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wissen Sie wohl, lieber Freund, damals in Lindenwert, als Sie uns zum ersten male besucht hatten? Es war ein Frühlingstag. Die Syringen blühten, die Nachtigall sang. Das Pensionat wanderte in die Sieben Berge. Sie, Asselyn, gingen mit uns und als wir in eine Schlucht kamen, die sich so wunderschön öffnete, ganz grün war sie und verlor sich dann in Felder mit goldenen Repssaatenda hiess es, dies Tal wäre die Aueund da sagten Sie bloss: Hartmann von der Aue! ... Wer ist das? fragte ich ... Ein Minnesänger! sagten Sie und setzten hinzu: kennen Sie das Gedicht vom armen Heinrich nicht –?

Eine Pause trat ein ... Benno schien sich zu besinnen ...

Vom armen Benno! sagt' ich wohlwarf er leise und bedeutungsvoll ein ...

Nein, nein, erwiderte Armgart, diesem Tone ausweichend, vom armen Heinrich, dem zu Liebe sich einst eine fromme Jungfrau geopfert hätte ... Sie wollten's mir erzählen und die dummen Mädchen kamen dazwischen mit ihren Eselnwissen Sie noch, sie wollten sämmtlich Esel reiten und die Steigbügel waren zu lang –?

Werden Sie denn morgen mit bei der Jagd sein? unterbrach Benno, der noch nicht zu ahnen schien, was Armgart Ernstes mit ihm vorhatte ...

Ich weiss es nicht! antwortete sie. Die Tante sieht soviel Gefahren ... Auch ist Paula heute wieder aufgeregter, denn je ...

Benno schien nur zuzuhören ...

Die Tante hatte den Münnichs versprochen, den Püttmeier'schen Bildern beizuwohnen ... Ich wenigstens könnte mit zu diesen trotz der Trauer ... Aber ich weiss es noch nicht ... Erzählen Sie mir von Hartmann von der Aue und vom armen Heinrich!

Liebe Armgart, begann Benno, dieser arme Heinrich war ein schwäbischer Ritter, der in den heiligen Krieg zog und das Unglück hatte, statt mit grosser Beute nur mit einer schweren Krankheit heimzukehren, die kein Doctor heilen konnte! Man nannte die Krankheit die Miselsucht. Ritter Heinrich war nicht einmal jung, vielleicht nicht besonders liebenswert, er war ein guter Guts- und Grundherr. Einem seiner Vasallen, seinem Meier, wie das altdeutsche Gedicht sagt, blühte ein Töchterlein, den Namen hab' ich vergessenwollen wir sieArmgart nennen?

Gewiss! antwortete Armgart und sprach dies ganz aus schwerem Herzen und voll ernster Zustimmung ...

Nun gut! Des Meiers Töchterlein, Armgart, hört von dem Leid des guten Ritters, der nach Salerno gereist war, wohin man damals reiste seiner in medicinischen Angelegenheiten berühmtesten Universität wegen ... Salerno liegt in Italien ...

Ich weiss! sagte Armgart auf Benno's nicht ganz harmlose Erklärung. Aber ihr: Ich weiss! war ohne jede Empfindlichkeit. Klärchen im "Egmont" konnte, abschliessend mit dem Leben, ihr elegisches: "Weisst du, wo meine Heimat ist?" nicht ergebener sprechen ...

Nun kommt eine Botschaft aus Italien! fuhr Benno fort, der Ritter könnte genesen, hiess es, wenn eine Jungfrau rein sich fände, die für ihn in den Tod ginge. Ich kann im Augenblick nicht sagen, liebe FreundinSie müssen den Domherrn fragen, der in diesen Gedichten heimischer ist, als ichob der Ritter das Blut der Jungfrau trinken oder in seine geöffneten Adern aufnehmen sollte ... Letzteres ist auf der Universität Göttingen neulich, das heisst umgekehrt, vorgekommen; ein junger Student hat sich dazu hergegeben, sein Blut durch Transfusion in die blutleeren Adern einer jungen hinsiechenden Frau hinüberleiten zu lassen ... Die junge kranke Frau wurde neubelebt durch Studentenblut ... Wird sie ihn nicht ewig lieben müssen?

Scherzen Sie nicht, Asselyn!

Sie glauben nicht daran? Dann glauben Sie auch nicht, wie zwei Freunde es machen müssen, die scheiden und sich in der Ferne treue Kunde geben wollen? – Gesetzt wir beide! Ich reise nächster Tage ganz aus Ihrer Näheund wer weiss, auf wie lange! ...

Asselyn! unterbrach Armgart mit einem sanften Tone, setzte aber, sich sogleich beherrschend, hinzu: Wie machen es zwei Freunde, wenn sie sich trennen und sich voneinander Kunde geben wollen? ...

Sie ritzen sich gegenseitig eine Wunde, füllen das tröpfelnde Blut einer dem andern in die seinige und lassen so sie heilen! Reist nun der eine gegen Amerika und der andere gegen Asien, so können sie sich ohne alles Briefporto, ohne alle Telegraphie im Nu verständigen. Der eine will dem andern sagen: Ich grüsse dich von ganzer Seele! – da nimmt er nur eine Stecknadel und sticht auf die geheilte Wunde. Im Nu fühlt der andere an derselben Stelle den Stich. Jetzt gibt er Acht; dieser erste Stich war nur ein: Hab' Acht! Nun nimmt er ein Blatt Papier, einen Bleistift und zählt die fernern Stiche, die er fühlt. So kommen bestimmte Buchstaben zusammen und zwei auf diese Art blutsverbundene Freunde können über tausend Meilen weit im Nu sich sagen: Es geht mir wohl! Ich liebe dich immer und ewig! Ich sterbe! ...

Benno! ...

Es dauerte eine Weile, bis Terschka Weiteres hörte ... Sein Herz schlug so laut, dass es ihm selbst hörbar wurde ...

Endlich schien Benno sich gefunden zu haben ... Wenigstens hörte Terschka