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sich aus dieser Verbindungfür seine Gelübde ergaben. Ueberhaupt welches war das Ziel, auf das er zusteuern sollte? Der Graf hing sich an ihn mit der ganzen Innigkeit, die jungen Männern in jener Zeit eigen ist, wo hunderterlei Vorkommnisse ihrer fröhlichen Lebenslust Rat, Beistand, bald Schmeichler, bald Warner bedürfen. Bald schon konnte Graf Hugo nichts mehr ohne Terschka unternehmen. Terschka wurde der Vertraute aller seiner liebes-, Ehren- und Geldhändel. Terschka's Klugheit, seine im grund schüchterne und masshaltende Denkweise, seine Lebenserfahrung gaben in allen Lagen die Aushülfe. Dann sich aber dabei selbst freihalten von den Einflüssen eines solchen Umgangs, vermochte der Genosse nicht länger. Es gab Spiel- und Trinkgelage, Abenteuer, wie sie Boccaccio geschildert hat: wie sollte der Priester sich verhalten? Er bat seinen Vorstand in Rom um eine Beruhigung seines Gewissens.

Aus allem, was er erfuhr, trat ihm klar entgegen, dass ihn die oberste Ordensgewalt aller Rücksichten und Pflichten des Gewissens entband. Der Rittmeister Wenzel von Terschka sollte mit dem Grafen Hugo von Salem-Camphausen zwar nicht ganz nach den Worten des Mephisto verfahren:

"Umgaukelt ihn mit süssen Traumgestalten!

Versenkt ihn in ein Meer des Wahns!" –

sollte ihn nicht absichtlich in die Verderbniss locken, damit er auf der letzten Stufe des erklommenen Tempels der Freude niedersinke mit erschöpfter Kraft und Terschka in der Gewalt hatte, dann das eroberte Opfer dem Schoos der Kirche zuzuführen (oft hatte die Kirche diesen Triumph erlebt) – aber begleiten durfte ihn Pater Stanislaus auf Tritt und Schritt, durfte leben wie er, lieben wie er; nur die Heiligung des Mittels durch den Zweck durfte nicht fehlen. Mitten in diesem Taumel sollten die Ruhepunkte, die schon für den Grafen zuweilen eintraten, dann und wann für harmlose Erweckungen benutzt werden; Erweckungen, die jedoch nur gelegentlich, ganz nur wie zufällig und absichtslos einzustreuen waren ... So wenigstens beschied man ihn ...

Wie jedoch der menschliche Geist einmal ist, so kann er, wenn auch noch so geschult, niemals für sich gutsagen, wo ihm das Glück der freien Bewegung zu teil wird. Terschka lebte mit dem Grafen Hugo bald von seinem Zögling Dirigirte. Vollkommen hatte er mit der Zeit verstanden, was er sollte; er hatte Winke und Anweisungen erhalten, die in zweifelhaften Fällen sogar eher das Schlimme, als das Gute zu wählen anrieten und so war er dem natürlichen zug seines fast gleichalterigen Freundes gefolgt, ergab sich ihm mit voller anhänglichkeit, liebte ihn und liess sich von ihm beherrschen, statt dass er ihn beherrschte. Die Berichte, die er nach Rom einsandte, wurden unwahr. Terschka gab Zusicherungen über Richtungen des Gemütes, in die sein Zögling verfallen wäre, die jeder Begründung entbehrten. Nun kam die Furcht der Obern, der junge Graf könnte in solcher Stimmung wohl gar in die ascetische Richtung seiner Mutter verfallen. Kannte man auch ohne Zweifel im al Gesù das deutsche Sprichwort: "Der Weg nach Rom geht über Herrnhut!" so würde doch die ganze Bemühung verfehlt gewesen sein, wenn der Graf sich zuletzt in die Leitung seiner Mutter begeben und deren separatistische Entschiedenheit angenommen hätte. Demnach erteilte man die Zustimmung zu dem Bedenken, ob Terschka die Kraft des weiblichen Princips, das den Grafen in leichterer Weise beherrschen konnte, verstärkte. Damals war ein eigentümlicher Collisionsfall im Leben des vornehmen Cavaliers eingetreten. Jene Angiolina, die er in der dalmatinischen Stadt Zara bei einer Kunstreitergesellschaft gesehen hatte, war von ihm in einem gemütlichen zug seines Wesens, das von plötzlichen Einfällen beherrscht wurde, vor acht Jahren ihrer truppe abgekauft und in eine Pension gegeben worden. Das elfjährige, bildschöne Mädchen hatte er dann und wann wiedergesehen, stets mit einer mächtigen Erregung seines Gefühls. Immer überraschender, immer reicher entfaltete sich die Bildung Angiolina's. Einmal gab er sie weit fort aus seiner Nähe, nur um sich nicht hinreissen zu lassen und nicht seinem Gefühl zu folgen. Die Neigung Angiolina's für ihren Wohltäter war die gleiche. Auch sie floh die Bestrickung ihres Herzens, wenn der schöne junge Mann im glänzenden Harnisch vor ihr stand, das sonst so feurige Auge in milder Dämpfung auf sie niedersenkend. Einige Jahre lang währte dieser Kampf. Terschka wurde der Vertraute. Er nahm zuletzt Partei für den Gedanken, ein so reines Bild nicht zu zerstören. Graf Hugo hegte ihn selbst und litt doch darunter. Oft warf er sich dem Freunde an die Brust und rief: Ich kann nicht ohne sie leben! Von Rom kam eine dunkle Weisung, die fast an das Wort der Schrift erinnerte, dass ein Sünder dem Himmel lieber wäre, als zehn Gerechte ...

Pater Stanislaus sah das Mass der künftigen Reue sich mehren, wenn Verhältnisse eintraten, die nicht auf die Dauer so bleiben konnten. Die "Prolusio" malte es ihm aus: Endlich verlässt doch ein so vornehmer Herr seine Geliebte wiedervielleicht war es eine Verbindung wie die Ehedie Gräfin Paula verlangt nicht nur ihre standesmässige, sondern die volle, auch sittliche Höhe ihrer Rechte als Gattinder im stillen gedemütigte Gatte wird schwächer und schwächer und muss der Gattin zuletztein Opfer bringen, jenes, das, wenn auch stumm, die Gattin und die Kirche verlangen ... Aqua Toffana das der Jesuitenmoral! Gift aus einer nur zu vollkommenen Kenntniss unserer natur gezogen! Wo ist da noch Sünde, wenn das Leben des einzelnen nur ein teil einer grossen Maschine wird, die