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in Rom wie hier. Marmor und Gold sind verschwendet, Grabmäler stehen mit Statuen von grossen Meistern geschmückt, kostbare Kapellen laufen ringsum; sie haben die bequeme Einrichtung, dass sie unter sich durch Türen zusammenhängen und als trauliche Winkel dienen, in denen man hinter einem Pfeiler flüsternd verweilen oder einer im Schiff zu laut daherschallenden Kanzelrede in aller Stille folgen kann. Am östlichen Ende liegt eine kleine Ausgangstür. Sie führt den Durchgehenden auf steinernem Fussboden in einen Nebeneingangman sieht einen düstern Hof, in welchen Fenster eines grossen todtenstillen Gebäudes hinausgehen, das sich dicht an die Kirche anlehnt. Kein gefängnis ist es, obgleich die Fenster vergittert, ja teilweise mit Bretern vernagelt sind; es ist das Colleg der Jesuiten ...

Terschka's Anmeldung wurde durch die Empfehlungen des Cardinals erleichtert. Ein Oberer empfing ihn, legte ihm fragen vor undwiederholte diese fragen noch einmal, nachdem sie schon beantwortet waren. sonderbar, er fragte nach Dingen, die in vollem Gegensatz zu dem standen, was er ja soeben aus Terschka's Antworten gehört hatte. sonderbar, dieser hatte gesagt: Ehrwürdiger Vater, ich hatte bereits bemerkt –! Ein andermal: Wenn ich schon gestand, keine tote Sprache zu kennen, so kann ich doch nicht Griechisch wissen –! Terschka ging ... Der Obere nickte ihm freundlich nach ...

Niemand liess sich aber bei ihm wieder sehen. Er wohnte noch immer bei den Benfratellen ... Er war vergessen ... Wochenlang ...

Tag um Tag verging ... Terschka geriet ausser sich. Die Benfratellen klärten ihn auf. Der Obere hat Ihren Charakter prüfen wollen! Sie sind ungeduldig! Nur deshalb stellte er sich Ihnen vergesslich und schwachsinnig, um zu sehen, ob sich bei Ihnen eine heftige Selbstständigkeit Ihres Wesens zeigen würde ...

Terschka verstand jetzt das Benehmen des Obern. Voll Verzweiflung über sich selbst wollte er wiederum an die kleine Olympia schreiben ... Tun Sie das ja nicht! hiess es allgemein ... So geh' ich noch einmal zu dem Obern! ... "Er wird Sie abweisen! Warten Sie in Geduld!" ... Vier Wochen wartete Terschka. Dann rief man ihn in der Tat wieder ... Er hatte "Geduld" bewiesen ...

Ein anderer Oberer erschien und lobte Terschka, dass er sich beherrscht und nicht gemahnt hätte. Auch er fragte vielerlei und Terschka antwortete schon viel ruhiger und mit grösserer Vorsicht. Nur als der Obere sagte: So bleiben Sie denn jetzt gleich hier! und Terschka erwiderte: Ehrwürdiger Vater, ich habe erst meine Sachen zu ordnen! da veränderten sich die Gesichtszüge des Examinators ... Wieder hatte Terschka nicht bestanden. Wieder hatte er einen andern Willen als man vorausgesetzt ... Er ging, seine Verkehrteit schon ahnend.

Und neue vier Wochen verstrichen, die er warten musste!

Der Novize seufzte, aber er war schon demütiger geworden. Sehnsüchtig ging er an dem Collegium vorüber, sah zu den Fenstern des riesigen Gebäudes auf; jede Wallung, anzuklingeln und sich in Erinnerung zu bringen, unterdrückte er und als man dann ihn endlich wirklich rief, schlich er ruhig und ergeben in das ihm angewiesene Zimmer ...

Man gab ihm ein Neues Testament, den Tomas a Kempis und Rodriguez über die Gesellschaft Jesu. Er konnte kein Latein. Er musste dies und alles ganz von vorn erlernenin seinem fünfundzwanzigsten Jahre! Aber alle Besuche, die er von zwei zu zwei Stunden bald von diesen, bald von jenem Ordensgliede empfing, verliessen ihn mit dem zeugnis, das sie den Oberen ablegen konnten, der junge Noviz besässe Geist und seltene Welterfahrung. Ausserordentlich schien er gefallen zu haben. Nach acht Tagen erhielt er ein gedrucktes Examen, das er schriftlich beantworten musste. Er konnte es deutsch oder italienisch tun ...

Schon in dieser Aufforderung zur vollständigen Darlegung seines Lebens lag für ihn ein Anlass zu mancherlei Besorgniss. Sein Leben entielt so gefahrvolle Dunkelheiten! Das Mal am arme! Sein erster Beruf war der einer schnöden Schaustellung seiner person gewesen! Wie konnte er auf eine künftige Priesterweihe hoffen! Er verzweifelte; denn zum Erfinden von Ausreden und Verschleierungen der Wahrheit verlor er in diesen Mauern schon ganz den Mut. Fast war es ihm auch, als käme man hier am siegreichsten durch, wenn man sich in allen Lagen ein für allemal auf Gnade und Ungnade ergab und sich ganz so nackt und so bloss darlegte, wie man wirklich war ...

Schon glaubte der Novize am Ziel seiner Wünsche zu sein, als er in dem gedruckten Formular auf eine Stelle stiess, wo es hiess, dass er sechs Monate noch ausserhalb des Hauses der Gesellschaft leben müsste und erst sechs verschiedene anderweitige Proben durchzumachen hätte! Er traute seinen Augen nicht. Wieder ein halbes Jahr seines Lebens verlieren? Von jetzt anes war zur Zeit der Sommermittebis zu Weihnachten wieder in einen halben Zustand zurückversetzt, wieder auf sich selbst angewiesen, auf die Unruhe und Ungeduld seines Herzens? Er hoffte auf Erlass dieser Bedingung und glaubte an eine in diesem Statut nur so entaltene und ausser Uebung gekommene alte Förmlichkeit. Man holte dann das Blatt ab. drei Tage vergingen. Schon nahm er am gemeinschaftlichen Mahle teil, schon hatte er sich manches einzelne Ordensmitglied, das ihm zusagte, herausgefunden, da wurde ihm mit freundlichster Miene angekündigt, dass er auf sechs Monate seine Zelle wieder zu verlassen hätte: einen monat