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gelegenen Festung herbeieilte, nur wieder, um für dies Leben von ihm Abschied zu nehmen ... Die Wache, die ihn begleitet hatte, stand voll Rührung. Es war ein herzzerreissender Anblick ... Die schon an Jahren vorgerückte Frau erlag dem Opfer ihrer Liebe. Wenzel, wie die Nottaufe das kaum atmende Kind nannte, war ein Siebenmonatkind. Daher die eigentümliche Unfertigkeit und scheinbare Unreife in seinem ganzen Wesen ... Die Hebamme nahm das halbtodte Kind an sich, besorgte das Begräbniss der Mutter, der Vater schrieb um Mittel nach Böhmen ...

Eine schmerzliche Zeit verging dem Gefangenen auf der Festung Rheinfels, die oberhalb des Städtchens St.-Goar liegt. Der Rastadter Gesandtenmord schien die Aussicht der Ranzionirung zu vereiteln und liess eine Abführung ins Innere Frankreichs erwarten. Die aus Böhmen erhofften Gelder blieben aus. Der Krieg wütete am Main und bedrohte sogar schon Türingen ... Die Hebamme war keine besonders wohlwollende Frau. Sie hatte Not mit dem schwer zu erhaltenden kind und drang auf eine Verpflegung bei andern Leuten, zu der dem Vater die Mittel fehlten ...

Ein Mitgefangener hörte das Seufzen und die Klagen des unglücklichen Kriegers, hörte das Schreien seines Kindes, das man ihm zuweilen brachte, und schlug ihm durch die Wand, die ihn von seinem Nachbar trennte, eines Tages vor, das Kind an seine Frau zu übergeben, die heimlich unten im Orte wohne, selbst nur ein Kind hätte und einem zweiten gewiss bis auf weiteres eine treue Mutter sein würde ... Für die Heimlichkeit des Aufentalts seiner Frau in dem Orte gab er Gründe an, die so stichhaltig schienen, dass der Tiefgebeugte kein Arg hatte ... Terschka bewegte sich freier, als der Mitgefangene, der kein erwiesener Verbrecher war, sondern nur wegen mangelnder Legitimation, doch streng gehütet, gefangen sass ...

Die Not und die Hoffnung auf baldige Ranzionirung bewogen Terschka's Vater, auf den Vorschlag einzugehen. Er erkundigte sich nach seinem Nachbar und nun erfuhr er freilich, dass es ein Mann war, den man für einen Gauner hielt. Es war ein Jude. Man vermutete, dass sein angeblicher Name Sonteimer schwerlich sein rechter wäre, setzte aber hinzu, dass man sich auch irren könnte. Dass seine Frau im Orte lebte, wusste niemand und da Sonteimer zu dringend gebeten hatte, dass sie nicht genannt würde, schwieg der Kriegsgefangene und liess sein kaum lebensfähiges Kind an den ihm von seinem Nachbar näher beschriebenen Ort, eine enge, dunkle Gasse dicht am Rhein, bringen ... Wie die Umstände waren, war das ein Glück für den Kriegsgefangenen, der durch eine so traurige Verkettung von Umständen um seine Freiheit, um sein Weib kam und noch obenein die sorge um ein Kind vom Schicksal auferlegt erhielt! ... Haus und Herd gab es damals für Tausende nicht mehr ... Mit den Armeen zugleich zogen die Bewohnerschaften zerstörter und geplünderter Ortschaften mit Weib und Kind und wo sich Waaren und Gelder hingeflüchtet hatten, da lauerte die Nachstellung und der Ueberfall jener Verbrecherbanden, die wie giftige Pilze nach dem Regen aufschossen im ganzen verwüsteten nordwestlichen und südlichen Deutschland ...

Der Kriegsgefangene erhielt noch immer seine Freiheit nicht und dachte oft, obgleich der dazu nötigen Mittel entblösst, an Flucht ... Auf der Festung hatte er freieren Aus- und Eingang, als die andern ... Der Jude Sonteimer wurde nicht ins Freie gelassen, sondern wie der gefährlichste Verbrecher gehütet, ohne dass man ihm etwas vorwerfen konnte ... Seine wilden Flüche erschreckten oft seinen Nachbar ... Voll Entsetzen dachte er an die Aufbewahrung seines Kindes in solchen Händen ... Besuchte er aber dann wieder Sonteimer's Frau, so fand er ein schönes junges Weib, das ihn zwar nur halb verstand (sie war eine Holländerin); aber die Ermahnungen des Kriegers wirkten so lebhaft auf ihr Gemüt ein, dass sie oft Tränen, vergoss ... Da wurde ihm freilich klar, dass es mit Sonteimer nicht richtig stand; er forschte dahin und dortin, suchte, ob sonst niemand sein Kind an sich nehmen wollte ... Aber noch blieb ihm jede hülfe vorentalten ... Die Spuren einer so weichen Gesinnung bei jener jungen Jüdin bestachen ihn ... er liess sein Kind um so mehr in ihrer Pflege, als sie auch die hingebendste war ... Es kostete bei der schwächlichen Gesundheit des winzigen Knäbleins nicht wenig Aufmerksamkeit, sein Leben zu erhalten ... Diese Pflege würde ihm in so wilder Umgebung, bei diesen Durchzügen und Einquartierungen von niemand anders gleich liebevoll und uneigennützig geleistet worden sein ...

allmählich entdeckte der Gefangene durch die Wandgespräche die wirkliche Gefährlichkeit seines Nachbars ... Der Jude beschwor eines Tages den Krieger, den Gefängnisswärter niederzuschlagen und ihm die Schlüssel zu rauben ... Würden sie auf diese Art frei, so wollte er ihn "fürstlich belohnen" ...

Nun begriff der Kriegsgefangene vollkommen den Verdacht der Sicherheitsbehörden ... Die Welt war damals von Schrecken erfüllt vor jenen grossen Verbrecherbanden. Durch die schlechte Justizpflege der Grenzgebiete Deutschlands und besonders der vielen geistlichen Regierungen hatten sich von Strasburg bis zum Niederrhein alle zerstreuten Elemente des Gaunertums und der Heimatlosigkeit vereinigt und vorzugsweise durch die überwiegende Teilnehmerschaft der Juden wurde bewiesen, wie es sich an der christlichen Gesellschaft rächt, wenn sie die Juden in einem abgeschlossenen Druck, in der Verweigerung der Ansiedelung und freien Erwerbsübung erhält. Man zitterte vor Abraham Picard, der unter