt in seiner Strafzelle klagte ... um derentwillen er, vor seiner Rückkehr aus Holland, mit einigen Fremden, die ihn besuchten, eine Flucht verabredet hatte ... Sie in Verbindung mit Verbrechern! ... Unmöglich, unglaublich! ... War sie in der Tat bei jener vornehmen Frau von Sicking, so beschloss er, soweit ihm die Ueberraschung, soweit ihm die sorge um den Kranken, den er führte, jetzt schon einen Entschluss, den er zu fassen hatte, möglich machten, zunächst Lucinden aufzusuchen, ihr diesen Brief zu zeigen, ihr nach Jean Picard fragen vorzulegen, ihr die Pflicht vorzuhalten, ihn jetzt zu unterstützen, soweit seine Kraft reichte, Verbrechen zu hindern, in denen dieser Unglückliche nur zu heimisch zu sein schien ...

In solchen Stimmungen, solchen Aufregungen und Ahnungen gewaltiger Conflicte mit seinem Klosterfrieden verlor er um den Kranken, den er führte, die Obhut, und sorge nicht aus dem Auge ...

Das seltsame Paar hatte den Wald verlassen und entfernte sich von dem immer mehr verklingenden Lärmen der Jagd ...

So manches Reh war an ihnen vorübergesprungen ... In den kahlen Zweigen der Bäume rauschte es von den aufgescheuchten Bewohnern derselben ...

Schon war es Ein Uhr ... Die Jagd dauerte bis gegen Untergang der Sonne. An einer bestimmten Stelle waren die Vorbereitungen zu einem Imbiss im Freien getroffen. Vor fünf Uhr rechnete man nicht auf die dann im Schloss zu geniessenden Leistungen der gräflich Münnich'schen Küche, während bis dahin die sich ansammelnden Damen der Jäger von Püttmeier's Transparentbildern unterhalten werden sollten ...

Immer ruhiger, immer stiller und hinfälliger wurde der Landrat. Hubertus musste bedacht sein, den Frierenden, fieberhaft Zitternden unter Dach und Fach zu bringen ... Der Regen mehrte sich. Auf dem an manchen Stellen spiegelglatten Boden war kaum noch fortzukommen ... Kaum hielt sich der Landrat noch aufrecht ... Hubertus musste mehr ihn tragen als führen ... Der Wille des Kranken, aus Ueberreizung zur Ohnmacht Zusammensinkenden, Zähneklappernden äusserte sich nur noch durch Zeichen ... Ein so unendlich wehmütiger Ausdruck war trotz der entstellten und beschmutzten Gesichtszüge aus ihnen herauszulesen, dass man wohl annehmen konnte, dem leichtsinnigen, ehrgeizigen mann hatten die fortgesetzten Kränkungen seines Ehrgefühls, die er nun schon seit Jahren und besonders seit den letzten Monaten erfuhr, das Herz gebrochen.

Der dem wald nächste Kamp war dem Mönche als der armseligste in ganz Borkenhagen bekannt ...

Hier wohnten jene im Kirchenbann befindlichen älteren Hedemann's ...

Dass gerade auch der Landrat es gewesen, der diese mit ins Elend gebracht hatte, wusste Hubertus ...

Er sah sich in der Gegend um ... Niemand war da, der ihm den ohnmächtigen Mann abnehmen und in ein Obdach tragen konnte, das er als Angehöriger der Kirche nicht betreten sollte ...

Er wagte jedoch die Sünde auf Rechnung der vielen, die er bald zu beichten haben würde, wenn er fortfuhr nach den Eingebungen zu handeln, die nun plötzlich durch Nennung des Namens Terschka und den Brief, den er in seiner Kutte trug, seinen ganzen Menschen erfüllten ...

Eine kleine Anhöhe ging es hinauf, die zu dem Erbe Hedemann's führte, zu den Alten, die für die Bestellung desselben seit Jahren nichts mehr getan hatten ...

Da lag ihnen schon das Staket, das sonst das wie tief in die Erde gekrochene Haus einfriedigte, in einzelnen Teilen im Wege ... Am Brunnen, den kein Stroh vorm Erfrieren des Wassers schützte, lagen die Eimer leck oder eingefroren ... Eine Leine hing von einem der wenigen noch umstehenden Bäume zum andern; einige weisse Fetzen an ihr, aussehend vor Frost wie Vogelscheuchen, die gespenstisch im Winde flatterten ... Aus dem haus drang ein blauer stickiger Qualm. Die Tür stand offen; ein Birkenstamm versperrte den Eingang, der vor Rauch kaum zu gewinnen war ... In der Küche am Herd sassen auf dem im Kamin brennenden Baum die beiden Alten. Hedemann's Mutter spann, der Vater schnitt Dauben und Klammernein Erwerb, den er auf Drängen des Meiers ergriffen, als der Sohn in der Fremde nicht ahnte, wie übel es mit den älteren stand; ein