1858_Gutzkow_031_474.txt

sofort gefesselt und an eine glückliche Vergangenheit erinnert hättean jenen Pferdeankauf im Holsteinischen für Hugo's RegimentAber nicht ganz fand Terschka seine Heiterkeit wieder ... Gestern und auch heute nicht ... Der Bruder Hubertus konnte nickt erwähnt werden, ohne dass er errötete ... Soviel er auch heute in der Gegend umherstreifte, er konnte ihm nicht begegnen ... er wünschte das und fürchtete es wieder ... Zum Kloster Himmelpfort zog es ihn und wieder jagte es ihn gespenstisch aus dessen Nähe ...

Zu den Besorgnissen, die ihn erschreckten, kam die Entdeckung, die im Benehmen Armgart's lag ... Warum hielt sie ihn heute so fest nach Paula's Vision? ... Was wollte sie überhaupt schon seit lange mit ihm? ... Erriet sie seine Liebe für ihre Mutter? ... Mistraute sie dem Briefwechsel, von dem sie sich unausgesetzt erzählen liess? ... Heute war das auf der Wanderung von Heiligenkreuz mit ihm ein Ton gewesen, der ihn völlig befremden musste ... Dass Tiebold und Benno um Armgart warben, sah er, und ein keineswegs zu scharfes Auge gehörte dazu, sich zu sagen, dass letzterer der Bevorzugte war ... Und dennoch, dennoch begann Armgart seit einiger Zeit ihm eine Teilnahme zu schenken, die ihn zu verwirren anfing ... Was hat nur das seltsame Mädchen? sagte er sich ... Auf der Wanderung heute kam sie von der Mutter ab und sprach wie im Traum, bis Terschka ihr geschworen hatte, er wisse nichts von der Nähe ihrer Mutter ... Selbst heute Abend ihr: "Gute Nacht, Herr von Terschka!" – wie klang das so süss und herbe zugleich, so innig und doch so beklommen, so absichtlich und doch so zurückgehalten! ...

Heute wieder schloss sich Terschka ein, was er sonst nie tat ... Wieder konnte er erschrecken vor jedem unerwarteten Geräusch ... Dem Diener, der ihm die Zurückkunft des Rosses von Heiligenkreuz meldete, sagte er bei gelegenheit des Namens Schneid: Ist das Der, der gestern auf dem Finkenhof unter dem Schutz des buckeligen Stammer erschien und falsch gespielt haben soll? ... Er hörte aber nicht weiter auf die Mitteilung, dass Baron Levinus dem Vagabunden nur noch eine dreitägige Frist als probe seiner Haltung gestattet hätte ... Bonaventura hatte auf Bitten des alten Tübbicke selbst ein Fürwort für den ihm unbekannt gebliebenen, ja ihn vermeidenden Fremdling eingelegt ...

An Monika hatte Terschka jetzt schreiben wollen. Er wollte ihr Vorwürfe machen, dass sie beabsichtigte, wie er von andern hören müsse, in die Gegend zu kommen, ohne ihn in Kenntniss zu setzen. Verdien' ich Ihr Vertrauen nicht? hatte er sagen und sein ganzes Gefühl ausströmen wollen ... O, ich ahne es, Sie werden sich mit Ihrem Gatten verständigen! Ihr liebliches Kind wird Sie beide verbinden! Die Hoffnung meines Lebens ist dahin! ...

Nie hatte er so zu Monika gesprochen ... Sollte er es heute wagen? ... Heute? ... In den Stimmungen, die ihn seit einigen Tagen erfüllten! ... In diesen aufgeweckten Erinnerungen, in den quälendsten seines Lebens? ... In Ahnungen, Schreckensaussichten, die ihm plötzlich gekommen waren bei Nennung des NamensBosbeck? Bei Erwähnung jener beiden Knaben, die Hubertus einst aus dem Feuer rettete?

Erzählen wir von Wenzel von Terschka die Wahrheit.

1798 war er geboren und in der Tat ein Böhme und in der Tat vom Adel, wenn auch vom ärmsten.

Sein Vater, einer herabgekommenen Familie angehörend, diente zur Zeit der französischen Revolutionskriege im österreichischen Heere und stand bei Kinsky-Ulanen in jener Heerabteilung, die anfangs unter Wurmser, später unter Erzherzog Karl gegen die französische Republik am Neckar, Rhein, an der Mosel mit abwechselndem Glücke focht. Seines Adels und Alters ungeachtet war seine Stellung nur gering. Er hatte Lieutenantsrang und bekleidete die Functionen eines Regimentsquartiermeisters. Ihm, der auf dem Marsche immer für die sichere Unterkunft der andern sorgen sollte, begegnete es, dass er bei einem Ueberfall selbst von seinem Regiment abgeschnitten und gefangen genommen wurde. Die französischen Armeen hatten sich damals in Nassau und bis nach Hessen hin festgesetzt, der Gefangene blieb am Rhein in der alten Stadt St.-Goar. Seine Lage war hart und zog sich in die Länge ...

Es war die Zeit des Rastadter Gesandtenmords, der die Welt mit Entsetzen erfüllteman fürchtete Rache an jedem gefangenen Oesterreicher ... Der Quartiermeister von Terschka war verheiratet. Seine Frau gehörte dem niedern Bürgerstande an. Ursprünglich war sie eine wohlhabende Bäckerswitwe in einer böhmischen Stadt, die in zweiter Ehe ihr Geschäft verpachtet hatte. Die wenig gebildete, kaum halbwegs deutsch sprechende Frau besass reichlich die Mittel, um dem, wie sie zu ihrem Schrecken in Erfahrung brachte, gefangenen Gatten zu folgen, setzte sich auf die Post, reiste an den Rhein, kam in St.-Goar an, verfiel jedoch, kaum im Wirtshaus abgestiegen, vor Anstrengung und Aufregung in eine Krankheit, die ihr und beinahe auch einem kind, das sie unterm Herzen trug, das Leben kostete ... Obgleich sie schon in zwei Monaten Mutter werden musste, hatte sie sich dennoch diese Reise zugetraut ... Sie erlitt eine Frühgeburt und sah ihren Gatten, der von der oberhalb der Stadt