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mit denen, mit welchen uns Geburt, Abstammung und gleiche überzeugung in eine Reihe stellten. Er erwiderte: Es wird vielen so gehen, dass sie zur erkenntnis kommen, und darum preis' ich mein los und will es gern ertragen! Ich bin zum Eckstein geworden! Die Bauleute wollten mich verwerfen; aber ein neues Gebäude wird über mir errichtet werden! Ein segensreiches und vielleicht für ganz Deutschland! Er entliess uns gütig. Deiner gedachte er mit der mein ganzes Mutterherz mächtig überwallenden Prophezeiung, dass Gott dich zu grossen Dingen erlesen hätte ... Schon wär' es im Werke, dich als Gesandten der Curie nach Wien zum apostolischen Nuntius zu schicken ... Du staunst darüber? ... Das wusstest du nicht? ... O, ich erkenne deine ganze natur ... in deiner Bescheidenheit! ... Mein Sohn! Mein, m e i n Sohn! ... So sei auch versöhnt und nimm die Vergangenheit so licht und rein, wie der schöne Sonnenstrahl dort drüben glänzt über dem blendenden Schnee!

So zart und doch wieder so klug und gewandt in ihrer denke-, Rede- und Gefühlsweise stand für Bonaventura die Mutter gar nicht mehr in seinem Gedächtniss. Wie hatte sich bei ihr das Vergangene verwischt! Ihm kam bei dem Bilde des Schnees, das sie brauchte, sofort die Erinnerung an den Tod seines Vaters ... Mit Bezüglichkeit wiederholte er: über dem blendenden Schnee! ... Erst allmählich verstand die Mutter diese Wiederholung und Betonung, seufzte dann tief auf und fuhr fort:

Die gnadenreiche Mutter sei mein Zeuge, dass ich an einen Abgrund erst geführt wurde durch die Umstände, nicht durch meine eigene Schuld! Die Worte des heiligen Sakramentes der Ehe sagen: "Und er soll dein Herr sein!" Dies Wort, mein lieber Sohn, ist nicht allein darum gesagt, dass die Gattin ihrem Gebieter gehorsame, es ist auch darum gesagt, dass der Gebieter ihr wirklich ein H e r r sei! Jede Frau hat das sehnsüchtige Bedürfniss, in ihrem mann auch wirklich den Führer, den beratenden Freund, ja selbst in zweifelhaften und schwierigen Fällen einen befehlenden Herrn zu haben. Mir war das dein Vater nicht. Im Gegenteil, ich, ein älternloses fräuleinBesitztümer hatten ja die W e h r f ö r d e r s , mein Geschlecht, nicht und meine Erziehung war unvollständigich wurde der Gebieter für ihn! Nicht durch Laune oder Neigung zum Herrschen, nur durch die Umstände, die ihn unfähig machten, das Ruder selbst zu führen. Diese Asselyns sind ein herrliches, edles Geschlecht gewesen; es ist schmerzlich, dass dieser alte Friesenstamm aussterben mussBenno kann doch nur den Namen fortführen. Franz, der Dechant, ist die Herzensgüte selbst, aber wie leichtsinnig! In seiner Jugend war er fähig die Bahnen der Geistlichen zu wandeln, die in Frankreich den Untergang der Religion verschuldet haben. Der zweite, Max von Asselyn, Benno's Adoptivvater, war ein tapferer, ritterlicher Held, ein Offizier von seltener Bravour, aber ganz so abenteuerlich, wie dies in unserm träumerisch eigensinnigen Volksstamm liegt. Was er unternahm, war befremdend. Bracht' er wohl aus dem Kampf, wie andere, gerechte und nach Sitte erworbene Beute mit? Aus Spanien sah ich viele deutsche Offiziere, die dort unter Napoleon kämpfen mussten, mit mancherlei merkwürdigen Dingen heimkehren. Ein Wehrförder, Vetter von mir, brachte aus einem Kloster Bilder mit, aufgerollt wie Landkartener hat sie zu enormen Preisen verkaufen können. Max brachte entweder von einer Nonne oder einerman sagt in seinen Armen gestorbenenGeliebten einen Sohn mitBenno, den er wenigstens sein nannte, wenn nicht in das Dunkel, das deinen Vetter umgibt, noch ein völlig anderer Lichtstrahl fällt und Max nicht einmal Benno's Vater ist. Der dritte Asselyn, Friedrich, mein Gatte, glich den andern nicht an Leichtsinn, aber an leichtem Sinn. Die Verlockung der Welt tat ihm nichts, aber die Zerstreuung alles. Nichts wurde bei ihm zum festen Vorsatz; eine Sorglosigkeit, die an sich ihm liebenswürdig stand, machte ihn zum harmlosesten Kostgänger der Schöpfung. Ja, mein Sohn, was Fritz sein nannte, gehörte sogleich auch allen. Jede Schuld, die ihn drückte, bezahlte er in dem Augenblick, wo er konnte, uneingedenk, dass ihn sein guter Wille in neue Verlegenheiten stürzte. Die drei Brüder taten ihr geringes Erbe zusammen, damit es Max bewirtschaftete. Dieser verband sich dazu mit einem jungen Oekonomen, Hedemann, einem Bauernsohn. Die Nachwehen des krieges waren verderblich; 1817 war ein Hungerjahr. Max starb. Die Verlassenschaft wurde von den beiden Brüdern verkauft und damit nur ein Käufer, der sich fand (es war der jetzt so heruntergekommene Rittmeister von Enckefuss) dazu erschien, borgten sie wieder selbst für diesen bei andern! So geschah alles, um hier nichts zu haben und da nichts! Nun gehört alles Unsrige hier den Münnichs. Wie gesagt, gute Menschen, diese Asselyns, aber –! Sieh, dein Vater wurde Regierungsrat. Sein Gehalt war gering. Er verschwendete wohl nichts, doch die Unregelmässigkeit seiner Berechnungen stürzte ihn aus einer Verlegenheit in die andere. Der jetzige englische Oberst von Hülleshoven, gleichfalls ein Sonderling, jünger als dein Vater, schloss sich ihm damals an, teilte ihm Liebhabereien mit, wie sie noch jetzt sein Bruder hier in den Türmen dieses reichen