1858_Gutzkow_031_47.txt

sie stützte, raunte er ihr immer heimlich und mit emporgestreckten, zitternden Fingern Worte der frivolsten Entüllungen zu ... Auf der Treppe noch, wo er sich am Geländer festielt, sagte er der Beschliesserin:

Lucinde kriegt die Schlüssel! Was die von jetzt an befiehlt, geschieht! Verstanden! Was hab' ich gesagt?

Lisabet, mit einem überraschten blick voll Gift und Zorn, musste wörtlich wiederholen, was ihr Herr gesagt hatte; erst wollte sie's nicht und betrachtete Lucinden erstaunend, dann musste sie ihr Verstandenhaben der Verfügung laut wiederholen und feierlich Unterwerfung geloben. Hierauf sah er fast mit Mitleid auf den wartenden Kammerherrn, drehte den Hirschfänger vor sich hin und stieg in die Kalesche. Lucinden flüsterte er noch aus dem Schlage ans Ohr:

Sag' es ihm! ... Aber schweigt beide ... so wahr ein Gott im Himmel lebt!

Zur Lisabet sich wendend, wiederholte er:

Zeig' auch du, was ich dich lernen liess bei Wessel in Hannover! Brate, koche! Haltet ihn fest! Trinkt auf mein Wohl! "Um acht Uhr ist Verlobung oder sieben Schüsseln!" 's war ein altes Stück zu meiner Zeit! Lustig! Ich will die Augen zudrücken ... über alles ... will Frieden haben mit demDeichgrafen .., Frieden ... Jesus aber, jetzt fort, Hannes!

Der letzte, fast tonlose Ruf galt dem Kutscher.

Die Pferde zogen schon an, und nach der entgegengesetzten Seite hin, wo Heinrich Klingsohr herkam, rollte der Kronsyndikus aus dem Seitentor und den Berg hinunter.

Sein Sohn ahnte glücklicherweise Klingsohr's Nähe, die entscheidende Gefahr für seine Neigung nicht. Nur die äussere hatte er jetzt im Augeden Hemmschuh, den der Kutscher anlegen sollte! Von allen Schrecken war ihm der des Bergabfahrens einer der haarsträubendsten. Türck, der Calfacter, lief nicht, wie er sonst pflegte, dem ankommenden Wagen bellend und wedelnd entgegen, sondern schloss sich der Kalesche an, der er mit eingezogenem Schweife nachlief. Betrübt und zaghaft waren die Mienen, die der Kammerherr Lucinden noch beim Abschied zuwarf. Morgen! sagte er kleinlaut; aber der grosse Kasten fiel ihm auf, den noch der Kronsyndikus wie für eine längere Reise hatte in der Vache unterm Kutscherbock einschliessen lassen. Nur dass sein Bedienter zurückblieb, schien ihm einige Hoffnung zu geben.

Zum Besinnen über die Wahrheit dessen, was der Kronsyndikus ihr zugeraunt hatte, blieb Lucinden keine Zeit ... Heinrich Klingsohr, der natürliche Sohn des mächtigen Mannes, grüsste schon, da er zu seinem jubel die davonfahren sah, denen er hier zu begegnen fürchten musste.

Bei einer plötzlichen Lebensgefahr, sagt man, schösse wie an einem elektrischen Leiter blitzesschnell die ganze Vergangenheit eines Menschen an seinem letzten Bewusstsein vorüber ...

Umgekehrt übte die Fülle von Vorstellungen, die sich für Lucinden auf wenig Augenblicke jetzt zusammenzudrängen hatte, die wirkung, dass sie ihr das Bewusstsein völlig nahm, ja, sie in einen traumähnlichen, bacchantischen, von höchster Freude, von Lust und Schmerz ebenso gehobenen wie wieder vernichteten Zustand versetzte.

Diese rätselhaften Vorgänge mit dem Kronsyndikus, diese Feuersgefahr, sein Benehmen am Fenster, der verzweiflungsvolle Humor und die Furcht vor Heinrich Klingsohr, dann sein mit den dunkeln Gerüchten über ihn und eine grosse Anzahl illegitimer Kinder übereinstimmendes geheimnis, die plötzliche Versöhnungslust, die sich beim Besteigen des Wagens auch noch in dem ausdrücklichen Befehl gezeigt hatte, dass die Lisabet die Diener in Livree stecken und augenblicklich die ganze Grösse des Wittekind'schen Hauses entfalten sollte ... dann der heranrollende Wagen des wiederum seinerseits mit den unglaublichsten Ueberraschungen Erwarteten, alles das verursachte in seiner schnellen Aufeinanderfolge ihr einen fast physischen Schmerz, wie wenn sie wirklich den Tod des Ertrinkens erleiden sollte.

Und doch rief auch wieder zu gleicher Zeit alles in ihrwie die ersten rauschenden Accorde einer Ballmusikzu Lust und Freude.

13.

Während Lucinde das Staunen der Lisabet auf die natürliche Voraussetzung einer Versöhnung mit dem Deichgrafen verwies, lief sie schon über den marmorgetäfelten Estrich des untern Schlosses an die hohe, schwere Tür, schloss diese mit dem immer von innen steckenden Schlüssel auf und trat auf den Perron hinaus, um Klingsohr'n anzurufen.

Dieser hatte auch seinerseits einen Blumenstrauss in der Hand und suchte sie, langsam fahrend, am Fenster. Wie erstaunte er, als sie selbst erschien, ihn anredete und aufforderte auszusteigen!

Sie werden alles erfahren, kommen Sie nur! sagte sie. Der Kronsyndikus ist eben abgereist, der Kammerherr mit ihm, ich bin allein und ausdrücklich beauftragt, Sie zum Bleiben einzuladen!

Da geht ja die Welt unter! sagte der Doctor, sprang vom Wagen und übergab sein Gefährt einem schon in Livree, die er eben noch zuzuknöpfen im Begriff war, herbeispringenden Gehilfen der Branntweinbrennerei.

Es war auch inzwischen Feierabend. Der Hof war in voller Bewegung. Die Inspectoren und Arbeiter aller der verschiedenen hier zu beaufsichtigenden Branchen begriffen nicht, wie sie den Sohn des Deichgrafen konnten auf Schloss Neuhof einkehren sehen. Aber Lucinde zog den verwunderlichen Gast die grosse steinerne Stiege hinauf in die Staatszimmer, wo man bereits anfangen wollte einen Tisch zu decken, Lucinde sollte nur bestimmen welchen. Sie wählte einen der glänzendsten mit einer Decke von Lapis Lazuli, achteckig, mit geschweiften, vergoldeten Füssen, dicht vor einem Kanapee, das in der Nähe eines Kamins stand ...

Dazu läuteten von allen Tiefen her die Glocken das Ave Maria .