1858_Gutzkow_031_501.txt

der Wald zu Eisenbahnschwellen benutzt wurde, brauste die Locomotive daher und schnaubte und pfiff so teufels- und aufklärungsgemäss, wie nicht bloss Norbert Müllenhoff gesagt hätte, sondern selbst Onkel Levinus wiederholte, der, je besorgter er jetzt wurde, desto mehr zu sprechen anfing ... Benno war von ihm aufs freundlichste begrüsst worden ...

Levinus plauderte schon deshalb, um sich dem Jagdhumor zu entziehen, der auf der Fahrt vom Schloss Münnichhof und hier bei dem Halloh der ersten Begrüssung sich auf seine Kosten zu entwickeln begann. Man fragte ihn, welche Nummer seine Brille hätte, wie viel wild er heute würde am Leben lassen, ob er es unter einem Sechszehnender tun würde und so fort in jenem jagdüblichen Schrauben, das bei allen schon in vollem Gange war ...

Ich kenne euere Pfiffe! rief Onkel Levinus. Ihr wollt uns nur sicher machen durch euere schlechten Witze! So wild werde' ich darum doch noch nicht, dass ich mich vor Zorn mit dem ersten besten Stand begnüge, der mir angewiesen wird! Das ist so eine Ihrer bekannten Finten, Graf Münnich, uns im Spass alles übersehen zu lassen! Wir Landesoberjägermeister kennen das!

Man befand sich auf einer mitten im wald liegenden Fläche, die auf einige hundert Schritte weit von Knieholz unterbrochen wurde und sich zur Aufstellung einer doppelten Schützenreihe, auf jeder Seite zwanzig, hinter Busch und Baum, vortrefflich eignete. Eine Freifrau von Stein, die schon vom Schloss mitgekommen war, liess sich in einem Tragsessel von zwei Bauernburschen ins Holz tragen; eine schon bejahrtere Frau von Böckel-Dollspring-Sandvoss watete selbst durch den Schnee mit Wasserstiefeln, die ihr bis an die Kniee gingen ...

Die Wagen waren inzwischen nicht weit vom Eingang in den Forst zurückgeblieben ...

In der Ferne und immer näher kommend hörte man schon ein Rasseln und Schlagen in den büsche und der Oberförster versicherte, es wäre die höchste Zeit, die Posten einzunehmen ...

Noch war keine rechte Einigkeit da, denn Terschka fehlte. Alle spähten nach ihm; nicht bloss Onkel Levinus, nicht bloss Benno und Tiebold, die hinter zwei mächtigen Erlenbäumen, die gabelförmig aus der Erde geschossen, zusammenstanden, Platz genommen hatten ... Terschka's Jagdkunst schien allen bestimmt, den Preis zu gewinnen ...

Da er ausblieb, wollte man beginnen ...

Der Onkel bedeutete die Signalisten und rief:

Diese Eile ist wieder nur eine euerer verdammten Finten! Statt mit Vorsicht und Bedacht die Plätze anzuordnen, wird nun alles mit Hast übers Knie gebrochen! Schweigt! Schweigt! sag' ich. Die verdammten Intriguanten haben alles abgekartet!

Endlich hörte man nur noch Ein Signal blasen; es kam aus der Ferne ...

Das wird Terschka sein! hiess es ...

Terschka kam in der Tat auf einer Jagdchaise dahergebraust und schon vor ihmallgemeiner jubel! – zogen im erweichenden Schnee drei Wagen voll Heiligenkreuzer Stiftsdamen, die eben Terschka einholen wollte ...

Das war ein Grüssen jetzt und Rufen und lachen und Spotten ... Aus dem Gewirr der Regenschirme und Pelze und Schleier entwickelten sich zwei Jägerinnen, fräulein von Merwig und fräulein von Absam ... Und nun ertönte plötzlich noch eine Salve von Bravis und schallendem Händeklatschen ... Noch eine dritte Amazone sprang vom Wagen ... Es war Armgart von Hülleshoven.

Tiebold und Benno trauten ihren Augen nicht ... Sie riefen zum Erstaunen des Onkels diesem hinüber und jetzt nicht im mindesten zu dessen Schrecken ... Levinus dachte nur an sich ... Seine Stimmung wurde immer wilder und (vor Furcht) kühner: er lobte Armgart und verdammte alle Stubenhocker ...

Benno und Tiebold betrachteten sich mit stockendem Herzblut ... Es war Armgart ... Armgart, die trotz ihrer gestrigen Tränen aus dem einen der drei grossen offenen Omnibus, der mit den andern zum Schloss Münnichhof weiter fuhr, heraussprang und von Terschka's Armen aufgefangen wurde ...

Sie trug einen blauen engen, gefütterten Tuchrock über einem grauseidenen Kleide, einen grauen runden Hut mit wallendem blauen Schleier, dunkle Handschuhe und einen carrirten blau-grün-roten Plaid rings um ihre Schultern geworfen ...

Ihr Antlitz war geisterblass ... Ihr Ausdruck, ihr Lächeln liess ihre zwei weissen Zähnchen blinken, wie immer, wenn sie träumerisch abwesend war ... Sie grüsste Niemanden, blinzelte nur zu den beiden weissen Erlen hinüber, wo Benno und Tiebold standen, und ging wie ein Opferlamm willig dortin, wohin sie Terschka stellte ... Ihr ganzes Wesen war gebunden, ihr Wille, des Menschen edelste Kraft, lag vor dem Altar der Gottesmutter ... Das ist die katolische Macht des "Gelübdes".

Der Onkel rief ihr ein Willkommen zu und allerdings sprach er noch drohend:

Na ja! Ich dachte mir doch gleich so etwas! Das wird schön werdenmit der Tante! Jetzt nur Vorsicht! Vorsicht, Herzenskind!

Benno sagte voll Grimm und Verzweiflung zu Tiebold:

Eine förmliche Erklärung wird das heute! Eine öffentliche Vorstellung vor der Gesellschaft! Sehen Sie nur, wie alles flüstert!

Auch Tiebold "war im Begriff, ausser sich zu geraten"; aber hinter jedem der Jagdteilnehmer stand ein Jäger und bediente das Schiesszeugman musste etwas vorsichtig sein und tat besser, zu schweigen ...

Pancraz! rief aber auch Terschka wild auf und ein Jägerbursche, in der grün und gelben Livree der Dorstes,