's Charakter, nicht zurückzubleiben, sondern trotz der grössten Aufregung einem Besuche zu folgen und ihm die Begleitung zu geben. An die Cadenz der Höflichkeit, die in der Jesuitenerziehung gelehrt wird, war er gewohnt ...
Wie er hinaustrat, war Benno auf einer der kleinen Lauftreppen verschwunden ...
Nun aber sah er am entferntesten Ende des Corridors eine seltsame Gruppe ...
Dort stand Armgart und reichte eben Tiebold de Jonge die Hand ...
Tiebold küsste diese Hand und sie liess es geschehen ...
Fast schien es, als hätte Tiebold auch einen bunten Gegenstand, den er in Händen hielt, mit Küssen bedeckt ...
Armgart schien sogar zu weinen ... Darauf deutete ein Taschentuch in ihrer Hand ...
Schweigend standen beide eine Weile in sich verloren; dann raffte sich Armgart auf, winkte mit der Hand ein Lebewohl und verschwand ...
Tiebold sah ihr lange nach, zog jetzt gleichfalls sein Taschentuch, trocknete sich – halb die Augen, halb trotz der Kälte, wie im heissesten Sommer, die Stirn und wandte sich, ohne aufzublicken, gleichfalls einer der Lauftreppen zu, die aus dem ersten Stock ins Erdgeschoss führten ...
Was ist das nur? sagte sich Terschka und schritt weiter, als müsste er Armgart anreden ...
Denn schon, schon fassten ihn die Geister der Versuchung. Eben noch hatten ihn die wenigen Worte Benno's über die Urkunde mit furchtbarer Macht an den Augenblick erinnert, wo sein General vor ihm stand und ihm sagte: Fände sich die Urkunde, die für die Antretung der Erbschaft unsere Religion bedingt, so würde sich das ganze verhältnis ändern, die Gräfin würde durch einen Familienpact den Grafen Hugo heiraten müssen und die Aufgabe für uns würde eine leichtere werden! Man riefe ihn dann vielleicht – nach Rom zurück ...
Aber dieser wie Donnerton auf ihn einbrechenden Gedankenreihe konnte er nicht volles Gehör schenken, die Mittelstufen derselben wankten, Seligkeit und Qual rangen wie im Titanenkampf ... Es zog ihn vorwärts und vorwärts ... Was sollte dieser Abschied von dem jungen Tiebold sagen? Warum nur stand vor ihm der liebliche Engel so seltsam bewegt? ... Wie verklärt diese Augen! Wie ganz dem Bild ihrer Mutter gleichend! Sie aber noch die wirkliche Jugend, das wirklich blühende Leben – kein Silberschnee des Haares, der die Jugend Lügen strafte ... Und Terschka's Abenteurernatur wurde entfesselter. Losgebunden regte sich die Seele des Emporkömmlings, der sich an alles hält, was ihn erheben und fortreissen kann. Eine der Krallen des apokalyptischen Tieres nach der andern, der "Probabilismus" und die siebenköpfige jesuitische Moral des: "Besser ist besser!" packte ihn in furchtbarster Gewalt ... Taumelnd folgte er ...
Er kam an das Ende des Ganges, der, da das Schloss im Geviert gebaut war, hier nur der Anfang eines im rechten Winkel sich einsetzenden neuen war ... Hier sah er, dass Armgart ein in den Hof gehendes Fenster geöffnet hatte und hinunterwinkte ...
Dem ihm zunächstliegenden Fenster sein Auge zuwendend sah er, dass es nun auch Benno war, den sie mit schwacher, erstickter stimme anrief ...
Benno unten verstand sie nicht sofort ...
Nun winkte sie ihm heraufzukommen ...
Benno eilte auf die erste der kleinen Treppen, die in den Hof gingen ...
Terschka zog sich zurück ...
Offenbar, sagte er sich, hat sie mit de Jonge eben eine Scene gehabt, die sie mit Asselyn ganz ebenso wiederholen will ...
Schon war Benno oben, schon hatte er dessen zwar leicht, aber doch ohne Zweifel tieferbebend Armgart dargebrachten Morgengruss vernommen ... Armgart erwiderte nichts ... Terschka hörte nur das Klappen einer Tür ...
Er trat dann wieder vor ... Armgart und Benno waren verschwunden ...
Das Zimmer, in das sie hatten gehen müssen, kannte er. Es war dasselbe, in dem neulich Bonaventura seine Mutter wiedergesehen. Nichts hielt ihn, am wenigsten die Moral seiner Bildung und Erziehung, zu versuchen, das Gespräch Benno's und Armgart's zu belauschen ...
Die Schlüssel der Zimmer standen ihm zu Gebote. Mit wenig Sprüngen war er beim Onkel Levinus, schützte das Interesse an einem alten Stammbaum vor, der in einem grossen Speisesaal hing, nahm die Schlüssel von der Wand, schloss etwa fünf bis sechs Türen entfernt von der, hinter welcher jenes Gespräch stattfand, einen Saal auf, schloss wieder hinter sich zu und ging vorsichtig und langsam durch die entweder offen stehenden oder nur leise aufzuklinkenden Verbindungstüren hindurch bis zu dem Nebenzimmer des Fremdenstübchens ...
Auch dort trennte ihn von dem Gespräch nur eine Tür, an die er sein Ohr legte ...
Es war kalt und schauerlich still in allen diesen altertümlichen Räumen, von denen einige mit grosser Pracht ausgestattet waren ...
Ihn kümmerte nichts ... Er horchte nur ...
Fussnoten
1 Wenn es ihm in seiner äusseren Lage gerade schlecht geht. 2 Auch aus den Schlechtigkeiten selbst heraus entwikkelt sich manchmal ein guter Anlass zur Bekehrung.
12.
Schon tief in seinen Erörterungen musste das junge Paar vorgerückt sein.
Dennoch staunte Terschka, eine scheinbar so ruhige Conversation zu vernehmen ...
Nein, nein, sagte Armgart mit so leiser stimme, dass auch nur Sein feines Gehör geschickt war folgen zu können – nein, nein,