1858_Gutzkow_031_503.txt

, wählt man die Ausdrücke nicht und so hörte der Landrat eine Beleidigung nach der andern ...

Seltsam jedoch, er brach auf alles, was ihm von nahe und von fern zugerufen wurde, in Gelächter aus ... Man würde ihn fortgewiesen haben, wenn nicht jetzt auf ein gegebenes Signal der Stand geändert worden wäre, um mehr ostwärts zu ziehen. Dem Oberförster am des Wildes zu wenig ... Auf Rechnung des Windes schrieb er's ... Nun trat alles aus den büsche hervor und zog weiter ...

Onkel Levinus aber war entschieden dafür, dass man erst den Mann entfernte, "durch den hier heute noch ein Unglück entstehen würde" ... Alle die, welche schlecht geschossen hatten, unterstützten seine Meinung ...

Meine Damen! rief der Landrat im Dahinwaten über die Pläne, wo inzwischen schon das gefallene wild von dem dazu bestimmten Jagdpersonal schnell ausgeweidet wurde ... Amor schiesst blind, immer blind und trifft doch! Haha! Hier soll man bei offenen Augen die Kugel im Lauf behalten? Korn und Visir! Ein Blinzeln von so schönen Damenaugenund ich gehöre gleich zu den lumpigsten "Schneidern", die's nur geben kannMeck! Meck! Meck! Meck!

Die Amazonen, selbst die hinter Terschka einherschleichende und Benno und Tiebold wie ihr Gewissen vermeidende Armgart nicht ausgenommen, waren Kennerinnen der Jagd genug, um zu wissen, wie von ihm dies Meck! Meck! spottweise gerufen wurde, weil schlechte Schützen "Schneider" genannt werden. fräulein von Merwig hatte den beständigen Beinamen des "Fräuleins von Anflicker", den sie von ihrer leidenschaft für die Jagd und ihrer geringen Trefffähigkeit fürs Leben zu behalten fürchten musste. Doch schon aus dem Aerger, den sie über diesen Spottnamen empfand, konnte man sich denken, wie verletzend es wirkte, dass nun der Landrat allen Jagdgenossen unausgesetzt sein höhnisches Meck! Meck! nachrief ...

Die gutmütigsten Naturen können auf der Jagd, besonders wenn die Füsse kalt werden und die hände lieber in den Pelzhandschuhen stäken, als harrend am kalten Lauf der Flinte, einen determinirten Anflug von Malice bekommen. Jetzt riefen sogar schon die früher schweigsamern Stimmen: Ungebetene Gäste wirft man zur Tür hinaus! Andere: Werft das Gescheite (das Eingeweide) in den Busch für die Füchse! Andere wandten sich zu den Damen: Meine Damen, Sie sprechen von Amor? Wir haben allerdings einen blinden Passagier unter uns!

Graf Münnich wollte keinen Eclat und bot alles auf, den Frieden zu erhalten ...

Darüber kam man an den neuen Stand, den der Oberförster bereits angeordnet hatte. Es war wieder eine Pläne, hier rings nur von Tannendickicht umgeben ...

Leider hatte sich der Oberförster verrechnet ...

So lange man auch harrte, so lange auch die Treiber rasselten und mit ihren Knütteln an die Bäume schlugen, keine "Pfote kam heraus" – zuletzt einen einzigen Hasen ausgenommen, dessen erscheinen ein allgemeines Gelächter erregte ...

Lampen schoss in natürlicher Grossmut als zu geringfügige Beute Niemand, sondern durch die Stände hindurch wurde der Geängstete hin- und hergewiesen, bis er den Damen fast so nahe zugetrieben wurde, dass sie ihn an den Ohren hätten fassen können ...

Wieder störte der Landrat dies komische Intermezzo durch seinen aufgeregten Eifer. Er schoss den Hasen dicht vor den Füssen Armgart's nieder und hätte diese, die sich nichts gewärtigte, leicht verwunden können ...

Darüber brach der Unwille der ganzen Gesellschaft in helle Flammen aus ...

Armgart lag halb bewusstlos an einen Fichtenstamm gelehnt; die Flinte, die sie, ohne zu schiessen, in der Hand gehalten, war ihr entfallen; Benno und Tiebold waren auf halbem Wege ihr zu hülfe gesprungen, ja setzten sich selbst darüber dem nächsten Schusse aus ...

über alles das entstand eine Scene der höchsten Aufregung ...

Sie mehrte sich, als der Landrat vorsprang und rief:

Wer raisonnirt hier? Ruhe! Ich befehle! Ich!

Jetzt stand er wutschäumend auf der Mitte der Pläne ...

Ein gemeinsamer Ruf unterbrach ihn:

Er ist verrückt! Haltet ihn! Bindet ihn!

Wirklich schlug der tolle Mann um sich, drohte mit seiner Doppelflinte, deren einer Lauf wahrscheinlich noch geladen war, und würde ein Unglück angerichtet haben, wenn nicht Jemand hervorsprang, ihm die arme zu halten. Man hielt Benno und Terschka zurück, auf die Jäger rechnend. Eine leicht erklärliche Scheu vor der ersten Verwaltungsbehörde der Gegend hielt die Nächststehenden noch eine Secunde ohne Entschluss

Da teilten sich die Büsche und mit dem Rufe: Pax vobiscum! sprang mit auffliegender Kutte ein Franciscanermönch auf den Plan, hielt mit einem Arm die Flinte des Landrats und griff mit dem andern so geschickt beide durch die Luft fuchtelnden hände des ungeberdig Drohenden und Rasenden, dass dieser zwar mit schaumbedecktem mund sich fest und aufrecht erhielt, aber auch bewegungslos verharrte, nur noch machtlos seinen Bändiger anstarrend ...

Bruder Hubertus war es, der selbst weiland ein Jäger gewesen und den entweder das Gebell der Hunde, das Knattern der Flinten oder Terschka's Anwesenheit angezogen hatteim Kloster hatte er sich vor wenig Stunden ihm zu nähern gesucht und war von Terschka schnöde abgewiesen worden ...

Die Gesellschaft, ausser sich über den Vorfall, umringte die Gruppe und rief dem Mönch, der wie der bändigende Tod dastand:

Bewachen Sie ihn! führen Sie ihn fort!

Ich will Ihnen