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deine Rechtgläubigkeit feiern wird, vorzüglich unter denen Weibsen! ... Fühlst Du's denn endlich, wie schön diese Veranstaltung Gottes ist, dass es Wesen gibt, die an der ganzen Weltgeschichte unbeteiligt bleiben und Alexander, Julius Cäsar und Innocenz III. nur auffassen unter dem Gesichtspunkt, ob solche Leute den Kaffee teurer machen, die Verlobungskarten seltener, die laufenden Moden durch plötzliche Trauergarderoben unterbrechen und dergleichen? Bewundere diese Geistesgegenwart, mit der mitten in unsern Schmerz hinein und während die Männer noch ohne jede Sammlung stehen, die Frauen schon wieder bei einem Sterbefall ihr schwarzes Seidenkleid bestellt haben! Sieh, so haben mich die jugendlichen Regungen meiner Petronella in Erstaunen versetzt, die zwar von ihrer leiblichenlies nicht etwa: lieblichenSchwester nichts geerbt hat, aber dennoch "Schanden halber" bereits in das zweite Stadium des äussern Schmerzes, in den grauen mit Violettschleifen eingetreten ist! Studire Weltgeschichte im Stift Heiligenkreuz! Zwanzig weibliche Wesen, die ohne Zweifel Deine Heiligkeit bewundern und vielleicht auch Dich endlich an die Wahrheit des Satzes erinnern werden: Mulier est hominis confusio!

Ich sehe Dich aber auch, lieber Sohn, wie Du Dich endlich aus Blumen und gestickten Tragbändern und Portefeuilles herauswindest und wieder Deinen feurigen Wagen des Elias besteigst, zunächst die Stufen des Altars und der Kanzel zu sankt-Libori, dann wohl auch die Treppen zu den Regierungscollegien, wo Du – "Gutes wirken" willst! Ach, mag Dir's dabei nur nicht so ergehen, wie mir damals, als ich wirklicher Dechant war und ein luterscher Regierungsrat mir unter eine Rechnung für Oel, Wachs, Wein und Salz beim S a l z e regelmässig beischrieb: "Ich frage wiederholt: Gehört denn in die Cultusrechnungen auch die Naturalverpflegung der Herren Pfarrer?" Wusste der Kerl nicht, dass zu unsern Taufen Salz gehört! Er glaubte, die Rechnung der Köchin hätte sich in die für das Cultusministerium verirrt. Ich schrieb damals an den Rand: "Salz ist ein gutes Ding; so aber das Salz dumm wird, womit soll man würzen! Lucä 14, 34." – Du freilich wirst durch solchen "Druck" auf unsere "arme" Kirche nicht zum "Rechtgläubigen wider Willen" gemacht werden; denn nur Römlinge sehen nicht ein, welche verbesserte, wahrhaft glänzende Lage gegen früher wir bei alledem in partibus infidelium haben ... Doch nichts vom Kirchenstreit! Was sagst Du zu dem noch immer unter polizeilicher Aufsicht stehenden Hunnius? Neulich rief er vor einer Gemeinde, die leider nicht die zu sankt-Hedwig in Berlin war, sondern nur die Stadtkirche in Kocher am Fall, sage die Stadtkirche in Kocher am Fall!: "SanctPaulus war seines Zeichens ein Teppich-, kein Schleier-Macher!" Diese seine Anspielung auf Professor Schleiermacher in Berlin fiel natürlich bei uns ganz auf den Weg.

Bona, ich warne Dich nur, Deinem Diöcesanklerus nicht etwa in jugendlicher Begeisterung Conferenzen vorzuschlagen, schriftliche arbeiten zum Circulirenlassen, Lesecirkel, eine Archipresbyteriatsbibliotek und ähnliche Reformphantastereien, die uns arme Einsamkeitsschlucker und Trübsalbläser erheben, zerstreuen und bilden sollen! Du dringst damit nicht durch! Stelle Dich blind und taub für alles, was Du sehen und hören wirst! Unsere Kirche bessert sich einst, aber nur durch grosse Revolutionen. Bis dahin emancipire sich ein jeder für sich, mache sich zu einem kleinen Privat-Panteon der gesunden Vernunft und soll ich Dir raten, suche Dir in Witoborn höchstens nur die allerältesten Priester heraus, alte säcularisirte Benedictiner, einen alten Kapitular, der vielleicht ein armseliges Zimmerchen im Seminar bewohnt, nur um seine Einkünfte für ein paar Schwestern zu sparen. Da wirst Du vielleicht noch einen oder den andern Menschen finden von Gemüt, von herzverklärtem Geist, von lieben alten plauderhaften Erinnerungen an eine Zeit, wo Lessing seinen "Natan" auch für uns gedichtet hat und mancher junge katolische Priester lieber eine schöne lutersche Predigt von Spalding und Reinhard ablas, als selbst eine viel weniger schöne schrieb. Da ist im alten Jesuitenstift ein gang, wo alle Generale der Jesuiten abgebildet sind! Sieh sie Dir an! Einer schaut pfiffiger aus, als der andere; die Spanier sind besonders schlau, die Deutschen von einer kläglichen Unverbesserlichkeit, sämmtlich, wie es scheint, aus der dümmsten Gegend Deutschlands, aus dem Innviertel; nur einen sieh Dir recht an, der hat eine furchtbar lange Nase, scheint mir jedoch der gutmütigste von allen. Die Nase ist ganz nur die Ablagerungsstätte für die Schnupftabacksdose. So sah der alte Rector dort aus, als ich bei Witoborn lebte und ein alter lieber Freund von mir, ein ehemals jüdischer Gelehrter, den ich in Paris kennen gelernt hatte, dort convertirte und ins Seminar trat ... A propos, solltest Du unsern harmonietrunkenen Herrn Löb Seligmann von hier sehen: die HasenJette lässt ihn grüssen und von seinem Davidchen anzeigen, dass dessen Beine sich stärken und sein Geist von Tag zu Tag dem des jungen Samuel ähnlicher wird ... Findest Du unter den Priestern einen solchen kleinen alten dicken Mann mit langer Nase und einer Schnupftabacksdose in der Hand, dann grüss' ihn von mir, er kennt mich gewiss. Der alte Rector freilich ist jetzt tot ...

Sonstwenn Du arme Kaplane siehst, für die das Wort Stolgebühren bisher nur erst im Examen vorgekommen ist und die am "Freitisch" bei ihrem Pfarrer verhungern müssen, nun, immerhin, lege für mich aus, Bona, falls Du auf anständige Art einige ihrer drückendsten Schulden tilgen