1858_Gutzkow_031_48.txt

.. der trübe Regenhimmel liess im Westen vom Sonnenlicht einige rote und blaue Streifen hindurch ...

Klingsohr kannte aus seiner Knabenzeit alle diese Zimmer ...

Wie konnte es geschehen, dass er seit Jahren und bei der jetzigen Lage der Dinge hier wieder so wie einst aufgenommen, ja, gerade von Lucinden, dem Wettpreis zwischen Vater und Sohn, ohne alles Hinderniss so empfangen wurde!

Er ahnte einen Hinterhalt und sprach sich auch dahin aus, dass er der bösen Tücke des Kronsyndikus alles zutraue. Ich wäre der Erste nicht, sagte er, den er wie ein Ritter des Faustrechts behandelt hat! In seinen Kellern sassen schon Männer und Frauen aus aller Herren Ländern, und ich wette, dass es da unten aussieht wie in der Blaubartskammer!

Wie es in seinen Kellern aussieht, erwiderte Lucinde, werden Sie bald erfahren! Sie sollen bewirtet werden wie ... wie ein Sohn des Hauses.

Behandelt ihr mich hier, parodirte Klingsohr mit Stellen aus Shakspeare, nach "Verdienst", so bin ich vor Schlägen nicht sicher! Aber bitte, keine Unarten! Das Mittelalter hat einige Schattenseiten, die ich nicht verteidigen werde!

Lucinde suchte ihm die Furcht zu nehmen und zog ihn in ein Zimmer, wo sie unbelauschter waren. Wie im Traume folgte Klingsohr. Zum ersten male sah er auch seine Liebe in so prächtigem Rahmen. Sie trug ein leichtes dunkelblaues Kleid; seidene Bänder von gleicher Farbe senkten sich in den braunen Nacken. Schwarze Florspitzen zierten das Haar und bedeckten ebenfalls, zu halben Handschuhen geformt, die jetzt sehr gepflegten hände. Auf der Brust hatte sie sich den Rosenstrauss befestigt, den Klingsohr mitgebracht, während sie ihre eigenen Blumen teilte, seinen Rock, seinen Hut damit schmückte und noch für den Tisch übrig behielt, um eine kostbare Vase damit zu füllen.

Sie erzählte ihm auf sein staunendes Schweigen alle soeben erlebten Vorgänge bis auf die letzte Entüllung, die sie sich, weil sie ihr noch schwer zu formuliren war, vorbehielt. Sie kamen überein, dass der Kronsyndikus in dem Doctor einen Verbündeten gegen den Vater gewinnen wollte, einen Vermittler und Beileger des Streites. Lucinde unterstützte vorzugsweise diese Annahme und hatte die Freude zu hören, dass Klingsohr versicherte:

Nun, was ich tun kann, dieser Voraussetzung zu

entsprechen, soll geschehen! Sie kennen meine Abneigung gegen meines Vaters Lehre vom Zollstock und der geraden Schnur, Lucinde! Das Leben wird schon ohnehin täglich immer mehr so regelmässig wie die manchmal recht monotone natur! Ihm Freiheit abzugewinnen, die Tyrannei des Gesetzes abzuschütteln, das ist unser schönes Ziel, und wenn ich ganz sicher wäre, dass nicht diese Türen plötzlich aufgingen und einige Geharnischte hereinträten und mich als Geisel festielten, so würde ich meine Sympatieen für den wilden Freiherrn ganz offen aussprechen. Darauf hin und vorausgesetzt, dass es bald alles, nur nicht Prügel gibt, will ich auf sein Wohl trinken und geloben, den Alten von der Buschmühle soweit es irgend möglich zur Raison zu bringen.

Sie standen jetzt beim Durchschreiten der prächti

gegen Zimmer gerade an der Stelle, wo der Kammerherr den Türck gemalt hatte. Noch hing das Bild an der Staffelei und Klingsohr brach in komische Bewunderung des neuen "Hondekoeters" aus, wie er ihn nannte.

Der ist mit verreist? rief er aufs neue kopfschüt

telnd. Und man weiss, dass Sie mich aufnehmen? Was ist hier nur vorgefallen!

Der Kammerherr weiss nichts! Nur der Vater! Machen Sie sich's bequem! Sie werden noch mehr, erleben ...

Noch mehr?

Lucinde antwortete nur dadurch, dass sie hin und wieder rannte, ordnete und befahl. Nicht umsonst hatte der Kronsyndikus von einem Festgelage gesprochen. Sie liess nun ein solches für den Doctor mindestens ebenso herrichten wie für die adeligen Gäste. Der Kronsyndikus selbst war im Essen mässig, aber die häufigen Besuche des "schönen Enckefuss" hatten das Haus mit den Notwendigkeiten eines schnellen und einladenden "Tischlein deck' dich" eingerichtet.

Geliebte Lucinde, sagte Klingsohr, wie er sie dann wieder plötzlich still stehen und über ihre eigentliche Aufgabe grübeln sah, es gibt eine Erbsünde und es gibt eine Erbtugend! Man spricht davon, dass jene uns um unser Seelenheil gebracht hat und verketzert die vernünftigen Unvernunftslehrer, die diese tiefste und humanste aller Lehren verteidigen!

Welche Sünde? fragte Lucinde und dachte nur an das Ordnen des Tisches, über dessen acht Ecken längst ein blendend weisses Damasttuch gebreitet war, das sich schon mit Tellern, Gedecken, Gläsern, Flaschen, einem Champagnerkühler und Dessertaufsätzen füllte.

Die Erbsünde, die mit dem ersten nicht verschmähten schönen rotwangigen Apfel in die Welt gekommen! sagte Klingsohr. Wir können ja die Nichtigkeit dieser Erde gar nicht schöner erklären als durch unsere eigene Schuld! Ihr jammert, dass der Frühling seine Blüten verwehen sieht, dass Blüte, Frucht und alle Schönheit der Erde, der Schmetterling und der Mensch, zu Staub verwehen! Ist nur unsere Sünde schuld daran, so hat ja die Vergänglichkeit dieser Erde ihren erklärlichsten Grund in uns und nicht in der Schöpfung selbst! Man kann ja dann immer noch hoffen auf die Sonne, auf die Gestirne, auf etwas, was jenseit dieser Bezirke, "von wannen niemand wiederkehrt", liegen wird, Lucinde, und wären es nur Ihre Augen, die als Sterne an den Himmel versetzt werden sollen!

Lucinde sagte zu allem: Ja! Ja! Ja! Ja!

Sie hörte kaum; zu schön wollte sie alles machen. Der Doctor