Nation gefunden, wie diese – und ich bin viel gereist –! Ohne Charakter ist sie in allem! Ich habe die schönsten und vornehmsten Frauen gesehen, die dem König Hieronymus den Hof machten und seine Gunst zu gewinnen suchten. Und dabei rühmen sich diese, besonders in der vornehmen Sphäre so gesinnungslosen, unpatriotischen Deutschen fortwährend ihrer Treue und Ehrlichkeit!
Terschka kannte Deutschland wenig und liess sich belehren ...
Die Herzogin gab ihm eine Reihe von Verhaltungsmassregeln, ohne zu wissen, in welchen Aufträgen er nach Deutschland zu reisen hatte ...
Erst jetzt, in den gegenwärtigen Stimmungen Terschka's, kam ihm die Erinnerung, dass die Herzogin von Amarillas damals sicher von einer Gegend sprach, die mit der, in welcher er sich jetzt befand, die nämliche war ... Sie hatte damals Namen genannt, die seinem Gedächtniss erloschen waren ... Immer sinnender, immer vor sich hinbrütender hatte sie gesessen, das Haupt auf die vergoldete Lehne eines hohen Rococosessels gestützt, ja nicht einmal bemerkend, dass Olympia in einem seidenen Kleide durch die Zimmer rauschte, die "Nichte" des Cardinals, ihre Schutzbefohlene ... Dem jungen, inzwischen herangewachsenen, wenn auch nur kleinen Mädchen, das ihr dunkelschwarzes lockiges Haar mit einem goldenen Reifen umschlungen hielt und einen fast gehässigen, medusenhaften Ausdruck des Kopfes bekommen hatte, war die Erinnerung an den Tag in der Reitschule gänzlich entschwunden ... Die Herzogin erinnerte sie daran ... sie erwähnte nicht ohne Herzlichkeit die Gedichte, die ja Pater Stanislaus aus dem Collegium an sie geschrieben hätte ... Olympia machte eine spöttische Miene und wandte sich kalt und gleichgültig ab ...
Inzwischen wurde der Cardinal gemeldet ...
Wenn in Rom ein Cardinal einem Privatause die Ehre seines Besuchs erteilt, muss ihm die Herrin desselben mit zwei Wachskerzen auf silbernem Leuchter entgegengehen und ihn wie einen Fürsten schon an der Treppe empfangen ...
Tiburzio Ceccone, der noch jugendliche, lebensmutige Lenker der Gerechtigkeit im Kirchenstaat, erschien als ein noch immer schöner, imponirender Mann in der Tracht der Cardinäle, wenn sie ausserhalb ihrer Functionen sind, im schwarzen Habit habillé mit rotem Vorstoss, roten Knöpfen, kurzen schwarzen Beinkleidern, langen roten Strümpfen, rotem Sammetkäppchen, darüber ein langer schwarzer Krämpenhut, auf dem rücken ein schwarzes Abbémäntelchen ...
Der Cardinal entsann sich vollkommen des Paters Stanislaus und erkundigte sich mit forschend zusammengedrücktem Auge nach dem Ziel seiner Reise ... Die Befangenheit Terschka's, der ihm ausweichend antworten musste, mochte er sehen, doch machte ihn seine Liebe zu Olympia so zerstreut, dass Terschka reden konnte, was er wollte – er würde nur zu allem wie abwesend genickt haben ... Offenbar war er über Terschka's Mission im Unklaren. Er pries die Fortschritte der Gesellschaft Jesu, namentlich im Kaiserstaate, und sprach von einer Stadt an einem grossen Flusse, wo ihre Hauptniederlassung sein sollte. Die Herzogin glaubte gleichfalls eine solche Stadt mit einem Kranz von Bergen zu kennen, nannte aber den Fluss nur klein. Sie verständigten sich beide in der Geographie Deutschlands wie über ein Land, das im grund ein einziger grosser wüster Wald wäre, bewohnt von einem Geschlecht von Menschen, die an Unbildung und dabei, wie die Herzogin wiederum hinzufügte, an Verschmitzteit ihresgleichen suchte. Sie ihrerseits schien Witoborn an der Witobach, der Cardinal Linz an der Donau im Auge gehabt zu haben – Deutschland war ihnen beiden ein und dasselbe Sibirien.
In Gnaden entlassen, empfahl sich Terschka, reiste ab und nahm bereits in Venedig seine neue weltliche Tracht an. Ueberall producirte er den Pass, der ihn als einen beurlaubten päpstlichen Rittmeister bezeichnete. Sein Talent, sich in seine neue Rolle zu finden, musste bald sogar ihn selbst überraschen. Hätte er nicht annehmen müssen, dass, wie gewöhnlich, ihm ein Wächter gestellt wäre, der alle seine Schritte beobachtete, er würde seine Freiheit in vollen Zügen genossen haben.
Bald fand sich eine gelegenheit, die Bekanntschaft des Grafen Hugo zu machen.
11.
Die erste Begegnung mit dem damals schon dreissigjährigen Grafen Hugo fand in Bruck an der Leita statt, wo dieser in Garnison stand.
Wir schildern sie nicht, da sie sich schon aus allem entnehmen lässt, was wir von Terschka's persönlichen Talenten und aus den Erinnerungen der Gräfin Erdmute wissen.
"Das ist ja ein Jesuit!" hatte der edlen Frau sofort bei der ersten Bekanntschaft mit diesem neuen Freunde ihres Sohnes eine innere ahnungsvolle stimme gerufen. Ein Beweis auch zugleich, dass Terschka damals noch ganz die Weise des Paters Stanislaus hatte.
Damals war Terschka noch höflich bis zum Unterwürfigen, zart bis zum Süssen. Er sprach und hörte zugleich auf das, was neben ihm von andern gesprochen wurde, und billigte es zwischen seine eigene Rede hinein, wenn er sie auch doch inzwischen fortsetzte. Er verteidigte nichts, was irgendjemand unangenehm berühren konnte. Er sprach von seiner Jugend mit einem verklärten blick gegen Himmel und folgte der Phantasie der Gräfin bis auf die Anfänge der Hussiten, bis auf die Trommel aus Ziska's Haut, bis auf den Kelch in der Fahne der Utraquisten – all diese Vielseitigkeit und Nachgiebigkeit lernt sich aus der Kunst der "Prolusio". Geistig war er so biegsam, wie er nun auch wiederum körperlich werden konnte. Seine Reitkunst war die magische Kraft, die bald den jungen Offizier und dessen Kameraden an den päpstlichen Rittmeister ausser Diensten fesselte.
Nach einem halben Jahr empfand Terschka wohl die vielen Bedenklichkeiten, die