sollte er bei den Schülern des Collegium germanicum wohnen, einen monat in San-Michele Kranke pflegen, einen monat sich als Wallfahrer kleiden und in Rom und auf zehn Meilen in der Runde seinen Unterhalt durch Betteln suchen; dann zurückkehrend sollte er im Collegium täglich einen monat lang die Stuben reinigen und endlich in einer entfernten Kirche der Vorstadt Knaben in den Anfangsgründen der Religion unterrichten, im sechsten monat sollte er allen Predigten beiwohnen, deren in den hundert Kirchen Roms drei oder vier täglich und zu verschiedenen zeiten gehalten wurden und darüber Referate geben und bei allen diesen Proben zu gleicher Zeit auch noch die lateinische Sprache erlernen ...
Aufschreien hätte Wenzel von Terschka mögen vor Verzweiflung, aber schon band er sein Bündel und schickte sich an, ruhig die Vorschrift zu erfüllen. Sein Auge blinzelte etwas; er hatte schon bemerkt, dass wie beim Opfer Abraham's der Wille hier manchmal für die Tat genommen wurde; er hatte schon bemerkt, dass man allmählich auch unter dieser strengen Disciplin abzuhandeln und abzumarkten versteht. Und in der Tat, man liess ihn zwar aus seiner Zelle schreiten, wies ihn aber doch nur zwei Stockwerk höher, um ihn zu jenen deutschen Knaben und Jünglingen gelangen zu lassen, die in Rom zu Priestern erzogen werden. In dem mächtigen Gebäude war auch für diese Platz. Ein Rector empfing ihn, lächelte seines Alters, sprach ihm Mut zu und alles das in deutscher Sprache; Pater Xaver war aus dem Innviertel. Ein rotes Kleid mit einem schwarzledernen Gürtel musste Terschka anlegen, wie seine Genossen. Um fünf Uhr musste er aufstehen, das Sakrament in einer Kapelle besuchen, dann in einer Zelle Betrachtungen lesen, sie auswendig lernen, hierauf zur Messe gehen und erst um acht Uhr ein leichtes Frühstück nehmen, zu dem dann noch Matutine und Laudes aus dem Brevier zu sprechen waren; so ging es von Stunde zu Stunde weiter bis zur neunten des Abends, wo im Nu sämmtliche Lichter des Hauses erloschen sein und alle Schüler auf hartem Lager sich dem Schlaf empfehlen mussten. So erst acht Tage lang. Dann aber wurden die Vorschriften leichter. glückliche Hoffnung, die ihn beseelte, er würde die fünf übrigen Monate erlassen bekommen! Sie erfüllte sich teilweise und in erfreulichster Art. Er brachte sie sämmtlich bei den deutschen Jünglingen zu, deren Unterricht er zu teilen hatte. Schon die Scham, unter Knaben ohne Bart verweilen und Latein von vorn beginnen zu müssen, beflügelte seinen Lerneifer. Er, der das Leben schon in allem kannte, was der natürliche Mensch mit Ungestüm zu fordern pflegt – sass hier auf der Schulbank, doch sein Kleid und sein physischer Bau liessen ihn dabei wenigstens äusserlich so jung erscheinen, wie die neunzehnjährigen ...
Seltene, aber glückliche Stunden waren es, wenn die rotgekleidete Schar in den ihr eigentümlich angehörenden Weinberg wandern durfte, um dort einen Nachmittag, meist ballschlagend und wettlaufend zuzubringen. Dieser Weinberg lag nicht weit von seiner ehemaligen Kaserne, auf den Höhen des Monte Cölio, dicht an einer Kirche, die von aussen die merkwürdigste, von innen die abschreckendste aller römischen Kirchen ist. Gerade den deutschen künftigen Priestern hat man die Rotunde des heiligen Stephanus gewidmet, einen alten, sehr denkwürdigen Bau, der mit Bildern grauenhafter Art geschmückt ist. Ausschliesslich scheint sie dem Martyrium gewidmet. Da liegt die vom Henker abgerissene blutige Brust der heiligen Agate auf der Erde; ein Tiger krallt seine Tatze in das Fleisch eines nackten Jünglings; der heilige Hippolyt wird, mit seinen Füssen an flüchtige Pferde gebunden, dahingeschleift – es ist eine blutige Anatomie, eine Morgue, in deren Anschauung gerade die deutschen Jünglinge in Rom – Erholung finden müssen! Wahrhaft erquickend war dann der zuweilen gewährte Besuch in den Gärten des Heiligen Vaters auf dem Quirinal. Die blauen, gelben, grauen Jesuitenschüler erfreuten sich damals dieser Gunst noch öfter, als die roten; jetzt lernt man auch die Bedeutung dieser roten Jünglinge schätzen. Wie berauschend, wie ewig an Rom fesselnd, bei Sonnenglut in diesen herrlichen, haushohen, kühlen Boskets von geschnittenen Myrten zu wandeln und da Trucco, ein Kegelspiel, zu spielen! Unter dieser Fülle von Oleandern, blühenden Aloes und Cactus! Unter diesen zahllosen Orangenbäumen, deren Blüten die Luft mit berauschendem Duft erfüllen! Ringsum tobt und wogt das lärmende Rom, die Wagen fahren, die Brunnen schäumen – auf diesem hochgelegenen Hügel verbirgt sich hinter einer chinesisch absperrenden hohen Mauer, dicht an dem Palast der zweiten Residenz des Heiligen Vaters (der Lateran, die dritte, ist ein Stiefkind der Päpste geworden), ein Garten, geschmückt mit allen Reizen der natur. So dicht gezogen und beschnitten sind die edelsten Platanen, dass es unter ihnen bei glühender Mittagshitze kühl ist, Springbrunnen plätschern, die Lacerten schleichen unter den grossen, bis zum Boden wuchernden Feigenblättern dahin, Marmortische und Sessel laden zur Ruhe in den erquickendsten Schatten, den jene zwei Stockwerk hohen geschnittenen engen Myrten- und Ligusterhecken hervorbringen helfen – sie sind in der Breite so schmal, dass man fast nur allein, nicht im Selbander durch sie hindurchschreiten kann. Hier reinigte die balsamischste Luft alle vier Wochen einmal die Brust vom erstickenden Schulstaub. Terschka, der Mann, der schon auf einer ansehnliche Höhe des Lebens Angekommene, der mit Erinnerungen schon für ein halbes Leben Ausgestattete, konnte hier eine Weile vergessen, dass er wieder zum kind geworden, konnte die marmornen Hermen bewundern, die rings von Epheu und Myrte umschlossen in den Boskets standen und oft Frauenbilder der alten Römerzeit von seltener Schönheit darstellten.