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sollte wenigstens hinter dem Landrat nicht zurückstehen.

Klingsohr musterte die nach französischer Auffassung in Alabaster ausgeführten griechischen Statuen des Zimmers, die Landschaften aus der Schule Claude Lorrain's und Berghem's ...

Kein anderes Gnadenbild hier, sagte er, als Sie selbst, Lucinde!

Lucinde bestätigte, dass auf Schloss Neuhof die Religion nur in den Wirtschaftsgebäuden und den hintern Wohnungen vertreten sei, den Kammerherrn ausgenommen, der noch immer mit dem schwermütigen und gewissenskranken Grafen Zeesen in Briefwechsel stand ...

Beide reisten in Italien! sagte Klingsohr. Jérôme hoffte schon lange durch Beten ein grosser Maler zu werden wie Frâ Fiesole!

Nun waren alle Vorrichtungen des Abendimbisses aufs prächtigste getroffen.

Klingsohr streckte sich mit Behagen in einem Fauteuil, vor dem eben von zwei über alles wie verblüfften Dienern angerichtet werden sollte. Bei jeder gelegenheit, wo diese Zeugen fehlten, ergriff er Lucindens Hand, diese an sich ziehend, mit Küssen bedeckend und seine Unmöglichkeit, sich in die Märchenwelt zu finden, aufs neue versichernd.

Eben kamen die Diener zurück, lauschend, horchend ...

Lucinde fragte, nur um zu sprechen:

Jetzt aber Ihre Erbtugend? Was ist das?

Erbtugend, sagte Klingsohr in einem ihm beim Aussprechen von Gedanken und Versen eigenen singenden Tone; Erbtugend! Die ist der ewige Rückschlag des Geistes gegen die natur! Sie ist die Flut, wenn die Sünde die Ebbe! Sie ist vielleicht auch nur das ewige Philisterium, an dem selbst die Titanen litten, wenn sie zu viel Kaukasuswein getrunken hatten! Möglich, dass dieser Erbtugend jene eingeimpfte Furcht vor der Hölle zum grund liegt oder die Furcht vor einer Tracht Prügel, jene Furcht, von der bekanntlich die romantischsten Liebhaber Boccaccio's und Bandello's nicht frei sein konnten ... Ja! Lucinde! Ich weiss doch, dass ich hier ein Romeo bin, auf den plötzlich "zehntausend Tybalts" eindringen werden mit einigen Doubletten der allbekannten neuhofer Hundepeitsche!

Lucinde widerlegte jetzt ungeduldig werdend seine erneuerte Furcht und erklärte das festere Schliessen aller Türen durch das Wetter, d a es unheimlich dunkel wurde. Der Abend schien ein Gewitter zu bringen. Dunkelbraune und rote Wolken zogen immer dichter von Westen her. Zwischen dem Läuten der Abendglocken hörte man schon die fernher rollenden Donner.

Klingsohr ergriff Lucindens Hand und sprach, da sie jetzt allein waren und nur noch das zu servirende Mahl fehlte, mit dem eigenen Aufschlag seiner grossen, wenn er wollte, festen und bestimmten Augen:

Wer in der romantischen Zeit nicht Frau Venus mied,

Wohl gar einem Eheweib sein Herz verschenkte,

Dem geschah's, dass man ihn manchmal briet

Oder an einen neuen Galgen henkte!

So hört sich noch jetzt, minnt man ein schönes Weib,

Besonders vom Nachbarn Herrn Philister,

Selbst im holdseligsten Zeitvertreib

Ein feurig Geknatter, ein flammend Geknister.

Gibt sie ein Löcklein zum Liebespfand,

Und steckst du's zu bergen zur tasche,

Fühlst du doch dabei was wie Henkershand

Und um den Hals die vergeltende Masche!

Das ist das Gewissen! sagte Lucinde scharf betonend. Da er sie küssen wollte, hielt sie ihn zurück.

Nein, Erbtugendwollte Klingsohr in seiner gewohnten Phantastik fortfahren

Aber indem wurde das Nachtmahl hereingetragen. In dem noch allgemein nachdauernden Schreck vor dem Benehmen des Kronsyndikus geschah dies mit denselben Förmlichkeiten wie bei dem vornehmsten Besuche.

Was ist das nur alles? rief Klingsohr aufs neue, wie irr sich an die Stirn greifend ...

Lucinde versicherte, dass allerdings irgendetwas Grosses geschehen sein müsse, um den Kronsyndikus so für ihn einzunehmen. Nicht nur, dass er diesen Empfang angeordnet hätte, auch für die Entdeckung, dass beide schon lange sich sähen und sprächender buckelige Stammer hätte geplaudertwäre seine Milde bewundernswert gewesen. Er dächte daran, setzte sie hinzu, sie ganz so glücklich zu machen, wie er ... wie sie ... selbst es zu werden wünschte.

Lucinde! rief Klingsohr voll Entzücken und warf Gabel und Messer fort. Wann wirst du mein? Bald! Bald! "Balde auch du!" singt Goete. Warum kommt mir das traurige "über allen Wipfeln ist Ruh" in diesem Augenblick! Nicht wahr? Die speisensind vergiftet?

Als Lucinde ein Ja! nickte und dabei auffuhr, um nach der Fortsetzung des Mahles zu klingeln, verfolgte er sie.

Hexen, sagte er, Giftmischerinnen gab es von je auf Neuhof! Du selbst bist eine von diesen alten Alraunen, diesen Zauberweibern ... gerade so eine Hexe, wie meine Mutter von einer erzählte, die sie das fräulein Gülpen nannte ...

Au! unterbrach er sich selbst mit einem leisen Schrei.

Was ist? fuhr sie doppelt betroffen zurück. Klingsohr hatte den Namen der Hauptmännin in dem Augenblick ausgesprochen, wo er seine rötlichen kurzen Locken an ihr Brusttuch drückte ... Er antwortete: Wenn ich dich küssen soll, mein Kind, was soll es

taugen,

Dass du mit Nadeln dir besteckst die Brust! Den Liebenden war immer nur bewusst: Gott Amor sticht ins Herz und keinem in die Augen!

O! rief Lucinde und sah ihr Vergehen ... An der Wange, dicht neben einer seiner vielfach schon zwischen ihnen besprochenen Narben, hatte eine Nadel ihm eine leichte Schramme gerissen.

Lucinde riss die Nadel vom Tuche, griff nach der Krystallflasche voll wasser auf dem Tische, goss wasser in die hohle Hand, tauchte ihr Taschentuch ein und drückte es ihm auf