offenen Kriege. Von Kugeln durchbohrt sanken die Verbrecher, die sich mit Verzweiflung wehrten. über Leichen hinweg stürmten die Corps der Freiwilligen. Die Flammen ergriffen das ganze Anwesen. Das Hauptgebäude, ein stattliches Wohnhaus, war durch die gefüllten, in Brand geratenen Fruchtscheuern eine einzige Feuersglut. Da war es, wo der vierzehnjährige Müllerbursch Franz Bosbeck, ein Verwandter des Hauptführers, zwei Stockwerke hoch aus den Flammen sprang, in jedem Arm einen Knaben, Wenzel von Terschka im linken, Jean Picard im rechten ... Wohlbehalten kam er auf den Boden; die rauchenden Trümmer verbargen ihn in ihrem dampfenden Gewölk, er entfloh, rettete sich zu jener Mühle zurück und als auch diese in Asche gelegt wurde, irrte er mit seinen beiden jammernden Pflegebefohlenen, abwechselnd bald den Einen, bald den Andern tragend, hinaus in Nacht und Verzweiflung ... Terschka war damals fünf Jahre alt, Picard etwas älter ...
Noch zuweilen schreckte Terschka die Erinnerung an diese frühesten Lebenseindrücke wie ein Fiebertraum. Heute waren es wilde, leidenschaftverzerrte Gesichter, wie sie Rembrandt und Hontorst malte, die er bei Laternenschimmer würfeln, Karten spielen, zechen sah ... Dann wieder sah er Gold- und Silbergerät aufgehäuft, Säcke mit klingender Münze getragen ... Wieherndes lachen schallte daher dahin. Plötzlich ängstliche Ausrufe des Schreckens über Verrat ... Dann blinkende gezückte Messer, geladene Pistolen ... er hörte fluchen aus einer Mischsprache von Holländisch, Deutsch, Jüdisch und Französisch ... Nichts aber hatte sich unauslöschlicher ihm eingeprägt, als jener Schreckensaugenblick des Brandes, des Hülfejammerns, des Sprunges aus dem Fenster. Alles das stand noch oft vor seiner Seele und doch war es ihm schon lange, als könnte es nicht gewesen sein und wäre nur die mit der Wirklichkeit verwechselte Erinnerung einer Erzählung. Aber das Schreckenvolle dieser Erinnerungen wurde durch ein auch ihm eingebranntes Mal immer wieder neu bestätigt. Er erhielt dies Mal ein Jahr nach jener Flucht. Zwar hatte sie ein der Hehlerbande zugehörender Scharfrichter aufgenommen. Ein Jahr wohnten sie am fuss eines Hochgerichts. Hier, wo die Gerippe todter Pferde im hof moderten, hier unter den abscheuerregenden Vorkommnissen des Abdeckens, hier unter den Zurüstungen von oft massenhaften Hinrichtungen lebten die drei Flüchtlinge, bis sie dem Scharfrichter zur Last fielen und von ihm der Regierung ausgeliefert wurden. Diese gab ihnen den Stempel und lieferte den ältesten zu Schiffe nach Java; den zweiten gab sie nach Frankreich, wo sein Vater in Brest auf den Galeeren sass; den dritten gab sie einer zufällig in Rotterdam anwesenden Kunstreitergesellschaft. Auch diese Trennung von seinen beiden gefährten war Terschka unvergesslich. Der gutmütige Franz Bosbeck weinte zwar nicht, wie er und Jean Picard taten, aber er schied von seinen Pfleglingen mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes.
Wenzel von Terschka war von seinem achten Jahre an bis zum fünfzehnten Kunstreiter. Er kannte im allgemeinen seine Herkunft, sie wurde ihm sogar nach den Untersuchungsprotokollen und den Aussagen des Heium Picard gerichtlich bescheinigt: aber noch lag die Welt in allgemeiner Kriegsnot und eine Eroberung der Vater- und Heimatsrechte setzte damals, als Napoleon mit Oesterreich im Kriege lag, für ein unmündiges, so wenig empfohlenes Kind niemand durch. Halb Europa durchzog Wenzel von Terschka mit einer holländischen Kunstreitertruppe. Bald war der Knabe der Liebling der Gesellschaft des berühmten Jân van Prinsteeren und auch der Liebling des Publikums. Seine Behendigkeit und Gewandteit übertraf alles. Im bunten Kleide auf dem Rosse, in Paris, in London, in den Seestädten erregte er Bewunderung, bis er einst in Amsterdam Unglück hatte und ein Bein brach ...
Der grosse Völkerkrieg gegen Frankreich begann jetzt, die truppe löste sich auf. Ein aus Java heimkehrender Schweizersoldat nahm den langsam Geheilten mit sich nach seiner Heimat, nach dem Canton Unterwalden ...
Zu Stanz war es, am Vierwaldstättersee, wo 1816 für die neue Befestigung der restaurirten italienischen Staaten schweizerische Mannschaft geworben wurde. Wenzel von Terschka, achtzehnjährig, nahm Handgeld von den römischen Werbern, die, wie dies für Neapel geschah, so auch für den Kirchenstaat, eine ansehnliche Truppenmacht zum Schutz für unzuverlässige, erst neu hergestellte Zustände zusammenbrachten. Als Lanzenreiter ging er nach Rom ...
An gelegenheit, sich auszuzeichnen, fehlte es dem äusserlich zwar unscheinbaren, aber mit einer wunderbaren Elasticität begabten Jüngling nicht. Seine Reitkunst übertraf alles. Auch Mut und persönliche Tapferkeit waren ihm nicht abzusprechen, obgleich seine Weise von der seiner fester und sicherer auftretenden überwiegend schweizerischen Kameraden abwich. Die Schweizersoldaten sind in der Fremde das volle Abbild der heimischen Cantonalzstände; ihre Mannszucht ist von einer unerbittlichen Strenge; der Verkehr der aus den alten Landesgeschlechtern gewählten Offiziere mit den Gemeinen ist ein streng geschiedener, das Hinaufrücken in höhere Stellen ein den letzteren völlig unmögliches. Indess wurde Wenzel von Terschka Instructor der Reitschule. Voll Unmut über die Dienststrenge jedoch und von einem sein Gemüt durchwühlenden Ehrgeiz getrieben offenbarte er sich dem Geistlichen der truppe. Dieser gehörte den Schweizern selbst als Feldprediger an und erwarb ihm keine Erhörung seiner Wünsche um höheres Avancement. In dem deshalb immermehr sich steigernden Unmut verlebte Terschka auf dem schönen classischen Boden qualvolle Jahre. Die täglichen Uebungen auf der römischen Campagna, in der Sonnenhitze, auf den dürftigen, schon vom Rosseshuf so vieler Kriege und Völkerwanderungen zerstampften und um jede Fruchtbarkeit gebrachten Heideflächen stimmten ihn oft zur Verzweiflung. Er versuchte den Uebergang zu den Truppen, die inzwischen von der päpstlichen Regierung selbst organisiert wurden; aber sein empfangenes Handgeld verwies ihn in die Reihen der Krieger, bei denen er nun einmal