1858_Gutzkow_031_497.txt

, verwegen ergriff beim Eintritt in den dichtern Tannenforst ...

Im Geist hörte er, was sein Uebermut, sein Leichtsinn ihr zu sagen wagen würde: Wie hab' ich Sie einst schon gesucht an jenem stürmischen Regentag, als die Jugend von Lindenwert zur Villa in Drusenheim kam! Wie zog mich Ihre Flucht Ihnen nach! Den schnellsten Renner hätt' ich satteln lassen mögen vor Eifersucht, nur um der Dritte sein zu können unter denen, die in Ihrer Nähe weilen durften ...

Dann sah er Eulen auffliegen, die den Schnee von den Aesten verschütteten, auf denen sie gesessen ... Rehe, HirscheUntiere, sah er aufgescheucht vom Vortreiben zur morgenden grossen Jagd, durch die Gebüsche brechen ... Der Mond stieg am äussersten Rand des Horizontes empor ... Ausmalen musste er sich, wie er würde Abschied nehmen müssen an der Allee, die nach Heiligenkreuz führt, und wie er würde zurückkehren, wenn sein alter, gewohnter Lebensübermut ihn übermannt hätte ... Toll, toll würde er in die Nacht hinauslachen, bis – – plötzlich aus den büsche an jedem Seitenwege ein Bote seines vergangenen Lebens träteJean Picard, sein GespieleFranz Bosbeck, sein Lebensrettervan Prinsteeren, der ihn einst zuerst aufs Pferd gehobenjener Schweizersoldat, der ihn mit in die Alpen nahmer hörte das Stampfen der Rosse in der Kaserne der Lanzenreiter zu Romsah die Benfratellen, wie sie ihn in das Spital an der Tiber trugendann hatten sie alle, alle Todtenhemden an und Larven über dem Antlitz; es war die Bruderschaft della Morte ...

So noch fiebernd, so in Jesuitenart schwankend, so im zagenden Begriff zur Gesellschaft einzutreten, erschütterten ihn zwei Tatsachen, die dann noch zu gleicher Zeit auf ihn eindrangen ...

Um ihn her war es plötzlich seltsam lebendig geworden ...

Er sah, dass es die Anzeichen einer neuen Vision der Gräfin waren ...

Er hörte, dass Stimmen des Erstaunens durcheinander gingen ...

Er sah Bonaventura kommen ... sah diesen von Tante Benigna, von Onkel Levinus in hastigster Aufregung begrüsst, sah das Erbleichen des Domherrn, als ihm die Mitteilung wurde, dass Paula im Hochschlaf läge und von den schmerzlichsten Anschauungen gefoltert würde ...

Zu gleicher Zeit bemerkte er aber auch auf dem Corridor, der zu seinen Zimmern führte, im weitesten Hintergrunde und grell von einem Sonnenstrahl beleuchteteinen Mönch ...

Ein Lebender war das, der da herkam, aber seine funkelnden Augen schienen zwei Flammen aus den Höhlen eines Todtenkopfs zu sein ... Die Kiefern des Mundes bewegten sich ... Sie lächelten ihm von weitem so freundlich, dass die Grübchen auf den Wangen sich ausfüllten wie mit Blumen unter Leichensteinen ... Ein langes, weites, braunes Gewand hing wie über einem Skelet, das lässig, doch absichtsvoll daherschritt ...

Herr von Terschka? riefen Diener im Hintergrund ... Ist dort! sagten andere und schossen an ihm vorüber ...

Ahnend stand Terschka an der Schwelle des Eintrittsaales am Weihebecken ...

Der Mönch näherte sich ...

Zugleich sprach voll Schrecken Bonaventura, der neben Terschka stand: Um Gott, was sieht sie? ...

Eine Feuersbrunst! riefen mehrere Stimmen vom grünen Zimmer her ...

Unter Terschka wankte der Boden ...

Der Mönch kam näher und näher ...

Voll Schmerz und Verzweiflung liegt sie! erzählte man durcheinander ... Sie sieht ein Hans in Flammen! Sie fürchtet zu verbrennen! Kommen Sie! Helfen Sie, Herr Domherr!

Aber auch der, der einst Terschka aus den Flammen gerettet, kam näher und doch schien der Corridor sich weit, endlos zu erstrecken bis zu den Corridoren und Kerkerndes Al Gesu in Rom ...

Jetzt hielt der gespenstische Bruder einen Brief empor, der nur an Terschka gerichtet sein konnte, denn auf ihn, ihn blickte unverwandt das freundliche Nicken des Todtenhauptes ...

Es ist das Schloss, das brennt! berichteten neue Stimmen und riefen Bonaventura, dessen Hand Onkel Levinus ergriffen hatte, als sollte er hülfe bringen und Paula beruhigen ...

Das ist Hubertus! sagte sich Terschka und an seinem Arm brannte das Mal in lichterlohem Feuer ...

Bonaventura war aus dem Vorsaal in das grüne Zimmer getreten wie ein Hülfebringender, wie ein Rettender vor dem Tod in Feuersgluten, die er um sich her, seiner Ahnungen eingedenk, durch die Fenster hereinbrechen, rings das Gebälk ergreifen, eine Welt in Asche legen sah ...

Und auch Terschka sollte folgen ... Onkel Levinus erwartete es und harrte ...

Doch der Mönch, was willder Mönch? ...

Bruder Hubertus! sagte Onkel Levinus, ihn erkennend und nach obwaltenden Umständen erfreut begrüssend. Sie kämen schon zurecht, um auch hier aus Flammen zu retten? Die Gräfin hat eine schwere Vision ...

Bruder Hubertus trat lächelnden Mitleids naher, verbeugte sich, zuckte die Achseln, als wisse er gegen solche Offenbarungen der Gotteit keine hülfe, und übergab an Terschka, diesen immer mit seinen Augen wie verschlingend, den Brief, den er ihm schon so lange entgegenhielt ...

Terschka ergriff den Brief ... Das Siegel war geistlich – – noch kam es nicht aus Rom ... Pater Maurus, der Provinzial der Franciscaner, schrieb ihm nur unter dem grossen Siegel seines Klosters ..