1858_Gutzkow_031_472.txt

meinen

armenZigeunerknaben! Wer weiss, ob ich jetzt nicht endlich mit ihm beredsam werden muss, wenn er mir, so wie Du im letzten Sommer, aus Gräbern der Vergangenheit alte Erkennungszeichenunserer Sünden bringt –! Hast Du nichts mehr von dem Leichenräuber vernommen? ... Grützmacher und Schulzendorf sind recht verdriesslichüber verfehlte "Prämie" ...

Spät Abend ist's geworden – – Musik hör' ich schon seit lange nicht mehrDie Tante correspondirt mit ihrer "Familie" und will mich durch eine noch immer nicht entdeckte Nachfolgerin ihrer letzten "Nichte" überraschen. Diese letzte ... kam, hör' ich, umDeinetwillen! ... Bona, Bona, i c h hätte die nicht von mir gestossen ... drei Tage war sie bei uns und sie sind eingeschrieben in die Chronik der Dechanei wie mit Flammenschrift ... Selbst den Tod des Lolo (von dem Du wohl noch nichts weisst) schreibt die Tante auf fräulein Schwarzens Rechnung ... Mit Beda Hunnius correspondirte sie und die Regierungsräte lasenund belachten alle diese mit Beschlag belegten Briefe ... Um so stolzer erhebt sie ihr Haupt ... Ich höre, sie beherrscht das ganze Kattendyk'sche Haus und niemand mehr, alsden Oberprocurator ...

Deine Liebe muss alsogoldene Locken tragen? Mussim Mondlicht wandeln? ... Seltsam! Seltsam!

Zerreiss diesen Brief n i c h t , s o n d e r n – verbrenne ihn! Man hat Fälle, dass zerrissene Briefe immer noch gegen uns zeugen können, falls man auf den Gedanken käme, nach unserm tod uns heilig zu sprechen ... Ich glaube, Petronella setzt alles, was sie hat und doch noch zu erben hofft, daran, mir nach meinem tod diese unverdiente Ehre zuzuwenden ...

Ich habe seit Jahren nicht soviel geschrieben ... Der Tod des Kronsyndikus versetzt michin wehmütige Aufregung ... Lebe wohl, Bona, und denke nur immer, auch wenn Du vielleicht – – in diesen Tagen nicht das Beste von mir vernehmen solltest, ich war schwachschwachum der Liebe willen – – Und so fortan wie bislang Dein treuer Onkel.

So erheiternd auch anfangs die Stimmung dieses Briefes auf Bonaventura wirken durfte, der Schluss regte zu Besorgnissen und befremdlichem Nachdenken auf ...

Dennoch verweilte er nicht zu lange bei den trüben Schatten, die mit diesen Gedankenreihen in sein Inneres fielen. Zu sehr hatte er das Bedürfniss des Glücks und jede Vorstellung nahm bald wieder die holdeste, freundlichste Gestalt an ...

So endete der glücklichste Tag seines Lebens.

9.

In ähnlichen, doch zugleich vom tieflastenden Druck der Furcht beschwerten Stimmungen hielt sich auf seinem Zimmer ein Mann, in dessen Inneres wir zum ersten male einblicken wollen.

Nicht lange hatte Armgart in der schwebenden Pein der Ungewissheit über den Onkel und die Tante zu verharren brauchen ... Einige Augenblicke später, nachdem Bonaventura gegangen, kamen sie von der Gegend auf Witoborn zurück ...

Armgart's stürmischen fragen nach dem Ort, wo sie gewesen wären, nach den Nachrichten, die sie mitbrächten, wurden schroffe Antworten zu teil. Als sie von einer Verabredung sprach, die hinter ihrem Rükken getroffen worden, um sie dem Vater zu überliefern, schwieg man ... Aber auch sie verstummte plötzlich; denn Wenzel von Terschka sprach, um einen möglichen Zwist im Keime zu unterbrechen, von ihrer Mutter ...

Er nannte Monika von Hülleshoven die Seltenste ihres Geschlechts, einen Edelstein in dem Bunde aller der vortrefflichen Menschen, in deren Nähe er hier zu leben so glücklich wäre, eine Denkerin ohne die Runzeln der Stirn, die dem Gedankenleben zu folgen pflegten und die Leichensteine der Schönheit würden, eine Gelehrte, ohne dass man an ihren Fingern die Dinte sähe, eine Priesterin an den Altären einer noch unausgesprochenen Religion, die alle Menschen verbinden und glücklich machen würde ...

Auf dies überraschend entusiastische Wort ermunterte Paula, die selbst noch wie berauscht war von ihrem geschlossenen Bunde mit Bonaventura, den Sprecher fortzufahren ...

Armgart unterbrach ihn aber und sagte aufwallend:

Meine Mutter wird in ihrem wiener Kloster keine andere Religion gefunden haben, als die des dreieinigen Gottes!

Auf diese entscheidende Aeusserung trat eine Stille ein und kein behagliches Gespräch liess sich heute mehr anknüpfen ...

Nach dem Tee trennten sich alle ...

Als Wenzel von Terschka auf seinem Zimmer war, machte es ihm der Diener so zurecht, wie der "Rittmeister" seiter gewohnt war immer den Abend noch zuzubringen ... Vor Mitternacht ging er nie zur Ruhe ... Zwei Zimmer mussten erleuchtet sein ... Auf drei, vier Tischen mussten Lampen stehen; denn auf jedem lag ein Actenstoss von diesem oder jenem Inhaltzu verzweigt war die Geschäftstätigkeit, der er sich zu widmen hatte ...

Geschäftlich war ihm seiter alles vortrefflich gegangen ... Er konnte seinem gönner und Freunde Grafen Hugo, er konnte der Mutter desselben, jetzt auch schon an Monika Berichte voll erfreulicher Ergebnisse schicken. Die letzten Chicanen, mit denen Nück noch drohte, waren durch seinen Bevollmächtigten, Benno, gemildert worden. Benno verfuhr mit Entschiedenheit, vermehrte jedoch die Schwierigkeiten nicht. Die Parcellirung war von der Regierung genehmigt. Löb Seligmann hatte die einzelnen Bestandteile taxirt und schon Angebote vermittelt. Seligmann war hin und her; für seine Geschäftstätigkeit