entgegen, Armgart in die Gewalt ihres aus Amerika zurückgekehrten Gatten übergeben zu sehen. Terschka folgte. Er folgte sogar in der Absicht, Kocher am Fall zu besuchen. Er wollte diesen vielbesprochenen, noch in rätselhafte Nebel und Schleier gehüllten Ulrich von Hülleshoven kennen lernen. Aber die Erbschaftsfrage rief ihn zu bald nach Witoborn. Hier lebte er jetzt seit einem halben Jahre, in dem ganzen, äusserlich mit bewunderungswürdiger Virtuosität verdeckten Zwiespalt seines zerrissenen inneren, in der steten Angst vor einer Mahnung aus Rom, im Kampf mit Entschliessungen, die dann für ein ganzes Leben gelten mussten. Und wie war er jetzt so nahe gerückt allen massgebenden Momenten seiner Vergangenheit; seiner nächsten in der ausserordentlichen Katolicität der Gegend – seiner entferntesten in den plötzlichen Entdeckungen, die er über den Laienbruder Hubertus machen musste! ...
Hatte er eine Ahnung, dass sich ihm bald die mächtige Hand, der er nimmermehr glauben durfte entronnen zu sein, mit Riesenkraft nahen würde, so sollte sie sich in der Tat erfüllen ...
Er verbrachte eine schlaflose Nacht ...
Am folgenden Morgen begann er seine gewöhnliche Tätigkeit. Er klopfte an die Tür des Onkels Levinus, plauderte und rauchte mit ihm, liess sich von seinen alten Zauberbüchern, an die der Onkel nicht glaubte und die er dennoch mit hoher Andacht studirte, von seinen chemischen Präparaten erzählen, scherzte sogar über einen Homunculus, den der Onkel am Ende doch noch in der Retorte als seinen Erben und Fortpflanzer des Namens Hülleshoven hinterlassen würde ... er war dann einige Stunden im Rentamt, begrüsste die Damen nach der Toilettenzeit, begegnete auch schon wieder im schloss Tiebold, der wegen des inzwischen schon auf morgen angesetzten grossen Jagdfestes gekommen war und mancherlei über seinen Ankauf zu besprechen hatte, später begegnete er Benno, der den Nicht-Einladungen der Tante zum Trotz doch ab und zu plötzlich auf dem schloss erschien, da auch für ihn im Schreibamt des untern Geschosses Veranlassung zu Nachfragen genug gegeben war ... Allen diesen Begegnungen zeigte Terschka seine gewohnte heitere und zuvorkommende Art und doch war sein Inneres in rätselhafter Unruhe ...
Armgart, bleich und angegriffen, begegnete ihm wieder mit der Postmappe und liess ihn selbst seine Briefe suchen ...
Wiederum war ein Brief von ihrer Mutter darunter. Doch war das Couvert nicht mit ihrer Handschrift geschrieben. Der Poststempel zeigte auf einen Ort, der nur noch wenige Meilen entfernt war ...
Als wenn Armgart die richtige Ahnung hätte, dass dieser Brief, den Terschka befremdet an sich nahm und betrachtete, die Ankunft der Mutter verdecken sollte, fixirte sie den Empfänger ...
Oeffnen Sie ihn doch! sagte sie mit Bestimmteit. Es ist doch wohl nur ein Brief von meiner Mutter – nicht wahr?
Wie kommen Sie darauf? Sie sehen, die Handschrift –
Und jetzt freilich las Terschka am wenigsten ...
Ich weiss alles! sagte sie und warf die Mappe auf einen Tisch, der in der Nähe stand, und eilte davon ...
Terschka stand bestürzt. Ein Diener, der des Weges kam, hob einige herausgefallene Briefe und Zeitungen auf und trug die Mappe auf Terschka's Geheiss zum Onkel Levinus ...
Auf seinem Zimmer sah Terschka, dass Armgart recht hatte. Monika war in einer der nahe gelegenen kleinen Städte angekommen und deutete an, dass sie hoffte, in kurzem auf Westerhof zu sein. Sie machte Terschka nicht zum Vertrauten ihrer Absichten. Sie schrieb ihm nur um einer Einlage der Gräfin willen, die diese ihr mit besonderm Couvert abzusenden aufgetragen hatte; es war eine unbedeutende Sache, in der die Gräfin schrieb – sie wollte eben nur Monika zwingen, mit Terschka in Verbindung zu bleiben; sie war in ihrer Art eine ebenso fanatische Proselytenmacherin, wie die Jesuiten auch. Monika's Begleitschreiben wich allem aus, was ihr Terschka über das nächste Geschäftliche hinausgeschrieben hatte, ja es war förmlich ...
Terschka ging im Zimmer auf und nieder. Er verbarg den Brief und sagte sich: Vergebens! Vergebens! Diese Hoffnung erfüllt sich nicht! Das ist ein Traum gewesen, der nur in meiner Phantasie gelebt hat! Dahin ziehen dich deine Sterne nicht! ...
Nun musste ihn Armgart's Wesen befremden. Er hatte ihm anfangs nicht viel nachgedacht. Seit einigen Tagen bildeten sich ihm in seinem inneren Gedankenreihen darüber. Liebt dich denn wohl gar dies seltsame Mädchen? sagte er sich schon seit längerer Zeit. Sie wollte von ihm reiten lernen. Er hatte damit auch begonnen und sich überzeugt, welche Geister sich in ihrem inneren befanden – gebunden und wie entfesselbar! Heute war ihr Benehmen wieder zu auffallend gewesen ... Es flammte und brauste in seinem inneren ... So kalt die Luft ging, er musste das Fenster aufreissen ... Träume, Wahngebilde der berauschendsten Möglichkeiten umgaukelten ihn ...
Da klopfte es an sein Zimmer und Benno war es, der nur flüchtig hereinschaute ...
Bester Baron, sagte er mit dem ihm eigenen ironischen Lächeln, das seine Lippen vorzugsweise Terschka gegenüber umzog; wissen Sie schon, das Obertribunal hat gestattet, dass Nück's Verlangen, noch einmal die Archive von Westerhof in Ihrer und meiner Gegenwart untersuchen und nach seiner verdammten Urkunde kramen zu dürfen, genehmigt wird! Herr von Hülleshoven hat dafür den nächsten Montag bestimmt. Ist es wohl da auch Ihnen genehm?
Auf sein: Mit Freuden, Herr von Asselyn! war Benno schon verschwunden ...
Es lag in Terschka