1858_Gutzkow_031_479.txt

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Luft, Sonne, Licht, FarbeGlück und Wonne ringsumaber Wenzel von Terschka's Solo mislang doch. Sein Neapolitaner war nicht so leicht gebändigt, wie die Revolution des Generals Pepe. Der kühne Reiter liegt auf dem Boden und alle halten ihn für tot ... Dort herauf ragt das Coliseum, wo in solchen Fällen die alten Opfer ruhig aus den Schranken hinweggetragen wurden und der Römer gleichgültig zur Tagesordnung, einem neuen Kämpfer, überging. Ein Kreuz entsühnt jetzt die wilde Stätte undwas schuldigst du auch ewig nur Rom so ungebührlich an, du greise waldensische Herrin von Castellungo! – das Carrouselhört auch hier sogleich auf ... Man trägt den für tot Erklärten in das Ospizo de Benfratelli ... Die halbe Büchse voll Paolis wird vorläufig sogleich für ihn allein bestimmt ... Die andere Hälfte der buona manchia erhalten die andern ohne weitern Gladiatorenkampf ... Die Herrschaften brechen auf und fahren von dannen ... Ecclesia abhorret sanguinem "Die Kirche will kein Blut" ...

Wie wurde der Instructor der Reitbahn bemitleidet! ... Man erfuhr: drei Rippen waren ihm gebrochen ... das Uebrige zur Besinnungslosigkeit tat die Erschütterung ... Nun hörte man vollends noch, dass der Unglückliche einen adeligen Namen trug ... Die besonderste Obhut nahm ihn in Schutz ...

drei lange, traurige Monate lag Terschka bei den Benfratellen und war endlich geheilt. Er erklärte, kein Ross mehr besteigen zu können ... Er erbittet seinen Abschied und erhält ihn auch ...

In der Tat schleicht er siech und elend in Roms Gassen am Stabe dahin ...

Aus Böhmen hatte Wenzel von Terschka die Kunde erhalten, dass die Verlassenschaft seiner Mutter schon vor Jahren in Concurs geraten war, Brand hatte ihr unversichertes Eigentum entwertet ... auch dachte er nicht mehr gern an Verwandte, die Bäcker waren. So voll Ehrgeiz steckte er, dass es ihn fast ärgerte, als der Laienbruder der Benfratellen, der ihn spazieren führte, an dem kleinen deutschen Friedhofe, der dicht an der Peterskirche liegt, sagte: Sehen Sie nur, Herr, fast alle Deutsche, die hier begraben liegen, sind Bäcker gewesen! Das Backen haben die Römer erst wieder aus Schwaben und Baiern gelernt! Alle diese alten Bilder an den Grabmälern sind deutsche Bäckermeister!1... Terschka sah kaum hinüber ... Er blickte nur zu den Zimmern des Papstes hinauf, zu den Zimmern des Cardinals Ceccone, der im Vatican ein Stockwerk höher als der Papst wohnte ... Den Priestern, die im Hospital dienen, erklärte er endlich, als er völlig geheilt war, mit zagender Schüchternheit, dass er wohl Lust verspürte, in den geistlichen Stand zu treten ...

Der Orden der Jesuiten war noch nicht lange wiederhergestellt und besonders zu ihnen zog es Terschka, da er sich die Kraft zu einem still beschaulichen Leben nicht zutraute. Er war nun fünfundzwanzig Jahre alt und hatte nicht viel gelernt, ausser den lebenden Sprachen. Aber sein Geist war mächtig entwickelt gleich seinem Körperer, der zwei Monate zu früh ins Leben gekommen! Sein Wunsch war ein Wagniss, das ihm mislingen konnte; aber er zeigte sich listig. Er hatte den Mut, an die kleine Olympia zu schreiben und ihr in dem schnell erlernten Italienisch durch ein Sonett zu sagen: "Du süsse himmlische Kleine! Sei mein Schutzengel! Erwirke mir die Sporen des heiligen Georg, die mich nicht wieder, wie irdische, im Stich lassen sollen! Ich will für dich beten bei Ignazius von Loyola, der ja auch ein invalider Krieger war und jetzt der Gottesmutter so nahe steht, hilf mir auch auf diesen Weg, du süsser Engel! ..." Olympia, die Tochter jener Lucrezia Biancchi, die sich opferte, um den "Hass des Menschengeschlechts", wie die Carbonari den obersten Richter der Prevotalhöfe nannten, zu tödten, hüpfte mit diesen Zeilen zur Herzogin von Amarillas, ihrer Erzieherin, ihrer Hofdame, wie man sagen konnteTiburzio Ceccone lebte auf fürstlichem Fuss und erzog das Kind der im Kloster der Vivi sepulti lebenden Mutter, die den Tod verwirkt hatte, wie sein eigeneswas gab es da nicht alles zu verschweigen und mit Schleiern zu bedecken! ... Die Herzogin zeigte dem Cardinal Abends beim Tee die in leiblichen Versen vorgetragene Bitte des jungen Schweizerlanciers, der Cardinal mit seinem feurigen Cäsarenkopf lachte und Wenzel von Terschka, dessen Antecedentien man noch nicht vollständig kannte, klopfte einesan die Pforte des Collegium al Gesu ...

kommt ihr niederwärts vom ehemaligen Capitol, lasst zur Rechten jene Kapuzinerkirche liegen, wo eine kleine hölzerne Figur, in die Gewänder eines Wickelkindes eingeschlagen, "Bambino" genannt, als Jesuskind gegen alle Anfechtungen des Lebens angerufen, ja sogar aus der Kirche in Procession abgeholt wird zu Sterbenden oder zu Wöchnerinnen, so steht ihr an einem kleinen Platz vor einer Kirche, die die reichste in Rom, nicht die geschmackvollste ist ... Die Façade, die innere Ausschmückung gehört der Kunstepoche Bernini's. Wagen über Wagen rollen bei ihren Stufen vor, Bettler in langen Reihen berühren die seidenen Gewänder der vornehmsten Damen und reissen den Eintretenden an der Tür grosse lederne Decken auf, die Vorhänge bilden. Drinnen empfängt dich ein mystisches Dunkel, Weihrauch, Lichterglanz, eine stickige Luft von Tausenden. Nirgends wird so laut gebetet, so sicher gesungen, so feurig gepredigt