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, wenn Siein die Welt zurückkehren! Ein Rednerdas würden Sie nicht; zur Gelehrsamkeit und zum Unterricht fehlte Ihnen die Ruhe; Ihr praktischer Sinn wäre es, in dem sich alle Ihre Vorzüge undIhre Fehler zu einer möglichst guten Nutzanwendung vereinigten!

Terschka's schon gründlich jesuitisch gewordenes Naturell grübelte, wer wohl sein Ankläger gewesen sein mochte ... Dergleichen war schwer zu erforschen. Seiner schmiegsamen natur gelang es vielleicht. Doch wusste er, diese Contra mussten ja bei einem Gericht stattfinden, Fehler mussten mit Gewalt aufgesucht werden, nur um der Gerechtigkeit nichts zu vergeben ... Täglich wurde man so geübt im Beurteilen der andern ... Gingen zwei Jesuiten spazieren, so musste einer vom andern berichten, was sie unterwegs gesprochen hatten ...

Fassen Sie keinen Groll gegen irgendjemand! fuhr der General fort, der die in Terschka's Innerem sich entwickelnden Gedankenreihen übersah. Scheiden Sie von uns allen wie von Ihren Freunden! Auch nicht einer ist, der Ihnen nicht Gerechtigkeit widerfahren liesse; nur sind die Gaben mannichfach verteilt und je mehr Ihnen der eine vom Einen nahm, desto mehr musste er Ihnen vom Andern lassen! Vorzugsweise besitzen Sie Ein Talentdas Talent, sich beliebt zu machen! Viele versuchen sich darin. Nie aber sah ich so glückliche Erfolge, wie bei Ihnen! Sie werden in Wahrheit von uns allen vermisst werden ...

Pater Stanislaus lächelte bescheiden und harrte voll Spannung ...

Der Auftrag, der Ihnen erteilt wird, hängt mit unsern Missionen zusammen ...

Mit unsern Missionen! ... Terschka erwartete ein Reisezieljenseit des Meeres ... Seine Wünsche waren indifferent, doch schien die Aussicht, jenseit der Meere oft grosse Gefahren bestehen zu müssen, nicht besonders lockend ... Dennoch beherrschte er sich ...

Jetzt lächelte sogar der General. Er musste Pater Stanislaus bewundern, der nicht eine Miene verzog oder sonstwie seinen Verdruss zu äussern wagte ...

Ich meine die innere Mission, setzte der General hinzu, die Verherrlichung unsers Ordens in der Sphäre der Lüge und des Abfalls! Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Norden, von dem Sie herkamen! Zunächst auf den grossen deutschen Kaiserstaat! Erinnern Sie sich, dass kurz nach dem Schisma, das die Kirche dem abgefallenen Augustinermönch verdankt, Oesterreich zu sieben Achtteilenzu sieben Achtteilen! – von Rom abgefallen war! In Wien konnte ein Luteraner sagen: In mein Haus lass' ich nicht die heilige Wegzehrung bringen! ... Durch uns ist das Kaiserreich in den Schoos der Kirche zurückgeführt worden! Die Mittel und Wege dazu waren mannichfach ... Sei Ihnen vorläufig diese Mitteilung über Ihre künftige Verwendungals Anlass zur Prolusio empfohlen ...

Damit war Pater Stanislaus für heute entlassen ...

Zur Prolusio –! ... Zum Vorspiel der Phantasie –! Aber wie nahm das Wort des Generals auch jetzt den ganzen Menschen gefangen! ... Terschka war Mönch, Jesuit, Priester geworden, um sich aus einem Leben aufzuschwingen, das seinem Ehrgeiz nicht entsprach. Adeliger Geburt und dennoch musste er dienen ... dienen in einer Stellung, die ihm keine weitere Erhöhung für die Zukunft darbot ... Er ergriff den geistlichen Beruf als einzige Rettung und er war nicht undankbar. Nichts hatte er gewusst, als fremde lebende Sprachen, er wurde durch den Orden ein Mann höherer Bildung. Dass es andere Bildungsformen in der Welt gab, als die ihm gerade hier zu teil wurden, ahnte er, aber er musste wohl die vorziehen, die gerade das aus ihm machten, was er für jetzt anders nicht hätte geworden sein können. In der Tat besass er keine Rednergabe. Selbst in der Schule bewährte er sich nicht. Aber in der Erziehungsanstalt, die durch das Collegium geleitet wurde, gab es vielerlei von ihm glücklich beaufsichtigte Unterrichtsgegenstände; Reiten, Tanzen, Fechten wurde gelehrt. Das ja hat die Erziehung durch Jesuiten so begehrt gemacht. Eitle Schaustellung und Unterhaltung der Phantasie war von jeher und ist die Grundlage der Erziehungsanstalten, die Jesuiten leiten ... Terschka lernte die wunderbare Moral des Probabilismus kennen, die ihn wahrhaft blendete. Was nur im Menschen über den schwierigen philosophischen Unterschied zwischen "Gut" und "Böse" schlummert, hier fand er Aussprüche dafür voll Kühnheit und blendenden Schimmers. Der Wille wurde in dem Grade von der Tat getrennt, dass beide in eins zusammenfallen konnten und dennoch unterschieden wurden. Der Wille konnte rein und schuldlos bleiben, er konnte die Tat unmittelbar hervorgerufen haben und dennoch war letztere nicht sein, sondern nur ein Ergebnissder natur. So haben nicht die Materialisten unserer Tage die Willensfreiheit geleugnet, wie die Moral der Jesuiten schon lange die Tat zum Ergebniss der Umstände macht. In den mislichsten Situationen deckt sie dem Willen immer noch den rücken. Listig und verschlagen, wie Terschka's Sinn von natur warwenn nicht so sehr aus Wohlgefallen am Bösen, doch aus dem Bedürfnis seine Kraft zu üben, und um der Voraussetzung willen, dass eben Bildung, diese ersehnte Bildung, zur Wehr und Waffe des Geistes werden müsste und es mit sich brächte, überall Widerstand zu leistenlernte er, Bildung wäre die Kunst, sich das Leben spielend und ohne den mindesten Schein einer Gewalttätigkeit dienstbar zu machen.

Welche Vorstellungen weckte jetzt die "Prolusio"! Eine Mission nach Oesterreich! Der Abfall von der Kirche! Die verschiedenen Mittel und Wege,