sich ruhig, folgte und sprach, auf den Brief deutend, mit Behagen:
Ja, mein Sohn, der ist in drei Jahren Minister! Den Adlerorden, den hat er schon – er darf ihn nur noch nicht zeigen! Alles weiss mein Junge ... Und wenn du schweigen kannst, Pfäffchen, sollst du hören, was mir mein Sohn geschrieben hat! Das ist die Handschrift, die an ihm der König so sehr liebt! Sein König! ... Das kennt ihr hier zu land gar nicht, was es heisst: M e i n König! ... "Helft Leute mir vom Wagen ab" (sang er mit leiser stimme), "mein König trank daraus!" ... Lies, Alter, und siehst du, der Bindestrich immer wie ein Grundstrich und der Grundstrich immer wie ein Bindestrich ... Das hilft nun nichts! Etwas Apartes muss der Mensch haben!
Mit der feierlichsten Würde seine Autorität behauptend öffnete er den vielleicht kurz vor dem Verlassen seiner wohnung empfangenen amtlichen Brief und liess, während er ihn vorlesen wollte, den Mönch mit einsehen ...
Nicht dass der Alte in der braunen Kutte neugierig war ... Ihm genügte, dass diese Gedankenreihen den Wahnwitzigen zerstreuten und dass er hoffen konnte, ihn so allmählich zum Meier von Borkenhagen, dem nächsten Ort, zu führen, wo er gedachte ein Fuhrwerk anspannen zu lassen, um den Kranken nach Witoborn in seine wohnung zurückzubringen ...
Plötzlich aber fiel ihm in dem Briefe, der eiligst und offenbar unter dem Siegel amtlicher Verschwiegenheit geschrieben war, ein Zeichen auf, vor dem ihn Schauder ergriff ...
War in dem Briefe – von ihm selbst die Rede? ...
Stammer (der als der Jagd unwürdig am fernen Waldrand bei der Wagenburg geblieben war) hatte an jenem Abend im Finkenhof Recht gehabt – Hubertus trug jenes bekannte Verbrecherzeichen auf seinem fleischlosen arme ... Was sollte das jetzt –? Er sah dies Zeichen abgebildet in diesem Brief ...
Der Landrat hielt, wie ein Fernsichtiger, den Brief so weit von sich zurück, dass Hubertus während des Vorlesens mit einsehen konnte ...
Aber merkwürdig, der Irrsinnige las etwas völlig Anderes, als was im Briefe stand ...
Nur die Ideen las er aus ihm heraus, die in seinem kopf lebten, während Hubertus sogleich bemerkte, dass der Inhalt ein hochwichtiger und ihn persönlich betreffender war ...
Der Landrat las: Lieber Vater – die Canaillen helfen einmal nicht – Dieser Kattendyk ist und bleibt ein Esel – Nück hat Dir den Tod geschworen – Deine Widersacher triumphiren! Halt' aber aus, bis ich ans Ruder komme – Dann kann es mir und Dir nicht fehlen und Du zahlst es auch dem Präsidenten heim, gegen den Du viel zu lange zu stolz gewesen bist! – Warum lässest Du Dir Dein Schweigen nicht bezahlen? Warum schonst Du Räuber und Mörder und tust es umsonst? Weil Du zu stolz bist? Ha! Cavalier vom Tschako bis zum Sprungriemen! Lernt uns von Anno 13 kennen, einen Rittmeister von den braunen Husaren! Landfriedensbrecher! Ihr Römlinge! Die Cocarde erkenne ich euch ab! ... Auf die Jagd bekommst Du Deine Karte so gut wie hier jeder andere von Distinction! Monsieur le Baron d'Enckefuss est invité à la chasse!
Mit dem Brief salutirte der Rittmeister an seiner wachsledernen Mütze, die Hubertus ihm von der Erde genommen, dann getragen und allmählich aufgesetzt hatte ... Seine schwarzen Augen funkelten, die rote Nase glühte, die Tusche seiner Gesichtsfarbe hatte sich im Regen verwischt und floss um den jetzt in seiner Grauheit sich verratenden Bart. Jeder, der im wald dahergekommen wäre und hätte die beiden schreckhaften Gestalten gesehen, wäre bebend zurückgewichen ...
Aber auch Hubertus hätte sich jetzt an dem Wankenden halten mögen ... Sein Geist war mächtig in der Kraft des Willens, nicht in der Combination ... Erst ohne Verständniss blickte er in die Schrift, die ihm der Landrat entgegenhielt, bald aber las er im klarsten Zusammenhange, die Pausen des Landrats nutzend, Folgendes:
"Lieber Vater! Eine Nachricht von Wichtigkeit, die ich Dir persönlich mitteile, damit Du Dir ganz allein das Verdienst dieser Entdeckung erwirbst und die Kränkungen, die der Parteigeist über Dich verhängt, durch Deine Tätigkeit beschämen kannst! Ein Verbrecher, der zwanzig Jahre in Frankreich auf den Galeren lebte, ist in unsere Gegend gekommen und hat sich sogleich bei seinem ersten Auftreten in seiner ganzen Gefährlichkeit gezeigt. Auf einem Kirchhof hat er einen Sarg erbrochen. Ein halbes Jahr hat er dann verstanden, sich in unserer Stadt an einem noch unbekannten Orte verborgen zu halten. Bei den Unruhen, die noch täglich in unserer Stadt über die Verhaftnahme des Kirchenfürsten sich wiederholen, wurde auch er bemerkt und ohne Zweifel steht er im Solde Nück's, dieses verschlagenen, heimtückischen Menschen. Hammaker, der uns allerdings seit Jahren das Nück'sche Treiben beaufsichtigte, wollte erfahren haben, dass dieser Kerl in Eure Gegend gehen würde, um daselbst etwas auszuführen, was Hammaker nicht zu wissen behauptete. So viel weiss ich, dass Jean Picard oder Jan Bickert (Hubertus stockte im Lesen und hielt sich an den vorstehenden Zweigen eines Busches) auf dem Wege in Eure Gegend ist, reich ausgestattet mit Geld. Suche auf Grund des nachfolgenden Signalements hinter eine mögliche Verkleidung zu kommen: Jean Picard ist gegen fünfzig Jahre, spricht schlecht