willst und wende ihnen Messstipendien zu, soviel nur Seelen am Vorhof des himmels schmachten, und lass die armen Tröpfe nicht herumlaufen und um Messen betteln und bei jedem Sterbefall lungern, ob auch für sie ein Knochen von den zweihundert gestifteten Erlösungsbitten à 10 Silbergroschen abfällt! Und findest Du am Münster in Witoborn auch so arme, blasse, heisere Vicare, die statt der bequemen Domherren Brevier singen müssen und schon um den letzten Ton in ihrer Kehle gekommen sind (könnte doch Löb Seligmann aushelfen!), so zeig dem Bischof die stummen Opfer Roms und seufze immerhin in meinem Namen vorläufig wenigstens um deutsche S p r a c h e statt lateinischen G e s a n g s !. . . Lebt denn dort noch die Quart? Muss denn auch da jeder neuernannte Pfründner den vierten teil seines Einkommens dem Bischof zinsen? O würde das Geld doch angelegt für eines Priesters alte Tage, wo er freudlos, ohne liebende Hand, die für ihn sorgt, ohne ein Herz, das seine grämelnde Laune erträgt, in das Eremitenhaus ziehen muss oder in einen alten Professhof kommt, diese Invalidenhäuser der römischen Armeen, wo es zwar keine Stelzfüsse, aber arme unglückliche Seelenkrüppel genug gibt! Bona, Bona – nun komm' ich doch in die Reformen! Man sagt, unterm Mikroskop wäre unser reinstes Quellwasser voll garstiger Infusorien – und Windhack behauptet das auch und verleidete sich dadurch schon zu lange das wasser und trinkt fast zu viel vom Kocherer Wein –; aber an dem Sold, von dem der Priester sein Dasein bestreitet, lässt man ihn täglich zu schaudervoll sehen, wo er herkommt, lässt ihn zu nass aus allen Taufbecken in unsere Hand gleiten, wo auch noch jeder Seufzer oder Fluch der Armut frisch am Gegebenen klebt ... Schule und Kirche möchte' ich doch so lange, bis die Heiden oder andere Apostel kommen und eine neue Religion bringen, vom Kleinhandel des eigenen Erwerbs befreit sehen.
Priesterwürde! Das lass ich vorläufig gelten! Aber sieh' Dich nur recht um und überzeuge Dich, wie jetzt nur ein ganz gewöhnlicher Unzufriedenheitsstoff, der in der Welt lagert und sich gern möglichst loyal und ohne zehn Jahre Festung austoben möchte, diesen neugepredigten Anhalt an Rom sucht! Der Jakobiner versteckt die rote Mütze unter der Kapuze, der Provinzialgeist stemmt sich wider die Centralisation, den katolischen Plattdeutschen beschämt das vornehme Air des luter'schen Hochdeutschen, der Jurist vom Code Napoléon will nichts vom Landrecht, die Fürsten im Süden fürchten die Kraft der Fürsten im Norden; bloss das, das, das gibt den feurigen Teig des jetzigen Umschwungs wie bei der Bildung der Erdrinde. Die Jesuiten und Jesuitengenossen kennen das alles und kneten den Teig und machen sie auch nur kleine Agnus Dei daraus, all ihre Süsslichkeit riecht nach Pech und Schwefel ... Du wirst Geistliche bei Witoborn sehen, die so liebfromm sind, dass sie sich nicht mehr die Zähne putzen, bloss, weil sie fürchten, dabei Morgens, ehe sie nüchtern Messe zu lesen haben, etwas wasser zu verschlucken! ... Und worauf beruht diese Dumpfheit des Geistes bei den Bessern? Auf dem Glauben, dass man – Vater, Mutter und Heimat kränke, wenn man irgendwie vom Altergebrachten abgehen wollte! Dem Gemüt schliessen sich auch hierin Eigensinn und Eitelkeit an. Man glaubt, dass man von der Aufklärung wegen äusserlicher Dinge verspottet werde, wegen seiner Aussprache, wegen seiner dürftigen Gegend, wegen der Zurückgebliebenheit seiner Städte ... Nun trotzt man, doch auf seinen einsamen Höfen und Kampen die Lerche so gut trillern hören zu können, wie im schönsten Schweizertal, trotzt, dass man in seinen dürftigen Städten doch manches liebe mit wildem Wein bewachsene Haus kenne, manches Fenster, wo Mädchenköpfe auch hinter Blumen herausschauen, wenn auch hier die Liebe nur plattdeutsch spräche ... Und so hält man denn mit Zähigkeit g e r a d e fest an seinem Zopf! Das ist mit unserer Kirche überall so, seitdem die Reformation in dem stattlicheren Gewand der Wissenschaft und Bildung einhergehen durfte. Ueberall erscheint die Ketzerei den Leuten als eine Verhöhnung nicht etwa des Glaubens, man gibt bedenkliche Schäden an ihm zu, sondern als ein Geringachten – der vielen anderweitigen Gemütlichkeiten, die sich für den Menschen an seine Jugend, an – seine liebe alte Grossmutter anknüpfen ...
In Deutschland, lass mich in einem Briefe, wie ich ihn seit Jahren so lang nicht schrieb, fortfahren, in Deutschland sollte nun die Bildung und die gemeinsame geschichte unsers volkes längst diesen Zwiespalt aufgehoben haben! ... Aber jetzt sieh, wie gesorgt wird, dass der Bruch ein ewiger bleibt! ... Du wirst im ganzen Stift Heiligenkreuz vielleicht nur ein einziges verstecktes und bestäubtes Exemplar vom Goete, zwei oder drei Exemplare vom Schiller finden, dagegen alle Blumenlesen, alle nervenangreifenden Kräuterapoteken unsers Beda Hunnius ... Ich weiss nicht, ob es in Westerhof jetzt besser ist. Graf Joseph ging über Stolberg's Horizont nicht mehr hinaus. Levin von Hülleshoven ist ein geistvoller, unterrichteter Mann, schrullenhaft jedoch und höchst afterklug. Die Sicherheit, mit der er sich schon vor vierzig Jahren auf den Bau der Pyramiden verstand, während ihm jeder Backofen, den er bauen liess, zusammenfiel, wird sich bei seinem Leben unter lauter Frauen nicht gemindert haben. Abenteuerliche Gelehrsamkeit ist alldort ein besonderes Steckenpferd. In jedem Dorf wirst Du die rechte Stelle finden, wo Hermann den Varus schlug. Ist es zweifelhaft, wo das Midgard der Asen