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hatte er eine neue Provinz erobert; kehrte er nach Kocher zurück, so blies er sich schon jetzt das Horn einer Extrapost für die letzte Station, auf der er diese kleine Prahlerei sich gestatten wollte ... Endlich wurde eine bedeutende Geldsumme sogleich flüssig durch die an Tiebold de Jonge verkauften Waldungen ... Nach Ostern konnte der neue Besitzstand vollständig angetreten werden.

Anfangs war in diesem Kreise Terschka der, der er überall gewesen. Ein Mann von vierzig Jahren und doch noch jugendlich; eine natur, unheimlich manchem, weil er niemanden Stand hielt, doch erweckte er auch niemanden Furcht oder Besorgniss. Man konnte ihn nur nicht festalten. Etwas Unstetes lag in seinem ganzen Wesen. Gefällig war er gegen jedermann. Seiner schmächtigen, zierlichen, gewandten Gestalt stand es, da einen Strickknäuel aufzunehmen, dort einer Cigarre Feuer zu geben und dabei doch schon wieder einen Befehl zu erteilen, den er halb schon selbst ausführte. Tiebold fand ihn sogleich superlativ. Terschka schoss einen Vogel im Fluge, selbst im währenden Reiten. Seine Kunst, die Pferde zu zügeln, war der Gegenstand allgemeiner Bewunderung. Dennoch sagte Benno gleich, nachdem er ihn einige Tage lang beobachtet hatte: Dieser Mann ist nicht schlecht und doch hat er kein gutes Gewissen! ...

Von der verfehlten Begrüssung der Gräfin Erdmute war Terschka ganz in der Aufregung zurückgekehrt, die der letzten geheimen Zwiesprache zwischen Monika und der Gräfin entsprach, die den Uebertritt derselben zum Lutertum und eine Vermählung mit Terschka wünschte. An dem Abend bei Piter Kattendyk hatte er ganz wieder in das Innere dieser jungen Frau blicken können, die sich, wie Luter sich aus Rom die Reformation, so aus einem Kloster die Freiheit des Denkens geholt hatte. Er begleitete sie, noch vor dem Auflauf in den Strassen, noch vor dem militärischen Conflict mit den Vereinen, in ihr Hotel, musste aber Abschied nehmen, da seine Rückreise eines Gerichtstermins wegen unerlässlich war ... Nun schrieb er ihr ... Sie antwortete ... Es waren Briefe der Convenienz, wirkliche oder gesuchte Geschäftsanfragen ... Monika antwortete kurz und wich Dem aus, was ihre Empfindungsweise hätte misdeuten können ... Terschka hatte keine Berechtigung, auf das Herz dieser Frau zu rechnen ... Eine Frau empfindet bald, ob eine Werbung aus dem tiefsten Bedürfniss des Herzens oder nur aus der Phantasie entspringt ... Letzteres schien bei Terschka der Fall. Diese seltsame Naturerscheinung, silbergraue Locken auf einem halben Mädchenantlitz, körperliche Reize verbunden mit einem durchaus geistigen LebenTerschka hatte sich in den Strudeln der Welt genug umgetrieben, um diese Verbindung neu und anziehend zu finden. Wie Terschka auch jugendlich aussah, im grund war er ermüdet. Vielleicht hätte er eine edlere Ruhe finden mögen. Vielleicht hätte er gern die Waffen der List und der Kühnheit, die er zwanzig Jahre lang geführt, niedergelegt zu den Füssen einer Liebe, die ihn dann immerhin hatte tyrannisiren mögen. Vielleicht hatte er das Bedürfniss, gut zu sein oder sehnte sich nach Erhebung. Frauen, die in sich gefestet sind, vermögen viel. Schon Gräfin Erdmute, die Terschka und ihr Sohn, Graf Hugo, vielfach betrogen hatten, hatte ihn gemildert, gezähmt und als dann eine Monika in diesen Lebenskreis eintrat, empfand Terschka für sie wie für ein Wesen, das ihn, so sagte er auch schon in Wien, von sich selbst befreien könnte und neugeboren werden lassen ...

Seit einigen Tagen kam in Terschka's Wesen etwas, was Benno's Wort vom bösen Gewissen zu bestätigen schien ... Vollends seit der Rückkehr vom Leichenbegängniss, seit dem gestrigen Abend im Finkenhof war Terschka wie zerstört ... Er unterzog sich seinen täglichen Geschäften, er rechnete unten im Rentamt mit den Beamten, sorgte für die Vorbereitungen der grossen Jagd, war heute wieder früh in Witoborn, Nachmittags in Heiligenkreuz gewesen, besorgte seine Briefe, würzte das Gespräch mit Anekdoten, sprach über die Schweiz, Frankreich, Italienin Rom war er mehr zu haus, als er zu gestehen liebteaber seine Sätze waren abgerissen, seine Uebergänge unvermittelt, seine Antworten zerstreut ...

Gleich gestern Abend, wo er vom Finkenhof heimgekehrt war, hatte er sein Zimmer zugeschlossen, die Lampen, die er angezündet fand, ausgelöscht bis auf eine, hatte die Vorhänge niedergelassen, als könnten die Pappeln von draussen verräterisch hereinlugen, hatte seine Kleider abgezogen, sichvor den Spiegel gestellt, das Hemd zurückgeschlagen, den Aermel aufgestreift undauf den linken Arm in dem Moment sein Auge gerichtet, wo es klopfte ... Erbebend stellte er die Lampe nieder, liess den Aermel herabgleiten und rief: Wer da? ... Ein Diener brachte ihm den Brief, den Armgart hatte unterschlagen wollen ...

Nur allein dieser Brief konnte ihn zerstreuen und beruhigen ... Er erbrach ihn, las ihn, las ihn wieder ... Es waren nur einfache Berichte über die Summen, die die Gräfin im Hotel zu bezahlen hatte ... Mitteilungen über ihren Aufentalt, den Monika nicht mehr verlängern wollte, obgleich sie ihn in einem bescheidneren Zimmer des Hotels genommen hatte ... Nachrichten über die Ankunft der Gräfin in London und die erste Bekanntschaft mit Lady Elliot ... Kleine Neckereien auch über Lucinde, die Monika näher kennen gelernt hatte und die sie ihm um so mehr empfahl, als ihre Schönheit und ihr Geist an jenem Abend ihn ja, wie sie schrieb,