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hundert Verkleidungen und täuschenden Entstellungen seiner person immer den Händen der Justiz zu entschlüpfen wusste und von Holland bis zum Spessart mit seinen Genossen und überall versteckten Helfershelfern raubte und sengte ...

Mit sich kämpfend, was zu tun seine Pflicht war, stand der Kriegsgefangene verzweifelnd zwischen dem Verlangen, die Behörden auf die Gefährlichkeit seines Nachbars aufmerksam zu machen und zwischen der sorge für sein Kind ... Voll Vertrauen zum Herzen des jungen Weibes wollte er sie zu Rate ziehen ... Von seiner ihn immer begleitenden Wache geführt, kam er in die Stadt und in jene dunkle Gasse. Er sucht die Pflegerin seines Kindes, tritt in ihr Zimmer und findet die Jüdin entflohen ... Mit beiden Kindern war sie seit einem Tage verschwunden ... Ausser sich, hielt er jetzt mit keiner seiner Entüllungen, wenigstens über die heimlich in der Stadt anwesende Frau des Gauners zurück. Sonteimer wurde mit ihm confrontirt. Er stürzte auf den Verbrecher zu, den er zum ersten mal in ganzer Gestalt sah, verlangte Auskunft über den Ort, wo sich sein Weib verborgen haben könnte und hörte nun, wie dieser kecke, wilde, trotzige Mensch, von dem er bisher nur den aus dem vergitterten Fenster gesteckten Kopf gesehen hatte, sich mit einer Verschlagenheit herauszureden wusste, dass er aus Furcht vor Rache an seinem kind Anstand nahm, noch alles Fernere zu gestehen, was ihm Sonteimer zugemutet hatte. Listig sagte dieser: Es ist nicht mein Weib gewesen, sondern das Weib eines andern, der mir schuldig ist und den ich in Nimwegen verklagen muss, wenn ich auf freiem Fuss bin! Lasst mich ziehen! Ich heisse Sonteimer, bin ein ehrlicher Mensch und werde euch die Frau in Nimwegen zeigen, wo sie auf der Utrechter Gracht wohnt!

Geschrieben wurde nun freilich hin und her. Aber gerade dem Niederrhein zu und in Holland wütete die Kriegsfurie. Städte gerieten in Brand; in nächster Nähe waren die Bauern der Lahngegend, Hessens, am Main bis zum Spessart hinauf als Landsturm organisirt, – mitten in die von der Batavischen Republik heraufziehenden Heere hinein konnte sich der österreichische Krieger noch weniger wagen, selbst wenn er entfloh. Aus Sonteimer war nichts mehr herauszubekommen. Auch da nicht, als endlich der Kriegsgefangene frei und mit vorgeschriebener Reiseroute an die Oesterreicher zurückgegeben wurde. Er durfte nicht etwa in seine Heimat zurückkehren, er musste nach Italien gehen, wo gerade Suworow die Russen und Oesterreicher gegen die Franzosen führte. Mit blutendem Herzen trat er seinen ihm vorgeschriebenen Weg an, liess bei dem "Maire" von St.-Goar die Erkennungszeichen des flüchtigen Weibes und seines Kindes zurück, bat einige freundlichgesinnte Herzen um Nachrichten, wenn ihnen eine Kunde käme oder wenn der Jude Sonteimer entlarvt würde, und ging über Mainz nach Baiern, von dort über den Vorarlberg nach Tirol und Italien, wo er in der blutigen, für Oesterreich siegreichen Schlacht bei Novi den Tod fand.

Abraham Picard, der gefürchtete Räuber war es selbst gewesen, der bald nach der Entfernung des unglücklichen Kriegers in seinem gefängnis auf dem Rheinfels ausbrach und noch eine Reihe von Jahren hindurch der Schrecken des Landes blieb. Jene junge Frau war in der Tat nicht sein Weib, sie war seine Schwiegertochter. Ihr Mann, sein Sohn Heium Picard', verschaffte ihm zuletzt die Mittel zur Befreiung, nahm aber schon vorher sein Weib zur Sicherung mit sich hinweg. Abraham starb auf dem Schaffot, als die gemeinschaftlichen Massregeln aller Regierungen diesem Raubwesen ein Ende machten. In den Niederlanden bildeten sich Freiwilligencorps, um den in ihren Schlupfwinkeln verschanzten Räubern förmliche Treffen zu liefern. Oft nach einer Gegenwehr, deren Heldenmut einer bessern Sache würdig gewesen wäre, fielen die Häupter der Gefangenen bei den Franzosen unter dem Beil des Henkers, bei den Holländern wurden sie gehängt, manche kamen für Lebenszeit auf die Galeere. Den nur Verdächtigen oder den unzurechnungsfähigen Kindern der Verbrecher brannte man Erkennungszeichen auf die Haut, um sie controliren zu können und ihrer Verstellungskunst zeitlebens sicher zu sein. Die Kinder gab man unter die Obhut beaufsichtigter Familien.

Auf diese Art wuchsen Wenzel von Terschka und Jean Picard zusammen auf in einem holländischen dorf hart an der deutschen Grenze ...

Die Mutter des letzteren erlag den Anstrengungen und den Misshandlungen ihres Mannes Heium Picard schon vor dessen Gefangennahme auf französischem Gebiet und seiner Abführung auf die Galeeren von Brest. Sie hinterliess ihren Pflegling sowohl, wie ihr eigenes Kind der Aufsicht eines ältern Knaben, der bei einem Müller Namens Sterz in Arbeit standHanne Sterz, die wir von den unterirdischen Gängen des Professhauses in der Residenz des Kirchenfürsten kennen, war einst das Weib eines Hehlers, der auf einer einsam gelegenen Mühle den Gaunern in die hände arbeitete. Mittel zum Unterhalt fehlten nicht, sogar die reichlichsten gab es. Dieser ältere Knabe hiess Franz Bosbeck und gehörte jener Familie des Jehu Bosbeck an, eines Christen und ehemaligen Offiziers, den sein dissolutes Leben bis in die Berührung mit den verworfensten Kreisen der Gesellschaft führte und der sogar seinen christlichen Glauben abschwur und Jude wurde. Als seinen und seines Bruders Jan Freveltaten ein endliches Ziel gesetzt wurde, als eine mit beispielloser Kühnheit ausgeführte Flucht aus einem Turm in Nimwegen, wo Jehu Bosbeck neunzehn Monate mit den Füssen in wasser stand, das Signal zu einer gemeinsamen Verfolgung auf Tod und Leben wurde, zogen sich alle zerstreuten Familienglieder, die tätigen und die nur hehlenden, in einem Versteck zusammen, einem Meierhof, der einem Mitverschworenen gehörte. Hier wurden sie umzingelt. Es gab einen Kampf, wie im