1858_Gutzkow_031_495.txt

die Worte:

Zwanzig Meilen nach dem Westen, da gibt es ja noch Postverbindung! Oder wollen Sie etwa weiter nochnach dem Osten?

Vielleicht ...

Wohin?

Nach Wien!

Terschka horchte auf ...

Mit Ihrer Mutter! sagte Benno gelassen ...

Armgart schwieg ...

Mit wem? fragte er dringender ...

Erzählen Sie mir von der Tochter des Meiers! war Armgart's ausweichende Antwort ...

Mit wem? drängte Benno ...

Wie liess sie ihr Leben für den kranken Ritter?

Mit wem? wiederholte Benno und rief diesmal so laut, dass Armgart ihn um aller Heiligen willen um Ruhe bat ...

Was tat die Jungfrau? sagte sie dann ...

fragen Sie den Domherrn! antwortete Benno mit hörbarer Erregung und voll Bitterkeit. Ich glaube, sie sollte sich auf den Secirtisch der Anatomie legen und sich von den Professoren zerschneiden lassen! Das Mädchen, ein zweites Kätchen von Heilbronn, reiste richtig nach Salerno, bietet sich auf der Anatomie zu jedem Experimente anDie Professoren erstaunen und, wie beim Opfer Abraham's schon der Wille für die Tat gewirkt hatte, so wird auch hier der Ritter gesund und heiratet die Tochter seines Meiers ...

Das ist dumm! wallte Armgart auf ...

Wegen der Mesalliance? Oder erwarteten Sie den Opfertod?

Gewiss! ... Das Schicksal ist auch wohl so gnädig, wie ihr Poeten! Wo etwas Notwendiges von den Umständen vorgeschrieben wird, geschieht es auch! Das steht in den Sternen!

Armgart! Sie wollen so eigensinnig sein, wie manchmal denn dochdie Liebe Gottes n i c h t ist? Welchen Opfertod suchen Sie denn?

Armgart schwieg ...

Sprechen Sie, Armgart –! Was wollen Sie in Wien –? Ich beschwöre Sie! ...

Benno erriet nicht, welche Gedankengänge in Armgart schlummerten, welchen Opfertod sie meinte ... Dass aber Wien und Terschka zusammenhing, das musste ihm gewiss sein ... Terschka hörte, dass er eine Rede abbrach, die aus seiner mächtigsten Aufwallung zu kommen schien. Wie mit einer sich beherrschenden stimme sprach er:

Ich denke, Sie leben nur der Vereinigung Ihrer älteren?

Das tu' ich auch! In wenigen Tagen werden sie verbunden sein!

Wer sagt Ihnen das?

Meine Ahnung!

Was der Mensch getrennt hat, kann kein Gott wieder zusammenfügen! Selbst Sie nicht, Armgart!

Ateist!

Können Sie wissen, was sich Ihre älteren vorzuwerfen haben?

Nichts haben sie sich vorzuwerfen! Und wenn –! Die Kirche scheidet nicht! Sagten Sie nicht oft, Vater und Mutterbeide sind Menschen voll Hochherzigkeit und Edelmut? Und sie sollten sich nicht angehören? Nicht ewig?

Liebe erzwingt sich nicht! Das – – das sehe' ich ja!

Die Liebe ist ein Wahn!

Armgart!

Nur Gott ist die Liebe! Gott sagt, wen und was die Liebe wählen soll! ... Ha, Sie sprechen von Glück, Benno? Torheit, Torheit menschlicher Schwäche, die nur in Befriedigung ihrer eiteln Wünsche Beruhigung findet! Wohl! Schön muss es sein, herrlich zu leben, das geb' ich zu, wenn das Herz erreicht, wonach es verlangt ... Aber auch stückweise es hinzugeArmgart! rief Benno ausser sich voll Erstaunen ... Willst du mitleidig sein mit diesem jungen Mann, M u t t e r z u t r e n n e n , auf einem Irrtum beruht? ...

Armgart! Armgart! Ich beschwöre Sie, was geht in Ihnen vor? rief Benno ...

Ich lebeeinem Gelübde! ...

Himmel, kann denn irgendeine Tat Gott wohlgefällig sein, die Ihr Herz Gefahren aussetzt, für die keine, keine Himmelskrone Sie entschädigen wird?

Lästerung!

Wem wollen Sie Ihr Herz, Ihre Hand zum Opfer bringen? Warum, warum nur lieben SieTerschka?!

Kein Aufschrei Armgart's erfolgte ... Alles blieb still ... Lange, lange blieb es still ... Terschka begriff nicht, warum beide plötzlich schwiegen ...

allmählich begann Benno zu sprechen ... Er sprach so leise, dass Terschka nicht folgen konnte ... Dem Schlüsselloch Ohr und Auge zuzuwenden wagte er nicht, ungewiss, ob die nebenan herrschende Stille nicht jede seiner Bewegungen verraten könnte ... Vor seiner Phantasie stand Benno in diesem Augenblick, als müsste er Armgart an beiden Händen halten, müsste ihr tief in die Augen blicken, müsste mit ruhiger Ergebung ihr die ganze Wahrheit seines Herzens entüllen und ihr sagen: So sollst du hinschwinden, schöner Traum meines Lebens, und wer, wer konnte dich fesseln! Wer konnte dir werter sein, als ich! – –

Die Worte, die Terschka allmählich dann unterschied, lauteten:

Armgart! Wenn irgendjemand die Stimmungen kennt, in denen man, wie wir so oft in den Gärten des Enneper Tals nach den schwellenden Früchten über uns n i c h t langten, ebenso auch sein Glück dahinziehen lässt unerstrebt, so bin ich es! ... Aber bleiben Sie nur, Armgart! ... Ich wurde schon ruhiger, seit ich wusste, dass auch ein Freund Sie liebt! ... Denn wie wollen Sie es nennen, wofür die Sprache nur Ein Wort hat! ... Sie erklärten vorhin dem Freund ohne Zweifel mit derselben Bestimmteit, wie