Zwei dieser Hermen erklärte er in still unterdrückter, noch nicht abgeschworener Liebesglut für die Herzogin von Amarillas und das künftige Jungfrauenbild der Olympia. Sie sind noch jetzt von jedem zu finden vor dem kleinen Casino des Papstes, dicht in der Nähe der Treibhäuser, unter Gruppen von Aloes, zwei weibliche Köpfe voll Starrheit, Verwegenheit und jener Sphinxschönheit, die Terschka in seinem spätern Leben nur zweimal wiedersah, bei jener Angiolina in Dalmatien und bei Lucinden – unter den Offizieren in Kiel sagte er's damals ...
Nachdem Terschka nach zweijährigen Studien ins Collegium wieder hinunterzog, gaben seine Generalbeichten mancherlei Anstoss. Sein vergangenes Leben widersprach den Ansprüchen, die die Kirche an die Unbescholtenheit ihrer Priester macht. Sie duldet keine Entstellung des Rufes wie des Körpers, keine schwächlichen, krankhaften Gestalten, nichts, was irgendwie dem Makel der Welt verfallen ist und etwa dem Geist das Uebergewicht verleiht – auch Pater Sebastus hatte nicht die Weihen empfangen. Aber Wenzel von Terschka bot alles auf, sich Erhörung zu verschaffen und eine Vergessenheit der Jahre, wo er als Kind und Knabe unter Räubern und Gauklern lebte. Eine tatkräftige natur muss zu einem Ziele, das sie sich einmal gestellt hat, irgendwie hindurch. Sie bereut vielleicht später die Anstrengungen, die sie machte, um des nicht befriedigenden Lohnes willen; aber den Wert des Lohnes, wenn man auch schon seine Geringfügigkeit ahnt, erwägt der nicht, dem eine Laufbahn Mühen macht und dessen Kopf voll Ehrgeiz steckt. Selbst den schon unbedingt gegen ihn entscheidenden Anstoss des Brandmals auf seinem arme, das durch nichts hinwegzutilgen war, das jeder chemischen Beize, jeder blutigen Operation widerstand, überwand seine Geduld, sein inbrünstiges Bitten, zuletzt seine Intrigue; denn so unmöglich es fast war, ausserhalb des Collegiums einen Briefwechsel zu unterhalten, Terschka übersandte wieder einen Brief an die Herzogin von Amarillas und dichtete wieder ein Sonett an Olympia Maldachini ...
Die Kleine, die als Italienerin von fünf Jahren schon so entwickelt und willensstark war, wie eine Deutsche von acht, setzte ihrem heiligen Georg Schild und Lanze durch ...
Die Väter lächelten und schienen eigentümliche Pläne zu haben.
Terschka erhielt die Sottane, den schwarzen Leibgurt, die schwarzen Strümpfe und Schuhe ... sein Hauptaar wurde geschoren.
Ecco un nuovo fratello! rief eines Tages bei Tische der Novizenmeister den übrigen Novizen zu ...
Gräfin Erdmutens Ausruf hatte damals Recht gehabt ... Terschka war Jesuit.
Fussnoten
1 Tatsächlich.
10.
Fünf Jahre vergingen dann ... Terschka zählte schon dreissig, als er Profess der drei Gelübde wurde, der Armut, der Keuschheit, des Gehorsams. Nun wurde er Priester aller Weihen. Zwei Jahre später, kurz nach der Julirevolution, legte er das vierte Gelübde ab, Gehorsam dem Heiligen Vater, unbedingtes Sichverwendenlassen für jeden ihm auferlegten Zweck. So stand er auf dem Gipfel seiner Wünsche.
Und keineswegs war er unbefriedigt. Der Autodidakt liebt sein Wissen, das er sich mühsam errungen hat. Er liebt es mit mehr Begeisterung, als ein von früher Jugend an dafür Geschulter. Und welche Bewährungen gab es nicht! Dienen musste er unausgesetzt, knechtisch dienen, aber zugleich konnte er nach andern Richtungen hin oft auch schon souverän befehlen ... Jede Stufe der Unterwerfung mehr auf der einen Leiter gab auch zugleich auf einer andern eine Stufe der Erhöhung. Er besuchte die Hörsäle der wenige Schritte vom Collegium entfernt liegenden Universität. Hier, wo Hebräisch und Physik nicht nur in demselben Auditorium, sondern oft auch von demselben Lehrer vorgetragen wird, legte er den Grund zu einer Fülle von Tatsachen, die sein Inneres mächtig hoben. Und diese Erweckung, diese stete Gegenständlichkeit und Bewussteit des Denkens! Schon die Anleitung zu den "Vorspielen" des Geistes oder zur "Erleuchtung"! ... Bonaventura kannte sie, diese Künste der "geistigen Lesung" und der "Vorspiele"! ...
Eine Betrachtung z.B. über das Verjagen der
Wechsler aus dem Tempel musste so geordnet sein:
Erst ist der einfache Stoff zu lesen; dann schlägt im
Collegium plötzlich eine Glocke – mit dem ersten Schlag derselben stellt man sich rasch einige Schritte vom Betpult entfernt, denkt sich Gott und die Heiligen u n m i t t e l b a r gegenwärtig, fällt auf die Knie, küsst die Erde und beginnt die lebendigste P h a n t a s i e v o r s p i e g e l u n g eines Tempels, eines erhabenen Baues mit Säulen, mit einer, wie beim Panteon halb eingebauten, halb in der Vorhalle aufgeschlagenen Reihe von Buden ... Das Geld klimpert, die Wechsler, wie sie nur auf der Via Condotti oder auf dem Corso stehen mit ihren Napoleond'ors und Papierscheinen, Wucherer mit Habichtnasen, wie sie nur unter den Tuchhallen am Eingang des Ghetto zum Kauf einladen, bieten ihre Waaren an, übervorteilen, schreien – schreien in die Messe der Santa-Maria Monticelli hinein, in die Klingel des Ministranten ... Nun erscheint der Heiland, das Haar von Lichtglanz umflossen, die Farbe des Rocks ist rot, der Ueberwurf blau, die Jünger stehen neben ihm ... Niemand von den Schreiern weicht aus, niemand achtet die Andacht derer, die der heiligsten Procession sich schon verneigen ... Da ergreift Christus – vielleicht einem Tempelvogt (Ausmalung seiner Tracht) – die Geissel, wirft die Tische um, das Geld rollt weit auf die Strasse hinaus, das Volk