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wieder, – einen "Starnicksel" mit auf den Weg gab. Denn Ordnung muss sein! röchelte die Hauptmännin, als der Eimer ihrer stimme wieder aus dem Brunnen herauskam, und fügte dann nach und nach hinzu:

Sitz aber gerade, Kind! Schlag nicht die Beine so übereinander, du langes Ding! Ja, sauge doch nicht an den Nägeln, Kerl! Guck mir doch nicht zum Schlag hinaus, wenn ich dir's nicht befohlen habe, du –! Ach was, ach was! Nenne mich meine liebe gnädige Frau! Hm, Hm! Lieb-Jettchen! Zieh mir einmal die Schuhe aus, ich glaube, es ist mir ein Stein hineingekommen! Kind, kratz mir ein bissel den rücken, ich glaube, ich habe was aufgegriffen unter euch verfluchoder s'ist mein gewöhnlicher Rhevmatismus! So, Jette! So! Ha! ha! Ein solcher Name! Lucinde! Wer soll das aussprechen! Solche Schullehrermucken! Halt dich gerade! Sitz nicht so krumm! So! Brav! Wir werden schon einig werden!

Lucinde tat mit Ergebung alles, was ihr befohlen wurde.

Die gnädige Frau von Buschbeck hatte bei ihrer letzten Bewunderung des Langen-Nauenheimer Kindersegens dem Vater den Vorschlag gemacht, diese unter allen hervorragende Erscheinung in die grosse Stadt mitzunehmen, sie wie ihr Kind zu behandeln, sie ausbilden, erziehen, in Musik und Sprachen, schönen Künsten und Wissenschaften unterrichten zu lassen.

Lucinde hatte dem überraschten und geschmeichelten Vater gelobt, dieser wunderbaren Frau, die auf den Feldern hier Kapitalien "liegen" hatte, unbedingt zu folgen und sich zu fügen, in allem, in jedem, und so ihr Glück zu machen, "was man in Langen-Nauenheim bekanntlich nicht machen könne", wie er dann selbst hinzusetzte. Lucinde hatte dabei gedacht: "Wie weit Amerika ist (wo manche Langen-Nauenheimer schon versucht hatten ihr Glück zu machen) weiss ich!" Sie dankte daher auch, nach dem Ausdruck ihres Vaters, "ihrem Schöpfer", dass eine solche Frau sich gefunden, die sie so ohne weiteres und geradezu innerhalb fünf Stunden aus dem Nest mit sich heraus und in die Welt nahm. Um elf Uhr hatte die fremde Dame den oft bewunderten "Kindersegen" wieder bewundert, um ein Viertel auf zwölf Uhr die Vorschläge gemacht, um vier Uhr kam sie von den Gütern zurück, auf denen sie Kapitalien "liegen" hatte, die Bedenkzeit, die sie gelassen, war verstrichen, der erste Widerstand Lucindens nicht hartnäckig, ausgenommen was ihre Tauben anbelangte. Diese, wie gesagt und wie wir auf dem Verdeck hören können, nahm sie mit, und so hatte Lucinde nicht einmal vorher noch dem Pfarrer, bei dem sie in "Kinderlehre" ging, oder der Frau Pfarrerin Abschied gesagt, ja nicht einmal gegessen und getrunken. Das Letztere war vorläufig das Schlimmste. Sie suchte der gnädigen Frau den Stein aus dem Schuh, sie kratzte ihr den rücken, sie hörte nicht bloss auf Jettchen, sondern sogar schon auf Jette, nun aber bekannte sie auch, dass sie nichts gegessen und getrunken hätte. Na, das war ja gerade das, wonach die Frau Hauptmännin schon lange hatte fragen wollen, denn ihrerseits behauptete sie auch, zwar nicht Hunger, aber Durst zu haben, doch im nächsten Orte gäbe es ein vortreffliches Wirtshaus, und daselbst ein vortreffliches Bier; und als sie näher kamen, entdeckte sie, dass sie einen andern Ort gemeint hatte ... das Wirtshaus da, das kenne sie, – da wäre alles schlecht, das Bier, die Milch, und da ihr selbst der Durst inzwischen vergangen war, so schickte sie die Jette bloss an den Brunnen. Die hatte nun wieder kein Gefäss und trank aus der hohlen Hand. Dass sie auch Hunger hatte, war in der liebevollen und gründlichen Erörterung über ihren Durst vergessen worden.

Es war schon Abend, als die Kutsche endlich in der Residenz anlangte. Die Laternen brannten schon; nach Ansicht mancher Opponenten der Communalverwaltung düster und sparsam; für Lucinden war es Feenbeleuchtung. Der arme Tropf sah sich wirklich an den himmelhohen Gebäuden, an den Lichtern, an den Carrossen und vielen Menschen "satt", wenn auch die Frau Hauptmännin, als die müde Kalesche so schlaftrunken über das Strassenpflaster hintaumelte, jetzt ein Nachtessen, das sie sogar ins Französische übersetzte und Souper nannte, in glänzende Aussicht stellte.

Die Passagiere hielten dann in einer der lebhaftesten Strassen an. Lucinde und der junge Wagenlenker luden das Gepäck ab, auch die Eier, auch die Zwetschen, auch den Bienenhelm, und vor allem den Taubenschlag. Alles kam durch gemeinschaftliche Anstrengung drei Treppen hinauf. Niemand oben empfing sie. Lucinde musste vor einer verschlossenen Tür die Herrlichkeiten hüten, bis die Frau Hauptmännin nachgekommen war. Sie kam mit den heftigsten Verwünschungen über die Höhe des Trinkgeldes, das der kleine Knirps von Kutscher gefordert hatte. Dazu die drei Treppen; sie brauchte Zeit, bis sie sich sammeln und das Vorlegeschloss ihrer wohnung prüfen konnte. Nachdem dies geschehen, genug gerüttelt und gerasselt war, schloss sie auf. Lucinde trat in einen kleinen gang, zu dessen Rechten die Küche lag. Hier machte die vornehme Dame Licht und beaufsichtigte den weitern Transport des Mitgebrachten. Beim Verschliessen der Eier im Küchenschrank beleuchtete sie einen steinhart gewordenen Laib Brot. Ja so! sagte sie. Unser Souper! Da, Jettchen, rasch! Flink! Drüben im Laden! Wo ist