1858_Gutzkow_031_500.txt

die Runzeln seines fast fleischlosen und nur aus Haut und Knochen bestehenden Kopfes weggemalt hatte, überraschte Niemanden. Auch heute hatte er seine allbekannte Toilette, dieselbe Chevalerie mit den Damen, dasselbe stramme Auftreten mit den hohen Stulpstiefeln, dieselben Scherze, die man an ihm gewohnt war ... Aber in so seltsamer Übertreibung kam alles an ihm zum Vorschein, dass man annehmen musste, entweder hatte er bereits seinem vormittägigen Lieblingsgetränk, dem Cüração, stark zugesprochen oder er befand sich in allem Ernst in geistiger Unzurechnungsfähigkeit ...

Sofort bildete sich eine Phalanx gegen den Vertreter der Regierung, gegen den Mann, der einen Bruder des Kirchenfürsten im Duell erschossen hatte, gegen den Freund des Kronsyndikus, gegen den Vater des Assessors, des jetzigen Rates von Enckefuss ... wiederum sah man die grosse Kluft des Vaterlandes und immer peinlicher wurde die Verlegenheit für den Jagdherrn ... Allgemein stellte man ihm in ergrimmter Aufregung die Zumutung, er solle den unberufenen Eindringling bedeuten, dass sein Eintreffen auf Schloss Münnichhof ein Misverständniss wäre ... Sogar die Gräfin besass den Mut, die Bedenklichkeiten ihres inzwischen zaghafter gewordenen Gatten zu überwinden und mit der Würde ihrer äussern Erscheinung, mit dem Hochgefühl ihres Zusammenhangs mit dem Träger der dreifachen Krone, den Landrat auf ein Misverständniss aufmerksam zu machen ... sie wollte sagen, dass sie sich ein Gewissen daraus gemacht haben würde, den Herrn von Enckefuss "mit Elementen" zusammenzuführen, "die i h m höchst unangenehm sein müssten" ...

Jetzt aber erfuhr sie durch die Dienerschaft, Herr von Enckefuss wäre durch die Nichteinladung zu einer Jagd, an der jeder Adelige der Gegend teilnähme, in einem Grade beleidigt worden, dass man ihn seiner für nicht mehr mächtig halten könnte. Stündlich hätte er die Einladung zur Jagd abgewartet, hätte sein Schiesszeug hervorgesucht, es selbst geputzt, seinen Hund angeredet: Sie danken dich ab, Caro! Sie werfen dir einen Knochen vor, Caro! Sie setzen dich ausser Brot, Caro! Dann wäre seine Ungeduld gestiegen, immer hätte er gefragt: Keine Einladung vom Grafen? Keine von Baron Levinus? Keine von Herrn von Terschka? Seit gestern hätte er dann eine Miene angenommen, als wäre die Einladung wirklich erfolgt. Nun hätte er seinem Bedienten befohlen, sich als Jäger anzukleiden. Auf die Einrede, er irre sich, die Einladung fehle, hätten die heftigsten Zornausbrüche geantwortet, sodass man zuletzt vorgezogen, zu schweigen und sich in alles zu fügen. In diesem Zustand erschien er und scheinbar nicht im mindesten stolz. Er sprach leutselig mit allen, wie wenn sie seine besten Freunde und Bekannte wären ... Ein ängstlicher Waffenstillstand zwischen zwei feindlichen Lagern ...

Hinein in die Unentschlossenheit, was nun zu beginnen wäre, in den unheimlichen Eindruck des so ausserordentlich sichern, ja fröhlichen Benehmens des Landrats ertönten die Signale des Aufbruchs, die Rüden schlugen an, johlten und heulten vor Jagdungeduld, die Jäger klatschten mit den Peitschen, der Zug kam in Bewegung, noch ehe man den Landrat entfernt hatte. Auch jetzt folgte er wohlgemut und setzte sich auf einen der Wagen, gerade wie wenn er dazu gehörte. Da sein Diener nicht jagdkundig war, blieb derselbe zurück. Es schloss sich dafür dem Landrat ohne weitere Weisung einer der jedem Jagdteilnehmer zum Beistand beorderten Jäger an ...

Die Fahrt dauerte nicht allzu lange. Bald gelangte man in den von hohen Tannen und Buchen bestandenen Wald ... Es war die letzte grosse Jagd in einem wald, der hundert Jahre bedurfte, um das wieder zu werden, was er war ...

An einer Eichenschonung stand unter zwanzig Männern, die hier schon zu Fuss und zu Wagen harrten, einer, der sich in stillem Träumen das auch sagte und rings um sich blickend nachfühlte. Wie wenig liegt ein seiner Sinn in den Auffassungen der Menschen! Wie gehen sie ruhig an Tatsachen vorüber, an denen ein anderer mit Schmerz verweilt!

Benno war es, der auch das sich sprach ... In einen einfachen kurzen Militärmantel, grau mit rotem Kragen, war er gehüllt, einen Mantel, den er über seiner gewöhnlichen Kleidung trug. fest an den Hüften war der Mantel zusammengeschnürt und hob gefällig seine schlanke Gestalt; ein schwarzer bürgerlicher Hut bedeckte sein blasses, leidendes Antlitz ... über Tiebold musste er lächeln, der in einiger Entfernung einen Kreis um sich hatte, dem schon wieder in bester Laune von ihm seine amerikanischen Abenteuer und sein berühmter Sturz in den sankt-Moritz erzählt wurden ...

Für Benno's Jugendträume gaukelten hier die kleinen Elfen des Waldes daher dahin ... Noch einmal hielten sie unsichtbar ihren letzten Reigen unter den grünen Tannen, schwangen sich zum letzten mal auf den Nacken des Wildes, um ihm einen Weg durch das Dickicht zu bahnen vor seinen Verfolgern ... zum letzten mal waren die kleinen Seen, die sich hier und dort im wald fanden und zu denen sonst im Mondlicht die Hirschkühe ihre Kleinen zur Tränke führten, von den Schatten hoher Bäume bekränzt ... Bald sollten diese Lichtungen, die sich unter der schmelzenden Schneedecke so geheimnissvoll und traulich im Holze öffneten, dem Winde preisgegeben sein, der über die zurückgelassenen toten Stumpfe der verkauften Stämme fegte ...

In einem Wald, den ein leichtsinniger Verschwender vor der Zeit lichtet, glaubt man oft Banket gehalten zu sehen von Junkern und geputzten Damen bei musicierenden Eichhörnchen und brummenden Borkenkäfern und taktschlagenden Spechten in den Zweigen ... Hier, da