. Sie wusste eben nicht, wie im Menschenleben oft ein aufgesammeltes Bedürfniss sowohl der Liebe, wie des Hasses demjenigen andern zu Gute oder zu Schaden kommt, der uns dann gerade zuerst begegnet und so begegnet, dass nur ein geringstes Wegnehmen von der schweren Last des Vorrats in unserer dafür zu eng gewordenen Seele das Nachstürzen auch alles übrigen bedingt ...
Frau von Wittekind war eine Frau hoch und schlank wie ihr Sohn ... Ihr Haar war noch dunkel ... Ihr Auge besass eine energische Schärfe ... Beim Lächeln der Freude, das sich in die Rührung mischen durfte, zeigte ihr Mund noch wohlerhaltene Zähne ... Das Schwarz ihres Kleides stand ihr, wie wenn sie es auch zur Hebung ihrer reinen weissen Haut hätte gewählt haben können ... Die Finger waren wohlgerundet ... Die ganze Art hatte etwas Vornehmes und abgeschlossen Sicheres ... Besass sie etwas ursprünglich Kaltes, so wurde dies durch die ergreifende Situation jetzt nicht ersichtlich ...
Sieben Jahre! ... begann sie ... Und du, mein Bona, mein Priester! ... Und Domherr schon! ... Und doch bist du immer, immer so kalt gewesen – deiner Mutter?!
Schon war Bonaventura gefasster ... Er setzte sich mit der Mutter auf ein kleines Kanapee ... Es war ein rings mit alten Landschaftsbildern geziertes, behaglich enges Zimmerchen ... Umher blieb es still und ohne Störung ...
In jungen Jahren haben wir immer viel heroischere Ideen als im Alter! sagte Bonaventura niederblikkend ...
Nennst du dich alt, mein Sohn! erwiderte die Mutter und streichelte die Wange des Errötenden ... Zugleich wich sie dem von ihr angeregten Tema der bisherigen "Kälte" wieder aus ...
Vom Onkel Dechanten, von Frau von Gülpen, von der alten Renate, von Bonaventura's Hausstand, von Benno war die Rede ... Frau von Wittekind lebte in völlig neuen Verhältnissen, hoffte nun aber eine innigere Anknüpfung derselben wieder an das alte Vergangene ...
Wird der Präsident auf seinen Posten zurückkehren? fragte Bonaventura ...
Nein, mein lieber Sohn! sagte die Mutter. Die Güter, die der Vater hinterlassen hat, sind so umfangreich, die Bewirtschaftung ist in den letzten Jahren, wo die Wunderlichkeiten des Alten über alles Mass gingen, so vernachlässigt worden, dass es Wittekind's ganzer Kraft bedarf, um alles auf der gebührenden Höhe zu erhalten ...
Dann gibt er eine glänzende Aussicht auf Staatswirksamkeit auf! sagte Bonaventura. Oft hatte man geglaubt, gerade seine Hand würde stark genug sein, das Gubernium der aufgeregten westlichen Provinzen zu übernehmen ...
Wir haben darüber ernste Beratung gepflogen! entgegnete die Mutter. Meinem Gemüte widersprach schon lange die falsche Stellung, in die er seinem Glauben gegenüber geriet! Mit dem Vorangegangenen wird er brechen und sich dem Geist anschliessen, der in diesen Gegenden herrscht. Es liegt darin für mein Herz eine tiefe Beruhigung!
Soweit ich unsern Volksstamm kenne, wird es einige Mühe kosten, das gegen ihn herrschende Mistrauen zu widerlegen! sagte Bonaventura aufhorchend. Zumal, da Herr von Wittekind – Bonaventura konnte nicht "Vater" sagen – in dem Rufe steht, seine frühere Stellung ganz mit überzeugung ausgefüllt zu haben ...
Wohl! sagte die Mutter. Wittekind ist eine praktische natur, wie in gewissem Sinn es auch sein Vater war ... Er liebt den Ruhm, vielleicht nur den Ruhm als gerechte Belohnung seiner Tätigkeit. Doch gibt er, soweit es geht, in vielem mir nach. Schon lange litt ich unter seinem Eifer für Administration und Beamtentum. Jetzt hat er eine entsprechende Beschäftigung und wird, soweit ich ihn kenne, mit Behutsamkeit einlenken auf die neue Bahn, die auch seinem Gemüt eine grössere Ruhe geben muss. Denn ebenso gut und weich kann er sein, wie er grossmütig und aufopfernd schon zu allen zeiten war ...
In den letzten Worten lag eine rechtfertigende Erinnerung an Bonaventura's Vater, an seine Flucht, seinen Tod ...
Als Bonaventura schwieg, nahm die Mutter diese Erinnerung von selbst auf ... Sie ergriff des Sohnes Hand und sprach mit einer Fassung, die, so schon nach der ersten Rührung des Wiedersehens kommend, überraschen konnte:
Du bist reifer geworden, mein Bona! Du hast die Welt schon in anderm Lichte gesehen, als damals, da der Eindruck meiner Wiederverheiratung dir so befremdlich war! O, nenne mich keine Schuldige! Beurteile mich nicht so hart, wie der damalige Generalvicar, der gefangene Kirchenfürst, der Wittekind hasste, weil er zu den Organen der Regierung gehörte! Als wir von der nahen Auflösung des Kronsyndikus hörten und da schon hierher reisen wollten, besuchten wir den strengen Mann in seiner Festungshaft. Er war von einem Spaziergang aus den Wällen zurückgekehrt und eben wollt' er die Tabackspfeife, die er unbekümmert um den Brand, den er in der Christenheit angezündet hat, immer noch frohgemut fortraucht, wieder füllen, als ihm der Vater – Wittekind und ich gemeldet wurden. Dieser Besuch musste ihn nicht wenig überraschen. Ich hatte Sie in andern Beziehungen wiederzusehen erwartet, Herr Präsident! sagte er, als er unserm Beileid staunend zugehört. Dieser Schritt wird Sie in eine schiefe Stellung bringen, wenn anders Sie mich nicht als ein Bevollmächtigter der Regierung besuchen! Wir benahmen ihm diese irrtümliche Voraussetzung und erklärten, dass wir Frieden zu schliessen gedächten