1858_Gutzkow_031_506.txt

deutsch, gut französisch, holländisch, hat mittlern Wuchs, rötliches Haar und eine stark orientalische Physiognomie. Auf seinem linken Arm befindet sich das Zeichen der französischen Galeren T.F.; auch soll sich, wie von der Verwaltung der Galeren in Brest geschrieben wurde, der holländische Verbrecherstempel (Hubertus starrte der Abbildung des Zeichens) auf ihm eingebrannt finden. Schliesslich mach' ich Dich aufmerksam, dass auch soeben in grösster Eile von hier eine Dir vielleicht von früher her nicht unbekannte Dame Lucinde Schwarz auf Witoborn gereist ist. Beobachte die Schritte derselben! Um so mehr, als ich vermute, dass ihre plötzliche Abreise im Zusammenhang mit irgendeinem wahrscheinlich auf Nück's Anstiften bezweckten Unternehmen des Jean Picard steht. Lucinde Schwarz wird Dir dicht in der Nähe sein und bei einer Frau von Sicking wohnen, an die sie von hier aus empfohlen ist. Beobachte sie und ihren Umgang und lass besonders das Schloss Westerhof bewachen, da ich eine Ahnung habe, dass sich gerade dort etwas ereignen könnte, was nicht in der Ordnung ist! Lieber Vater, in Eile ... Dein treuer Sohn E."

Schon auf eine blosse Anerkennung der vortrefflichen Handschrift des Briefes hin konnte der Mönch ihn ganz an sich nehmen und behalten ... Seine knöcherne Hand zitterte, als er den Brief in seine Kutte steckte ... Er, der sonst so schnell Gefasste, hatte die Besinnung verloren ...

Denn seit Monaten suchte er ja zwei Menschen, deren Andenken ihm in dem Augenblick aufs lebhafteste entgegengetreten war, als er die Anzeige erhielt, eine ermordete Frau hätte ihm ein Vermögen von zwanzigtausend Talern hinterlassen ... Längst hatte er der Erinnerung an jene Entsetzliche sich entwöhnt ... Sein Leben lag ihm nur noch im flüchtigen Augenblick ... Nur in Gesprächen mit dem Pater Sebastus tauchte zuweilen ein altes buntes Bild verklungener Tage auf ... Sebastus sagte noch kürzlich in seiner Krankenzelle zu ihm: Hubertus! Sie müssen in Java gelernt haben Liebestränke brauen! Gewiss hatte die Frau einen Trank von Ihnen gekriegt! Denn zeitlebens dachte sie nur an Sie und ich will nicht hoffen, fuhr Sebastus fort, dass Ihre Erbschaft das Ergebniss einiger Giftmorde ist, in denen ihrerseits Frau von Buschbeck ihre Force gehabt haben soll! ... Hubertus, hocherstaunend, lehnte die Antretung der Erbschaft nicht ab ... Die grausame Zerstörerin seines Lebensglücks war durch die Hand jenes Mannes gefallen, der ihn einst in jenen Convict begleitet hatte, wo er am Pater Fulgentius ein so ernstes Strafgericht gehalten, indem er den, der den Tod zu lieben vorgab, auch wirklich nicht verhinderte aus dem Leben zu gehen. Damals noch war dieser hingerichtete Jodocus Hammaker ein junger Mann von Bildung, von Talent gewesen, ein Mann von angenehmen, gefälligen Formen ... Wie, hatte er gedacht, wie hatte ein solcher Mann so verwildern, so zum Mörder werden können! ... Das weckte ihm sein eigenes vergangenes Leben, eine Jünglingszeit, wo auch er am schaudervollen rand des Verbrechens so gefahrvoll für seine Seele dahingeschritten ... Gedenkend des Tages, als er dem Mörder Jodocus Hammaker im Klostergarten von seiner Vergangenheit, von seinem Sprung aus einem brennenden haus erzählte, kam ihm mit wehmutvollen Klängen die Erinnerung an die beiden Kinder, die damals seiner Obhut anvertraut gewesen, diese Kinder, die Gott durch ein Wunder, durch seinen Mut errettet wissen wollte, diese Kinder, von denen er sich, als man ihn nach Java schickte, mit so bitterm Kummer seines jungen Herzens getrennt hatte ... Wo mochten sie wohl sein? ... Das beschäftigte den "seltsamen Heiligen" in seiner Klostereinsamkeit wie schon sonst seit Jahren, so jetzt aufs neue und lebendiger denn je ... Was war aus ihnen geworden? ... Wie, wenn sie im Elend, auf dem Weg des Verbrechens lebten? ... Er erhielt diese ansehnliche Summe! Er mochte sie seinem Kloster nicht geben, seitdem der ihm und allen verhasste Pater Maurus Guardian und sogar Provinzial geworden ... Wie, dachte er, wenn ich das Geld annähme, meine alten Pflegebefohlenen zu entdecken suchte und es ihnen zukommen liesse, falls sie's bedürfen sollten oder dessen würdig wären? ... Diese Vorstellung erfüllte den Greis mit solcher Lebhaftigkeit, dass er in der Einsamkeit der Klöster, auf den Wanderungen, die er im Auftrag des Provinzials zu machen hatte, stündlich darauf zurückkam: Wo lebt wohl Wenzel von Terschka? Wo Jean Picard? ... Vor einem halben Jahr hatte er auf einer dieser Wanderungen die Nachricht über jene Erbschaft zuerst empfangen ... Gerade war er in Ordensaufträgen in Belgien gewesen, ging nach Holland, kam eben aus Gröningen zurück, hatte von Jean Picard nichts vernommen, als dass er nach einer Reihe von Jahren von Brest fortkam und in Paris verschollen sein sollte; von Wenzel von Terschka nichts, als dass er nach seinem Unfall in Amsterdam nach der Schweiz und von dort nach Italien gegangen war ... Nun begegnete er plötzlich vielleicht beiden! ... Hier! Hierdem einen in einer vornehmen, glänzenden Stellung! Dem andern auf dem längst von ihm geahnten Wege des Verbrechens! ... Wenzel von Terschka war allerdings ein Name, der, wie er schon gehört hatte, in Böhmen so häufig war, wie die Namen Wilhelm von Schulz oder Heinrich von Schmidt in Deutschland sein könnten ... Aber die seltsame Aehnlichkeit der