stand. Zuletzt reclamirte er seine Untertanenschaft beim kaiserlich österreichischen Botschafter, durch dessen Kanzlei ihm auch die von ihm erbetenen Eröffnungen über seine in Böhmen befindliche Familie und sein mütterliches Vermögen zukommen sollten. Aber der strenge geregelte gang des ganzen römischen Lebens, diese sich überall dort (wie in einem weitläufigen Palast, wo an jeder Treppe von Schildwachen uns eine strenge Zurückweisung wird, wo jede Tür ihre feierliche Aufschrift und ihr drohendes Wappen uns entgegenhält) beklemmend und angsterweckend gebende Geschäftsform verwies ihn immer wieder auf seine Kaserne, die nicht fern vom melancholischen Forum lag, unter den Trümmern der denkwürdigsten Vorwelt, nahe an jenen epheuumwucherten grossen Termen, die man nicht sehen kann, ohne an die grausamen zeiten zu denken, wo unter dem Namen der Gladiatoren Hunderttausende in abgesteckten Lagern kostbar gemästet wurden, um als Frass für die wilden Tiere oder, waren es Prätorianer, für den nicht endenden grausamen Krieg und die noch grössere Grausamkeit der anstrengendsten Fussmärsche – von Indien nach Britannien zu dienen. Oft kam ihm unter den einsamen weidenbewachsenen Hügeln beim Fernblick auf die blauen Gebirge, beim Ahnen des hinter ihnen aufwogenden Meeres der Gedanke an Selbstmord, an Flucht, Desertion; denn zuletzt schreckte ihn selbst der gewaltsame Tod durch die strafende Kugel nicht mehr.
Da erlöste ihn von einem ihm immer qualvoller werdenden Schicksal der Monotonie, der Abhängigkeit im Dienstzwang und des unbefriedigten Ehrgeizes ein neuer Unfall. Nicht das Bedürfniss nach Vertiefung seines regen Geistes war es, das ihm Augenblicke des wildesten Einsetzens seines ihm verhassten Lebens gab; nur vorzugsweise der gebundene Ehrgeiz, nur die gebundene leidenschaft tobte sich aus, als er zum zweiten male ein Unglück zu Ross erlebte und von einem für unbezähmbar geltenden Neapolitaner in der Tat abgeworfen wurde und für tot auf dem platz blieb. Sein Wagemut war durch Umstände herausgefordert, die fast an die zeiten seines Kunstreitertums erinnerten. Die Schweizertruppen hatten sich 1821 ausgezeichnet bei Unterdrückung der Aufstände des Montferrat und Piemont. Don Tiburzio Ceccone, der jüngere Spross einer Familie der Nobili, war als Vorsitzender der Prevotalhöfe gegen die carbonarischen Verschwörungen in kurzer Zeit zur höchsten Würde, zum Cardinalat, gelangt. 1819 war er, wie eine dunkle Sage ging, wie Holofernes von Judit, so von einem fanatischen Bürgermädchen Namens Lucrezia Biancchi fast ermordet worden und 1823 sass bei einem Besuche, den der Allgewaltige der Reitbahn der Schweizer-Lanciers zur Anerkennung ihrer geleisteten Dienste machte, neben ihm ein Kind von vier Jahren, bildschön – wie es hiess, seine, "Nichte", wie Andere sagten, sein eigenes, das Kind – jener Lucrezia Biancchi, die noch im Kloster der "Lebendigbegrabenen" lebte ... Neben beiden in angemessener Entfernung, nahe genug, um auf keine Anrede des stolzen, üppigleidenschaftlichen, noch jugendlichen Herrn im schwarzen Kleide mit den roten Strümpfen die Antwort schuldig zu bleiben, sass, zwar nicht mehr in erster Jugendblüte, aber immer noch in der Schönheit römischer Imperatorenmütter und wie eine gekrönte Heroine die Herzogin von Amarillas, eine frühere Sängerin Fulvia Maldachini ... Ringsumher sassen Würdenträger des römischen Hofes, alle auf einer mit bunten Teppichen belegten, mit Blumen geschmückten Estrade und den Reitkünsten der Arena zuschauend ... Die Gräfin Erdmute von SalemCamphausen würde zu dem Anblick gesprochen haben: "Offenbarung Johannis 16: Und ich sah das Weib sitzen auf einem rosinfarbenen Tiere und sie war bekleidet mit Scharlach- und Rosinfarbe und übergoldet mit Golde und Edelgesteinen und Perlen und hatte einen Becher in der Hand voll Greuel und ich sah das Weib trunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu" –
Wie anmutig aber, wie freundlich, wie unschuldig machte sich das alles in der Wirklichkeit! lachen und fröhliche Lust auf den Mienen, so rein wie der tiefblaue Himmel über ihnen, in dem nur wenige rosige Wölkchen wie kleine Montgolfieren schwammen! ... Die Trompeten schmetterten ... Das störte eine Nachtigall nicht, die in den Syringenbüschen nebenan sich einsam glaubte unter ringsum liegenden zertrümmerten alten Säulenschaften ... Wie schwatzte man durcheinander! ... Sorbetti gingen im Kreise, die der Koch Ceccone's bereitete, dann und wann mit seiner weissen Tellermütze hervorlugend hinter einem improvisirten teppichbehangenen Verschlage ... Terrassenartig stiegen rings die Hügel hinan und aus Villa und Kloster und hinter alten Tempelsäulen und Termenbögen guckte die abgesperrte Neugier in das tieferliegende Bild der Arena, der schnaubenden Rosse und der Quadrille, die die besten Lanzenreiter ausführten auf Rossen, die zu tanzen schienen ... Neue kleine goldene Scudis waren geprägt worden mit dem Bildniss des Stellvertreters Christi, zierliche kleine Halbdukaten, mit beziehungsreicher Inschrift aus der Reversseite für den neuen Triumph der Ordnung und des Glaubens ... Eine ganze Büchse voll davon rüttelt die kleine Olympia, wie man die vierjährige Nichte nannte, und plaudert und plaudert, wieviel das Kriegsministerium jedem als buona manchia verabfolge, der die schöne Quadrille jetzt zu Pferde tanze ... Kein Sirocco weht ... Leichte milde Frühlingsluft nach langem Regen ... Ein Duft ringsum, wie herübergefächelt aus den Gärten der Hesperiden ... Und nun macht Ceccone sogar Witze und spricht, wenn die Rosse sich nicht nach Sitte aufführen, zu einem Mitglied des diplomatischen Corps – auch von Hesperidenäpfeln ... Frägt dann rasch die Frau des spanischen Gesandten ihren Mann: Qu'est-il qu'il a dit? so citirt Eminenz selbst mit graziös lächelnder Miene und so, wie auch nur ein Cardinal lächeln kann, einen Vers – aus Guarini's Schäfergedichten ..