, noch an dem selbst in dieser frommen Sphäre nach den Jagdpartieen üblichen hohen Spiel beteiligen, entzog er sich endlich dem beklommenen Abschied ... Das leichte, trotz des Schneeregens offene und freie Jagdwägelchen rollte von dannen.
Unterwegs pfiff der Wind nicht wenig. Die Brillengläser des kühnen Jägers beschlugen; oft verlor er den Atem, wenn der Wind umsetzte und Leibschütz und Kutscher, die vor ihm sassen, nicht mehr als Windfang dienen konnten. Dennoch wurde er nicht müde, Jagdanekdoten teils selbst zu erzählen, teils sich erzählen zu lassen, Anekdoten, die bis in die glänzendsten zeiten seiner Familie hinaufreichten und dem Ausspruch: Ecclesia sanguinem abhorret! keineswegs entsprachen; denn immer handelte sich's darum, wie Se. hochfürstbischöflichen Gnaden dazumalen entweder selbsten die Sau abgefangen oder sich von einem sichern Standorte aus Flinte auf Flinte, bereits geladen, hätten darreichen lassen und die herbeigetriebenen Rehe und Hirsche zum "Plaisix Serenissimi" zusammengemördert hätten ...
Gegen zehn Uhr war man auf Münnichhof ...
Auf diesem stattlichen Herrensitze, der noch mit Zugbrücken und einer Anzahl Lünetten für noch vorhandene alte eiserne Böller, mit Wällen und in einem grossen ringsumher gehenden Arm der Witobach mit vorgeschobenen Eisbrechern oder sogenannten Dücs d'Alba ausgestattet war und im inneren des Hofs in die Blüte und Herrlichkeit des siebzehnten Jahrhunderts zurückversetzte, fand man den grössten teil der Gesellschaft wieder, die neulich dem Freiherrn von Wittekind dei letzte Ehre gegeben hatte ...
Der Hof war belebt von dem Jagdzeug des Grafen, das mit den Contingenten der benachbarten Herrschaften, vorzugsweise dem grossen Jagdpersonal der Dorstes vermehrt worden war. Da standen die Wagen für die Jagdteilnehmer und für die gemachte Beute. Treiber und Jagdbursche hielten die Schweisshunde an der Leine und mancher von letzteren trug noch am Halse die "Korallen", einen Stachelring, nach dessen Abnahme man voraussetzen konnte, das gereizte Tier würde um so gieriger an die wilde Arbeit gehen. Der musikalische teil der Jagd war durch einige horngeschickte Jäger, vorzugsweise durch die in Jagdcostüme gekleideten Trompeter der Husarengarnison von Witoborn vertreten, ja sogar ein Bajazzo fehlte nicht – der buckelige Stammer hatte sich vom gräflich Dorste'schen Oberförster ein Costüm erbettelt und blies aus Leibeskräften mit den übrigen. In seiner grünen Mütze mit einer Feder sah er aus wie ein Heusprengsel und die Gräfin von Münnich, eine fromme Dame, die ohne eine kirchliche Busse nicht ins Teater ging, musste im Kreise ihres Besuchs wider Willen über ihn lachen, als sie auf einen Balcon hinaustrat, der in den Hof ging, angelockt von einem Horusolo, das jedoch des Guten zu viel tat und in Dissonanz verendete ...
Zu der Blüte des Adels, zu jungen und alten im Bann der hiesigen Anschauungen lebenden Cavalieren, auch Offizieren der benachbarten Garnisonen, hatte sich schon jetzt eine nicht geringe Anzahl Frauen gesellt. Amazonenhaft traten nur einige wenige auf. Mit Spannung erwartete man vorzugsweise die Damen aus dem Stifte ... Die fräulein von Merwig und von Absam blieben ohne Zweifel schon auf dem für den Beginn der Jagd abgesteckten Standorte zurück, an dem sie vorüberfahren mussten und wo sich alle diejenigen einfinden wollten, die erst über Münnichhof einen Umweg gemacht hätten ...
Terschka war nicht zu sehen ... Jeder fragte nach ihm ... fest stand, dass ihn seine Ritterlichkeit heute wieder zur Hauptperson des Tages machen würde ... In der Tat schon mit "Schussneid" sagte das Graf Münnich, ein schlanker, von Kopf bis zu Fuss jagdgemäss gerüsteter Herr, dessen Aufregung unter den zwanzig bis dreissig Cavalieren die lebhafteste war ...
Benno und Tiebold sollten gleichfalls kommen ... Letzterer als baldiger Herr des heute und bis zum Frühjahr zum letzten mal vom Jagdruf widerhallenden Waldes ... Der auch an ihn ergangenen Einladung hatte er um so weniger widerstehen können, als er nach den gestrigen schmerzlichen Erfahrungen für Benno's ihn "jetzt ängstigenden" Trübsinn und den minder gefährlichen eigenen die erheiternde wirkung eines solchen Vergnügens geltend machte, auch "nicht leugnen" konnte, dass ihm ein vom jungen Tübbicke in Witoborn schleunigst nach dem Modejournal angefertigtes Jagdcostüm nicht übel stehen müsste ...
In dem grossen Ahnensaal, in welchem neben den bis weit über den Westfälischen Friedensschluss hinausreichenden Familienporträts die wunderbarsten Hirschgeweihe hingen, solche sogar, die mit Baumästen verwachsen waren, nahm man ein Frühstück ein. Dann wäre man, da die, welche noch fehlten, aus dem gewählten Schiessstande im Warten ungeduldig werden konnten, unfehlbar aufgebrochen, wenn sich nicht die Scene auf eine eigentümliche Art durch das Eintreten einer Persönlichkeit geändert hatte, deren erscheinen hier Niemand erwartete.
Ein magerer Herr in mittlerer Statur, in der sogenannten Armeeuniform, die Brust mit Orden bedeckt, trat ein ... Hinter ihm folgte ein Jäger, der, wie alle Leibschützen, die Flinte seiner herrschaft trug ...
Der Landrat! ging es mit einstimmigem Murmeln durch die Reihen der aus ihren schon wieder angezogenen Pelzröcken und Ueberwürfen kaum erkennbaren Physiognomieen ...
Niemand war bestürzter, als der Wirt, Graf Münnich selbst ...
Was ist das? rief er erstaunt und allen hörbar ...
Bald stellte sich heraus, dass den Landrat von Enkkefuss Niemand eingeladen hatte ...
Noch mehr ... Der feierliche Aufzug des in dieser Sphäre schon lange durch die Zeitereignisse Proscribirten hatte etwas Beängstigendes ... Dass dieser weiland "schöne Mann", ein alter Cavalerieoffizier, sich mit der grössten Beflissenheit seinen Bart, sein Haar gefärbt, ja sogar