schen Familienstatut Kraft erst geben soll, wenn die Erben unsere Religion bekennen ... Sie fehlt und wahrscheinlich nur deshalb, weil sie niemals ausgestellt wurde ...
Es sind viele Urkunden in jener Zeit verschleppt worden, als nach Uebergang dieser land in westfälische und dann in unsere herrschaft, die geistlichen Stifter und so viele Klöster eingingen! War zufällig ein Pergament besonders schön geschrieben, so schickte es dein Vater in das Museum der Hauptstadt, in die Bibliotek des Königs ... Dort fand ich schon manchen herrlichen Schatz wieder, den dein Vater uns vor Jahren gezeigt hatte, wenn er aus Witoborn oder sonst einer geistlichen Gegend heimkehrte ...
Bonaventura's Gedanken mussten jetzt wohl auf Bikkert gerichtet sein ... Zwei drückende Vorstellungen: Die gefälschte, bei einem Brand vielleicht hier, auf diesem schloss einzuschleppende Urkunde und Lucindens Eroberung aus dem Sarge in sankt-Wolfgang! Beichtgeständnisse, die er nicht verraten durfte ... Sie machten ihn zum Mitleidenden – zum Mitschuldigen ...
Die Mutter sah seine Abwesenheit ... Sie bemerkte mit gedämpfter stimme:
Besonders ist Wittekind in eine Sache verwickelt, die nur innerhalb der geistlichen Sphäre bleiben soll! Ich kenne sie selbst nicht vollständig. Sie hängt mit einer grossen Verirrung des Kronsyndikus zusammen und reicht in ihren Folgen sogar bis nach Rom. Auch der Onkel Dechant zu Kocher am Fall soll dabei eine Schuld zu tragen haben. Oft hab' ich schon gedacht: Hinge wohl Benno's Herkunft damit zusammen? Aber wie er als Kind schon nicht dem Onkel Max ähnelte, so noch weniger dem Onkel Franz – Wittekind schüttelt darüber vollends den Kopf ... Nun, ich werde ja auch Benno wiedersehen und mit ihm plaudern! ... Wir müssen wohl jetzt zur Gesellschaft, Bona! Ich erbebe, die junge Gräfin zu sehen, die so seltsame Zustände hat! Eie lag eben jetzt, wie ich höre, im Hochschlaf? Ich zittere vor Beklemmung! Was sah sie nur?
Ein Bild der Phantasie! sprach Bonaventura mit stockendem Atem zu der schon ganz in das gewohnte Gleis ihres Lebens wieder zurückgekehrten Frau. In Gedanken verloren hatte er der letzten Rede seiner Mutter schon nur noch halbe Aufmerksamkeit geschenkt und nur zur Andeutung, dass Benno des Dechanten Sohn sein könnte, gelächelt ... Mutter, hätte er fast gesagt, wie wenig würde Der Anstand genommen haben, Benno die frischen Wangen zu klopfen, ihm seinen schwarzen Bart und sein lockiges Haar zu zupfen und zu sagen: Junge! "Nichten" haben wir genug in der Dechanei gehabt, aber noch nie einen so echten "Neffen", wie du bist! Das ist eine falsche Fährte! ... Nun aber gingen beide aus dem Zimmer und wandten sich nach vorn ...
Die Mutter hing sich in den Arm ihres Sohnes. Man sah, dass sie äusserlich beide sich angehörten. Den Wuchs und die hohe Gestalt hatte Bonaventura von dieser klugen und vorsichtigen Frau; das Herz vom Vater ...
Sie sagte: Mein Heiliger! zu ihm, lächelte und trat mit ihm in den Vorsaal.
Die Vorstellungen und Begrüssungen währten eine Weile und dann zerstreute sich alles ...
Bonaventura blieb zum Mittag ... Paula erschien wieder als wäre nichts gewesen ... Onkel Levinus und Tante Benigna wurden inzwischen von einer andern Gedankenreihe in Anspruch genommen und taten geheimnissvoll. Frau von Sicking hatte ihnen geschrieben. Sie hatten viel geflüstert und gerade am meisten, wenn Armgart nicht im Zimmer war. Diese merkte dann bald, dass etwas auf sie Bezügliches im Werke war. Als sie den Namen der Stiftsdame Tüngel-Appelhülsen flüstern hörte, die sich der Bekanntschaft mit ihrer Mutter rühmte – sie war die zweite Partie, die Jérôme von Wittekind hatte machen sollen und war damals nur durch den Calfactor "Türck" und den Zorn ihrer Mutter über ein verdorbenes Kleid darum gekommen – sagte sie geradezu: Meine Mutter ist da! Die Tante fuhr sie darüber heftig an. Sie schwieg. Jetzt bekam auch Terschka durch einen Expressen aus Witoborn einen Brief und empfahl sich so rasch, dass er nicht einmal bis zum Ende des Mahls blieb. Armgart sass darauf wie besinnungslos. Noch ehe die Tante sich zu ihrem "Nicker" eingerichtet hatte, war sie verschwunden. Lange nach ihr zu suchen war man nicht gewohnt. Fehlten ihr vielleicht noch zu ihren "Vielliebchen" Nähseide oder Perlen, so ging sie, wusste man, zu Fuss nach dem Stift und scheute die einsamste Wanderung von fast zwei Stunden nicht. Onkel und Tante fuhren nach dem Kaffee in der Tat mit eigentümlichem Geheimtun zu Frau von Sikking und liessen Bonaventura mit Paula allein ...
Allein – Paula und Bonaventura –
Allein, allein – zwei Seelen, die sich lieben!
Allein, allein –! Wenn auch der Liebe Ja,
Allein, allein – doch ist der Himmel da!
Bei allen andern würde es nach Jahren geheissen haben: Weisst du noch, damals an jenem Nachmittag – im grünen Zimmer? – Wir sprachen vom Wetter, besahen Kupferstiche – da rief ich plötzlich: Himmel, wie voll die Hyacinten blühen! ... Ich zählte ihre Glocken, weil ich Angst hatte, dass wir uns beim Besehen der Bilder zu nahe anstreiften! Und ich glaube gar, ich stellte mich dennoch kurzsichtig, nur um mit der Stirn dein goldenes Haar zu berühren! ... O, wie Feuerglut war es in meinem ganzen Sein – und du,