zurücknehmen geradeswegs nach Italien in die unterirdischen Kerker, die es im al Gesù gab ... Oft auch wünschte er's, wenn sein Gewissen zu heftig zu schlagen, seine Furcht zu heftig ihn zu erschüttern begann.
Für Terschka war der geistliche Stand nur das gewesen, was Andern die Schul-, Gymnasial- und Universitätsbildung überhaupt. Nur durch Sklaverei hatte er zu einer schöneren Freiheit gelangen können. Aber die Kette liess ihn nicht. Er zog sie überall hinter sich. Er zog sie mit den Jahren schwerer und schwerer, unmutiger und unmutiger. Durch die ihm gestattete Freiheit trat er in eine lebhafte Welt der Discussion ein. Das war damals ein Geist der Freiheit, der Opposition gegen die herrschaft des allmächtigen Staatskanzlers, eine Lust am Verbotenen und Versagten bis in die höchsten Kreise hinauf, ja bis in die der Unterdrücker selbst, die heimlich mit dem liebäugelten, was sie öffentlich verfolgten. Wie konnte er gegen die Mode des tages Einspruch tun? Er scherzte mit den andern, lachte mit den Spöttern, verteidigte nichts, was zumal, wär' es gerade von ihm festgehalten worden, über seine wahre Lebensstellung hätte Verdacht erwecken können. Doch nicht ungestraft wandelst du unter den Palmen! Du lernst die süsse Luft der Freiheit lieb gewinnen! Die erquickenden Schatten laden dich zum traulichen Hüttenbauen ein! ... Terschka kämpfte mit sich, ob er die Fessel, die ihn hielt, nicht einst brechen, seinem Freund und der von ihm hochverehrten ehrwürdigen Mutter desselben ganz und für immer sich offenbaren sollte.
Die Bekanntschaft der "Frau in silbernen Locken" vermehrte bis zur Unwiderstehlichkeit in seiner Brust den Drang, diesen Entschluss zu ergreifen. Die Liebe als reine, geläuterte Flamme des Herzens kannte er nicht. Er war ein Wildling gewesen, ein Wanderer der Heide, ein Gaukler, ein Zigeuner. Je schreckhafter er auf das zurückblickte, was er einst war, je gewissensbanger er an seine unwiderruflichen Gelübde dachte, desto ungestümer wuchs sein Verlangen, in allem und jedem das reinigende Feuer der Bildung auf sich wirken zu lassen und die Schlacken der Seele von sich zu werfen. Gerade Monika's religiöser Freimut durfte ihn fesseln. Frauen von Geist und Grazie kannte er genug, Allen war er wert; seine immer gleiche Weise war jeder weiblichen natur willkommen, besonders da, wo sie im Mann vorzugsweise nur einen Ableiter ihrer Laune zu haben wünscht. Monika's Geist aber war positiv. Sie hatte Ueberzeugungen und konnte Partei ergreifen. Die Menschen sind so dumm, so dumm! Mit einem Zorn konnte sie das ausrufen, dass ihre Augen Funken sprühten. Terschka hatte nur immer zu beruhigen und in die Bahn des Hergebrachten zu lenken. "Sie sind der ewige Leimer und Versöhner!" sagte sie dann wohl. "Sie vermählen den Grosstürken mit der Republik Venedig! Was wäre die Welt geworden, hätte es nicht Frauen von Gesinnung gegeben! Perikles lernte Reden erst halten von Aspasien! Die Kraft der Römer lag in ihren Gattinnen und Müttern! Die Frauen haben das Mittelalter vor dem Uebermass der Barbarei bewahrt! An jeden grossen Namen des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts knüpft sich eine Frau, die für ihn kämpfte, mit ihm litt, seinen wankenden Mut befeuerte! Napoleon herrschte noch heute, wenn er einer Frau von Geist, vielleicht der Staël, die ihn liebte – sie hasste ihn wenigstens nur aus Liebe – hätte vergeben können, dass sie hässlich war!" Graf Hugo sagte eines Tages in seiner trockenen und einfachen Art: "Das vergibt sich schon, meine gnädige Frau, wenn man nur eine solche hässliche Frau nicht dann auch sogleich wiederlieben soll!" Die Mutter fand den Beruf der Frauen für grosse Eingriffe ins Leben vollkommen bewiesen durch die Schrift. Sie pries nicht die immerhin etwas zweideutige Tat der Judit, wohl aber die der Deborah, die alles Volk zum Kampfe wider Sissera auffoderte, ja jene Jaël sogar, die dem Sissera, als er schlief, einen Nagel durch den Kopf trieb; nur hätten diese Frauen alle dabei Gott die Ehre gegeben, was man von den ateistischen Gönnerinnen der "Herren Rousseau und Voltaire" nicht sagen könne. "Chère maman", sagte Graf Hugo scherzend und voll Artigkeit den Dampf seiner Cigarre zum offen stehenden Fenster hinausblasend, "il y en a encore beaucoup de femmes, die uns den Kopf – 'vernageln'! Mais, chère maman, – sie müssen hübsch sein!" Terschka vermittelte und kam auf Napoleon zurück, auf Josephine Beauharnais, auf die Liebe eines einfachen und rein – weiblichen Weibes – "Pah", sagte Monika, "Josephine Beauharnais war empfindlerisch und verstand sich nur in türkische Shawls zu drapiren!"
Hätte Terschka, den Schwur vergessend, der ihn gefangen hielt, die Liebe Monika's gewinnen können, er würde sich zu allem entschlossen haben, was zur vollständigen Erreichung seines Glücks gehört hätte. Traten Beide zur Confession der Gräfin Erdmute, ihrer Gönnerin, über, so war ihre Verbindung möglich. Aber Monika vermied seine Bewerbung. Sie verstand sie nicht oder gab sich den Schein, sie nicht zu verstehen. Sie wich den Beweisen seiner gefälligkeit aus. Es gab etwas, was sie von ihm zurückschreckte. Nur die stete Rückkehr der Gräfin auf ein gewisses, wenn auch nur angedeutetes und erst kurz wieder vor ihrer Reise nach England offen behandeltes Kapitel fing an sie zu beunruhigen. Sie floh vor einer Aufregung ihres inneren, die ihr unheimlich wurde; sie floh der Gefahr