ob ich nicht in Salem, nicht in Castellungo eine Urkunde entdecken könnte, die so emsig von den Feinden der Salems-Camphausen gesucht wird ... Benno erzählte davon; auch Terschka, obgleich dieser es nur mit leicht erklärlicher Zurückhaltung tat ... Noch immer wird diese Urkunde gesucht ... Der Procurator Nück hat an Benno geschrieben, er möchte in Gegenwart Terschka's und des Onkel Levinus noch einmal die Archive von Witoborn und Westerhof durchsuchen lassen ... Beide sind auch bereit dazu ... Und so verlässt mich, sehe' ich, die Angst der Seele selbst in meiner Traumwelt nicht. Sie zeigt mir wider Willen die Gegenden, wo – mein Schicksal entschieden wird ...
Ihr Schicksal? Paula! Welche Zukunft fürchten – Fürchten? Hoffen Sie? ...
Diese Worte sprach Bonaventura wirklich. Sein Innerstes wogte im Brand der Liebe und – der Eifersucht ...
Nichts, nichts mehr hielt er zurück von der Saat seiner Tränen, die ausgegangen war seit Jahren in den einsamen Stunden der Nacht und der Verzweiflung ... Seine Augen leuchteten ... Seine arme hoben sich ... Ein Frühling des reinsten, göttlichsten Menschentums schien um ihn her zu blühen und zu spriessen ... Er bebte ... schwankte ...
Und auch Paula zitterte ... Eben noch waren ihre tiefblauen Augen aufgeschlagen und blickten gegen Himmel, den Augen einer Seherin gleich ... Jetzt senkten sich die langen schwarzen Wimpern ...
Aber ach! nur Katarina von Siena war es, die Heilige, die vor Bonaventura stand ... Sein zages, nazarenisches Herz erinnerte sich schon wieder: Dieser blick gilt dem Himmel, dem Kloster! Er gilt deinem stand! ...
Doch nur einen Augenblick beherrschte er sich so ... Bald fühlte er neubelebende Wonne ... eine Wonne seltsamster Glut, seltsamster Gedanken, seltsamster – Verirrungen sogar! Franz von Sales, der Heilige, stand vor ihm, vor dem ja auch einst eine Frau von Chantal kniete ... Eine Gattin, eine Mutter verliess ihre weltlichen Lebensbeziehungen, um dem Heiland zu dienen, dessen – einziger Apostel ihr dieser Bischof von Genf erschien! Und auch dieser nannte sie seine Philotea! Wo ist die Grenze der göttlichen Andacht und der Anfang menschlicher Liebe in den Briefen, die sie sich geschrieben haben? Ihr Gebet ging vielleicht wirklich empor zu Gott, doch sie beteten zusammen! Sie stiftete ein Kloster, er hütete es ... Sie starb, Franz von Sales segnete den Sarg ... sein Inhalt verweste nicht ... nach hundert Jahren öffnete man ihn ... da war alles Asche ... nur das Herz war unversehrt geblieben ... Dies Herz ... Kann es geirrt haben in jenem Irrtum? ... Gelogen in jener Lüge? Paula, Paula – meine Sinne schwindeln – solltest du mir wirklich vielleicht gehören können gerade, gerade – durch den geistlichen Stand? ...
Das war ein furchtbarer, frevelnder, romgeborener Gedanke ... ein Gedanke der Sünde, der Lüge gegen natur und Gelübde ...
Aber dieser Gedanke – und sollten die Donner um ihn her rollen und Blitze zucken – durchzitterte ihn doch ... Seine Pulse flogen, seine Lippen bebten ... schon wagte er das bedenklichste aller Worte, das er in solcher Stimmung nur sprechen konnte:
Paula – wenn sich – die Urkunde – fände – wenn Sie dann, wie man allgemein glaubt – sich entschliessen müssten – wirklich Ihre Hand – einem mann zu geben – der doch nur – aus Standesrücksichten –
Paula hatte diese Worte eben abwehren wollen ... Sie wollte sie abwehren fast wie verkörperte Wesen, die schon eine Handbewegung zurückstossen konnte ... Sie hielt, am geöffneten Flügel sich mit der Rechten haltend, die Linke dem Sprecher, dessen Atem schon ihren Mund berührte, bebend entgegen ... ein Moment noch und der Bund der Herzen war geschlossen ... ein Abgrund geöffnet, der Vorhang seines Allerheiligsten zerrissen, der "Bau der Kirche" zertrümmert ...
Da trat eine Störung ein ... Draussen gingen lebhaft aufgerissene Türen ...
Jetzt erst erkannten beide, dass es um sie her völlig Nacht geworden war ...
Armgart trat stürmisch herein ... Sie kam im Hut, mit Pelzüberwurf, von der frischen Luft wie ein rosiger Apfel gerötet ... Sie war zwei Stunden Weges nach Heiligenkreuz zu Fuss gegangen und schon wieder zurück ...
Hinter ihr her kam Terschka ... gleichfalls in einem Pelzrock, den ein grünes Schnurwerk zierte ... Sporen klirrten an seinen Füssen ... er riss eine Jagdmütze ab ...
Terschka hatte, das erfuhr man, Armgart auf Heiligenkreuz, wohin gerade auch ihn jener Brief aus Witoborn abgerufen hatte, angetroffen und sie wieder zurückbegleitet – zu Fuss – über den gefrorenen Schnee hinweg ... Sein Ross musste erst der neu angenommene Dionysius Schneid (dem sein Verkehr auf dem Finkenhof eine ernstliche Verwarnung zugezogen) aus Heiligenkreuz zurückholen. Terschka hatte es stehen lassen, weil er nicht neben Armgart reiten mochte, während sie zu fuss ging. Sie erklärte, ihn unterwegs sprechen zu müssen; sie war in einer unbegreiflichen Aufregung. Auch das fräulein von Tüngel-Appelhülsen war in der Tat bei Frau von Sicking ... Es geht etwas vor! sagte sie sich .