Eremit ist ein Deutscher, namens Federigo! Ich kenne ihn! Eine religiöse sekte, die von Comtesse Erdmute dort beschützt wird, hat sich jetzt, wie so oft, um ihn versammelt! Ich wäre begierig, ob in diesem Augenblick, wo allerdings dort in dem schönen piemontesischen Tale der Frühling schon in vollster Blüte steht, in der Tat eine der von ihr geschützten Gottesverehrungen stattfände! Erfahren kann ich das und werde mich darum bemühen ...
Terschka näherte sich dem Ruhebett ...
Paula aber betete jetzt ... Sie sprach Worte, die minder auffallend klangen ... Maria und die Heiligen fehlten nicht ... Endlich schwieg sie ganz ... Einen Reiz, sie noch aus ihrem beginnenden, nun wirklich naturgemässen Schlummer wach zu rufen, konnte nur eine Grausamkeit unerlaubter Neugier sein. Die Tante winkte, dass Paula der Ruhe bedürfte ...
Die Frauen gingen zuerst ... Die Geistlichen folgten ... Onkel Levinus begann von Gräfin Erdmute und ihren Reformen ...
Terschka entzog sich zwar dem für seine Stellung bedenklichen Gespräch, blieb aber mit Armgart zurück, die ihn festielt und sich von Castellungo erzählen liess, über das eines Abends Benno und Tiebold so harmlos gesprochen hatten, dabei sogar Porzia's gedenkend, als einer Schülerin des Bruders Federigo und vielleicht einer künftigen Gattin Hedemann's. Die Möglichkeit, dass Paula nur eine Reproduction der Phantasie gegeben hatte, lag nahe. Nur bewunderte Terschka, wie richtig alles zutraf, und Armgart ihrerseits staunte und grübelte, warum gerade jetzt Paula auf diese Anschauung kam. Sinnend und den Trauring betrachtend, den sie wieder zur Zurückgabe an den Domherrn an sich genommen hatte, liess sie sich Castellungo so genau schildern, dass Terschka am Fenster hinter den Gardinen bei ihr stehen bleiben und flüstern musste ... Sie kehrten lange nicht zu den Uebrigen zurück ...
Und doch war inzwischen neuer Besuch gekommen ... Wenn Bonaventura annehmen wollte, dass der Trauring seiner Mutter es war, der diese Kette von Anschauungen veranlasst hatte, wenn er im Bruder Federigo sich seinen Vater denken, in der an ihn gerichteten lateinischen Einladung eine Andeutung des väterlichen Unwillens finden wollte über die Wahl seines Berufes und einen Drang der sehnsucht des väterlichen Herzens auf ein Wiedersehen, dem dann eine Erörterung über die Ehe als unauflösliches Sakrament der Kirche folgen musste – so fehlte, um ihn in die höchste Verwirrung zu versetzen, nur das noch, was ihm jetzt geschah ...
Der Regierungspräsident von Wittekind stand im grünen Zimmer und war eben erst angekommen ...
Zuckte der Schmerz der gewissen überzeugung in Bonaventura: Dein Vater lebt noch und entzog sich nur der Welt, weil unsere Kirche nicht scheidet – so stand er dem mann gegenüber, der die Hand einer Frau besass, die seine Mutter war und die vielleicht in Bigamie lebte ... Noch mehr ... Der Präsident sprach zum Onkel Levinus, zur Tante Benigna und zu Bonaventura zugleich gewandt:
Ich fürchtete ihre Aufregung und liess drüben eines der geheizten Fremdenzimmer aufschliessen ... Gehen Sie zu ihr und begrüssen Sie sie lieber erst unter vier Augen!
Wen? konnte Bonaventura nicht mehr fragen; denn schon bestätigte der Präsident dem Ahnenden:
Ihre Mutter! Sie ist gestern Abend angekommen! Wir suchten Sie eben im Pfarrhause auf und hörten, dass Sie hier sind – Die sehnsucht der vortrefflichen Frau kannte keine Grenzen mehr! Wir fuhren hieher! Sie verlangt nach Ihnen! Machen Sie sie glücklich!
Bonaventura verliess das Zimmer, geführt von Tante Benigna und dem Onkel.
8.
Bonaventura's Herz überfiel ein Krampf, der ihm die Unterstützung seiner Führer zur notwendigkeit machte ...
Im Vorsaal stand einer der zur glänzenden Livree noch mit Emblemen der Trauer geschmückten Diener des Präsidenten ... Er stand bereit, ihn in das Zimmer zu geleiten, wo ihn seine Mutter erwartete ...
Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen! hatte es einst in des Sohnes Brust gerufen ...
Wieder riefen ihm wilde Stimmen dies Wort, aber es waren nur noch Stimmen der Erinnerung ... Seine Brust trug schon zu schwer an tausend, tausend Bürden des Lebens und des Urteils, zu schwer, als dass ihm noch die alte rigorose Strenge verblieben wäre ... Auf Paula vorhin sich niederwerfen, sie durch Küsse aus den Banden der dämonischen Mächte wach rufen – wenn er das gekonnt hätte! ... Alles hatte ihn gezogen, es zu wagen – nun durfte er doch in die friedenbringenden arme eines Weibes sinken ...
Mit überströmender Rührung war er dem Diener gefolgt, der ihn weiter auf den Corridor hinausführte ... Die andern Begleiter, die heilige Weihe des Augenblicks erkennend, liessen ihn allein vorschreiten ... Der Diener öffnete eine der Türen, über denen alte Wappen und Jagdtrophäen hingen ...
Bewusstlos, nichts von der Umgebung, selbst nicht sogleich die Mutter ganz wiedererkennend, lag Bonaventura an einem Frauenherzen ... Er, der Mann, weinte wie ein Kind ... die Stätte durfte er geweiht nennen, wo er die Tränen über all die Empfindungen niederlegte, die seit dem immer höher und höher sich steigernden Reichtum seiner schmerzlichen Lebenserfahrungen sich in ihm ansammelten ...
Die Mutter selbst war fast befremdet von der Weichheit seiner Stimmung ...
Sie hatte solche Begrüssung nicht erwartet nach der Abneigung und dem strengen Urteil, das ihr vom Sohn über ihre zweite Vermählung bekannt war