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lag, wird man immer gegründete Vermutung für ein Torfmoor bei Eschede oder eine Wiese bei Lüdicke haben. Dieser hinter Vaterlandsliebe sich versteckende H o c h m u t h istallen Deutschen eigen! Er kommt bei keiner Nation so vor, nur Levinus würde vielleicht hinzusetzen: "Bei den Tschippewäern" ... Noch immer sitzen gewiss die Frauen dort und lauschen solchen Orakelsprüchen und auch Männer genug gab es, die vor der Weisheit des baron von Hülleshoven den Hut abzogen ... Die Kunst ist bewunderungswürdig, mit der der Mensch versteht sich eine Gemeinde zu bilden! Selbst Windhack versteht das. Windhack und Levinus ziehen eben nicht die Gelehrten in ihr Vertrauen, sondern die Fischer, die Zöllner, die Teppichmacher, nicht diePlato und Schleiermacherdoch genug von diesem Kapitel – –

Ich komme auf Westerhof zu sprechen, weil ich möchte, dass Du Deine liebevolle Versöhnlichkeit anwendest, um eine Ausgleichung herbeizuführen zwischen dem Ehepaar Ulrich und Monika. Ich höre, dass die Comtesse Paula Wunder verrichtet und in die Zukunft sieht. Bisjetzt hab' ich noch in allem, was ich davon erfuhr, zu viel Aberglauben der dort landesüblichen Sorte gefunden. Du wirst wohl so gut sein, mich darüber ins Klare zu setzen; denn an und für sich hab' ich allen Respect vor den geheimnissvollen Ein- und besonders denAusgangspforten aus unserm rätselhaften DaseinSonst würde' ich Dich bitten, das schöne junge, Dir teure Wesen zu ersuchen, sich bei den Schicksalsmächten zu erkundigen, was über diese Verwickelungen beschlossen ist. Was wir hier so aus unsern sichtbaren Gestirnen entnehmen können, ist die kurze und bündige Absicht des jüngern, minder gelehrten, doch willensstärkeren Ulrich von Hülleshoven, nächster Tage nach Witoborn zu kommen, auf Westerhof ein kurzes und bündiges Wort zu sprechen und sein Töchterlein Armgart an sich zu nehmen. Zugleich flattert wie eine Taube um ihr vom Geier bedrohtes Nest auch die Mutter und wird, wie sie mir schreibt, nicht verfehlen, das zu beanspruchen, was ihr gehöre. Da könnten denn also diese zwei Menschen sich gegenübertreten und nach meiner Meinung die oft im Leben vorkommende Scene aufführen, dass sich zwei Leute gerade deshalb nicht verstehen, weil sie aus einem und demselben Stoff geschaffen und gerade füreinander bestimmt sind. Denn in der ersten Liebeszeit sucht man sein GleichartigesDu kennst das nichtin der zweiten Liebeszeit sucht man sein Gegenteil und in der dritten Liebeszeit kommt man auf den richtigen Instinct der ersten Liebe wieder zurück und will nur das, was unserer natur gleichartig ist. So ging es diesen zwei Menschen. Ein Zufall verband sie und sie gehörten sich einander. Da kam eine Willensprobe und sie scheiterte an ihren harten Köpfen. Jetzt scheinen sie vollkommen reif, sich gerade so zu lieben, wie man sich eben noch liebt, wenn man Kinder hat, die schon selbst wieder von Liebe sprechen. Auch das trifft zu: Jede Liebe, die sich in spätern Jahren noch bewähren soll, muss eine andere Nahrung haben, als die der erste Jugendlenz schon allein in seinem schönen Blütenduft findet. Ein Drittes muss sie haben, um dessentwillen sie da ist, um dessentwillen sie sich bewährt, nicht bloss die übliche "brücke" der Liebe zu den Kindern, sondern eine idee und wäre es die E r z i e h u n g dieser Kinder, eine Erziehung höherer Art, eine mit Bewusstsein und Gedanken. Immer hab' ich gefunden, dass zuletzt doch in den gleichen Ideen eine unendliche Bindkraft liegt. Zwei Feinde, die sich auch nur Einmal in einer gleichen idee begegnen, können sich versöhnen.

Bis zu Mariä Verkündigung bleibst Du wohl noch in der dortigen Gegend; zur Osterzeit werden sie Deine Schultern in der Kirchenresidenz brauchen. Ich werde bald meine dreijährige "schwere Arbeit" antreten und auch meine "Visitation" an der Donau halten. Frau von Gülpen zittert schon wieder, mich Windhack allein überlassen zu sollen, sich zu denken, dass ich bei meinen alten Kreuzsternordensdamen eines Abends sanft beim Whist einschlummere, ein à tout in der Linken, ein "ich passe" auf den Lippen ... So ging ich am liebsten heim! ... Aber das kommt mir bei dieser Reise noch nicht, ich weiss es; ich habe die Ahnung, dass ich noch viel böse Ungewitterwolken sich entladen sehen soll. Der Oberprocurator Nück bot mir eine Commission an, die ich ablehnte. Cardinal Ceccone kommt von Rom als apostolischer Nuntius an die Donau. Ihm und dem grossen Staatskanzler will man die Lage des gefangenen Kirchenfürsten und die Zukunft Deutschlands ans Herz legen. Don Tiburzio Ceccone zu sehen wäre mir von Wert; aber von seinem mund dann auch hören zu müssen, was geschehen soll, um in das Vaterland Leibnizens und Kant's die Luft hinüberzuleiten, die man in den Hörsälen des Collegio Romano atmetdas könnte mein à tout beschleunigen. Uebrigens droht mir bei alledem eine gewisse Beziehung zu Rom. Auch Dir dürfte sie nahen, wenn Dich Dein Stiefvater in Vertraulichkeiten einweihen sollteich lese soeben, während ich dies schreibeder Kronsyndikus ist gestorben! ...

Ruhe seiner Asche! – – –

sorge, dass bei allem, was jetzt etwa zur Sprache

kommen könnte, n u r P r i e s t e r z u g e g e n s i n d ; denn darin hatte Benno Recht: Der Beichtstuhl – – –

Genug für heute! Grüsse ihn von mir