Leute zurücklassen! rief Graf Münnich ...
Der Mönch schüttelte den Kopf, sich verbürgend, er würde schon allein den Unglücklichen in Sicherheit bringen ...
Inzwischen bliesen auf ein gegebenes Zeichen die Hörner ... Schon zog sich die ganze Gesellschaft in den dichtern Wald ... Armgart geführt von Tiebold – Terschka war im Augenblick, da Hubertus erschien, verschwunden ...
Still und stiller wurde es ringsum ... Die Signale nur hörte man, die den Treibern die Veränderung der Stellung ankündigten und die von diesen fernher wieder beantwortet wurden ...
Ein einziger schreckenvoller Augenblick ... Jedermann eilte, ihm zu entfliehen.
14.
Wie in nächtlicher Waldeinsamkeit zwei kämpfende Hirsche sich ihre Geweihe so ineinander gebohrt haben können, dass sie sich nicht mehr auseinander zu winden wissen, die Kraft der Stirnen nachlassen fühlen und beide ermattet und zum Sterben bereit, ja wie im tod zuvor noch versöhnt, zu gleicher Zeit hinsinken, so standen sich der Mönch mit dem Todtenkopf und ein Irrsinniger gegenüber ...
Immer schwächer und nachgiebiger wurde der Widerstand des Wutschäumenden, der barhaupt, ohne seine herabgefallene Mütze, dastand mit schweissbedeckter Stirn. Zuletzt begann er, wie aus einem Traum erwachend, in Ohnmacht zu sinken ...
Der Mönch fing ihn mit ungeschwächter Kraft auf. Er hielt ihn unbeweglich in seinen Armen ... Kein laut, keine Anrede kam aus seinem mund ... Der Landrat brach zusammen und verlor die Besinnung ...
Einsamkeit ringsum ... Nur die düstern Tannen stille Zeugen des schreckhaften Auftritts ...
Beide Männer auf dem schmelzenden Schnee stehend ... Hubertus in Sandalen, der Nässe und Kälte nicht achtend, der Rittmeister mit Kot bespritzt bis zur Achsel ... Ein Gegensatz zu dem sich weitab verziehenden Lärm der Jagd, zu dem Knallen der Büchsen, zu dem Bellen der Hunde, zu dem noch jeweiligen Durchbrechen des Wildes, das scheu und stutzend hielt, der den Mut und die Geistesgegenwart eines Helden herausforderte ...
Den Arm des Landrats liess der Mönch noch immer nicht. Er wollte ihn, wenn er zur Besinnung kam, verhindern, zu entfliehen und der Gesellschaft wieder nachzurennen; denn dass er mit einem Mann zu tun hatte, der das Licht der Vernunft verloren, hörte Hubertus bald an dem, was der Unglückliche allmählich zu sprechen begann ...
Ich bin der Landrat –! sagte er erwachend ...
Wohl! Wohl! Herr von Enckefuss! flüsterte der Mönch mit milder und beruhigender stimme ...
Nehmen Sie sich vor mir in Acht! Ich kenne Sie sehr wohl! fuhr der Rittmeister nach einer Weile fort ...
Grosse Ehre, Herr Landrat!
Sie sind der Doctor Klingsohr!
Pater Sebastus jetzt!
Wie konnten Sie sich unterstehen, mich von meinem Freunde – Wittekind fortzuschicken? Das war ja mein bester, einzigster Freund! Und der – wollte doch sonst das Pfaffengesindel nicht! Lass mich, Kapuziner!
Der Mönch bedeutete den Rittmeister, der den Grafen Münnich mit dem Kronsyndikus verwechselte, auf dessen Jagden er früher den Matador gemacht, mit nickenden Zustimmungen ...
Nicht wahr? Ich bin eingeladen? fragte jetzt der Landrat kleinlaut ...
Diese Worte wiederholte er öfter und mit Pfiffigkeit und fuhr dann stolz fort:
Mein Vater hat die Schlacht bei Belle-Alliance gewonnen! Sagst du auch: Wellington? Landesverräter! Man muss euch hier alle niederschiessen! Alle! Eher kommt keine Ruhe und kein Patriotismus ins Land!
Beide gingen dabei schon fürbass ... Manchmal noch rangen sie, manchmal zankend, manchmal beruhigt still stehend ... Der Mönch ermüdete nicht, durch Eingehen auf die Vorstellungen des kranken Mannes ihn zu besänftigen ...
Der Tobende rief:
Ich werde euch zeigen, welche Verwandte ich habe! Ihr sollt euch wundern, wer meine Protection ist! Der König hat schon mehr als dreissigmal mit mir gesprochen! Betteln kann ich so gut wie andere, aber – ich gebe keine fünfzig Procent! Auf Spiel, da steht jetzt Strafe ... Haha! Tangermann! Zimmer 15! Leutenant von Barnekow und Rittmeister von Enckefuss – nehmt euch in Acht! Rittmeister a. D. ... Ade! ... Soll ich denn mit Gewalt ein Müller werden?
Dies letztere Wort sprach der Verwirrte plötzlich fast weinerlich ...
Ermuntert zur Nachgiebigkeit wurde er durch den Zuspruch des greisen Mönchs, der bald die Milde, bald die Energie selbst war, ihm in allem Recht gab, ihn in dem Glauben bestärkte, dass er der vornehmste, geachtetste und arrangirteste Mann der Provinz wäre und doch wieder festielt, wenn er ungeberdig um sich schlug ... Hedemann, sagte Hubertus, das, das wäre ja der Müller, aber auch noch ein Oberst könnte hier ein Müller werden, setzte er plaudernd hinzu ...
Fehlte irgendetwas, um dem in seinem Wesen einfachen, ja trotz seiner Kraft kindlichen Mönch das Vertrauen des Unglücklichen zuzuwenden, so war es die Erwähnung seines Sohnes ...
Auf das Kichern und lachen, mit dem der Landrat ein Dutzend mal auf die Erwähnung des Obersten hintereinander: Papiermüller! Papiermüller! rief, hatte er einen uneröffneten Brief hervorgezogen und stolz gerufen:
Na da kuck' einmal! Das ist von meinem Sohn!
Von Ihrem Herrn Sohn? hatte kaum der Mönch wiederholt und von seiner letzten Reise her dessen hoffnungsvolle Carrière gerühmt, so leistete der Landrat keinen Widerstand mehr, sondern ergab