die wunde Stelle.
Dabei war ihr das Brusttuch entfallen und ihr langer dunkler Nacken schimmerte unbedeckt bis zu den Schultern, ihr bräunlicher Hals bis zu den hohen Wölbungen ihrer Brust.
Eben brachte man zwei Leuchter, je drei brennende Kerzen.
Als dann Klingsohr und Lucinde wieder allein waren und sich, auch um ruhiger zu werden, aufs neue zum Mahle gesetzt hatten, richtete sie eine Frage an ihn über Klingsohr's Mutter, über die Gülpen, ob er diese gekannt hätte und was er von ihr wisse ...
Er beantwortete sie mit einer Apostrophe an die speisen:
fräulein von Gülpen? Ich kannte sie nicht. Aber sie nennen und fragen: Was mag in dieser Spargelsauce entalten sein, ist eins! Recht so, Lucinde! Nehmen Sie nichts davon! Diese jungen Erbsen haben eine grünliche Farbe, die über das Pflanzenreich hinaus sich in das Mineralreich verliert; ich wette, man kochte sie in derjenigen kupfernen Pfanne, die seit dem letzten der unerklärten Todesfälle auf Schloss Neuhof noch immer nicht verzinnt worden ist. Diese Hühner hört' ich noch vor einer halben Stunde im hof gakkern! Sie erwecken unwillkürliche Mordgedanken, und nur der Champagner weckt mir kein Jugendmärchen auf von der alten westfälischen und Tugendbundzeit, in der ich 1809 geboren wurde. Da gab es hier, während mein Alter im wald geheim mit den Rächern dingte, Corinnen in griechischen Gewändern, die über Kassel aus den Spielhöllen Venedigs und Neapels kamen, Spanierinnen, die wie Amazonen ritten, Creolinnen, deren Männer ihren Kopf auf den Schaffoten der Französischen Revolution gelassen hatten und mit dem ihrigen doch noch den Bruder Bonaparte's, was sag' ich, ihn selbst verrückt machten ...
Aber die Gülpen?
Die soll an diesem Minnehof nur die Ceremonienmeisterin gewesen sein! Der buckelige Landstreicher mit der Geige hat geplaudert? Lass dir von dem erzählen oder von seinen Alten hinten ... nein, die sind seit den grauen Tagen stumm geworden ...
Worüber?
Die Gülpen, oder wie sie sich von einem Jäger, der sie heiraten wollte, nannte, Buschbeck –
Einem Jäger?
Jetzt einem Mönche! Drüben im Franciscanerkloster Himmelpfort! Hast du nie vom Bruder Hubertus gehört?
Die Mönche dürfen nicht auf Neuhof ...
Der Jäger war ein Soldat in holländischen Diensten ...
Hauptmann ...
Feldwebel, Kind! Vielleicht als Lieutenant entlassen! Er ist Laienbruder drüben ...
Und war nie verheiratet ...
Mit wem?
Der Hauptmännin – Was sag' ich ...
Der Bruder Hubertus kam von den Wilden und ging zu den Wilden! Hier galt keine Ordnung und kein Gesetz und kein Priester! Hast du nicht gehört, dass der Kronsyndikus noch eine Frau am Leben hat?
Wie? Wer? Noch eine Frau? Der Kronsyndikus?
In Italien! Man sagt es ... Kinder gibt es aller Orten genug von ihm ... oder er spielte wenigstens ohne zu wissen den Landesherrn, in dessen Bildniss auf den Groschen sich alle Frauen in gewissen Umständen versehen müssen!
Sie essen ja nicht, Doctor! lenkte Lucinde errötend ein.
Ich trinke! antwortete Klingsohr. Stoss' an, sagte er, wie immer je nach der Stimmung abwechselnd mit Du und Sie; stoss an, Lucinde! In Italien schickte er an Jérôme plötzlich einen Kurier, dass er nach haus kommen sollte ... Graf Zeesen, sagte man, hätte ihn bereden wollen, in ein Kloster zu gehen ... Der Musikant meint, seine Alten hätten als Grund des Zurückmüssens immer etwas von der zweiten gnädigen Frau gemunkelt!
Die noch lebe? Nein, der Freiherr ist nur einmal verheiratet gewesen!
Ganz recht! unterbrach Klingsohr. Die Schwester vom Grafen Joseph drüben, dem Letzten des Hauses Dorste-Camphausen auf Westerhof! Sie starb früh, nachdem sie zwei Söhne geboren; sie starb, sagt man aus Gram über die Aufnahme jener Gülpen ins Haus. Diese regierte. Als die Baronin starb, genoss der Witwer seine Freiheit, bis plötzlich Ruhe kam mit dem Sturz Napoleon's. Doch bei alledem ist landbekannt, dass die Klöster und Beichtstühle hier ringsum über den Kronsyndikus die tiefsten Geheimnisse verschliessen ... Auch mein Vater weiss manches, hält sich aber stumm drüber wie die alten Stammers hinten über die Gülpen.
Lucinde wagte nicht, über letztere weiter zu forschen. Sie fürchtete, dass sie hätte sagen müssen, woher und aus welcher Situation sie die "Hauptmännin" kannte. Aber mit spähendem blick stellte sie jetzt die Frage:
Und Ihre Mutter?
Klingsohr erwiderte:
Ich kannte sie wenig! Sie starb, als ich sieben Jahre alt war. Nur dass sie ein Bild des Leidens gewesen sein soll, weiss ich. Als der Vater in Magdeburg sass, wurde' ich in dies Schloss genommen und mit Jérôme erzogen.
Lucindens Unruhe mehrte sich, je näher sie ihrer Eröffnung kam. Sie wusste nicht, was sie tat, als sie fortwährend den Champagner trank, den ihr Klingsohr einschenkte.
Unsere Zukunft, Lucinde! Der Traum einer Sommernacht! rief er.
Die Gegend war inzwischen nachtdunkel geworden. Rabenschwarze Schatten hatten sich niedergesenkt, ein immer näher rückendes Gewitter entlud sich ...
Das Nachtmahl war bald zu Ende. Nur dem schäumenden Weine sprach noch Klingsohr immer erregter zu. Er weckte dadurch in Lucinden die Erzählungen des Kammerherrn von seiner Unmässigkeit und den Trinkwetten.
Erzählen Sie von Ihren Knabenjahren! sprach Lucinde.
Klingsohr betrachtete lange die aufsteigenden Perlen