Wagen, den man bei einiger Aufmerksamkeit auch mit blossem Auge sehen konnte.
Lucinde blickte erschreckend hinaus.
Es war erst wenig vor halb sieben, ja gerade die Stunde, die der Deichgraf nach dem Urteil seines Sohnes im Handeln immer einzuhalten pflegte, zwei Minuten vor halb sieben. Der Wagen ging bergan, und die Strecke von unten herauf war lang und steil, der Wagen fuhr langsam; gegen sieben konnte' es sein, wenn er endlich auf der Höhe war. Sollte Heinrich, statt zu Ross, im Einspänner kommen? Und durch den kleinen Taschen-Frauenhofer hatte der Kronsyndikus schon erkannt, dass es wirklich der "Doctor" war.
Die wirkung dieser Entdeckung war bei dem Greise die allerauffallendste.
Lucinde hätte noch deutlicher bemerken können, wie der Kronsyndikus krampfhaft sich am Nähtisch hielt und, da dieser leicht war, fast mit ihm umstürzte. Um ihre eigene Unruhe und Verlegenheit zu verbergen, hatte sie sich nur in diesem Augenblicke selbst zum Seitenfenster gewandt.
Was will denn der Doctor? sprach der Kronsyndikus immer tonloser und kürzer atmend ... Der Junge – der Junge – der – was will denn der? Was soll denn der? Wozu kommt denn schon der?
Es schienen ihm Gedanken durch den Kopf zu schiessen ganz anderer Art, als die er gewöhnlich über das "Volk da unten in der Buschmühle" aussprach.
Der Wagen kam näher. Es war ein Einspänner, den wirklich der junge Klingsohr führte.
Was will er denn? Was hat er denn? fuhr der Alte auf und wandte sich dabei nicht an Lucinden, die ganz nur mit ihrer eigenen Besorgniss beschäftigt war und sich abwandte, um ihr Erröten zu verbergen.
So nur konnte es geschehen, dass sie die zunehmende Unruhe des Greises nicht bemerkte, nicht sein Hinund Wiederrennen, nicht sein Oeffnen des nach der Seitenfronte gehenden Fensters, nicht sein erneutes Blicken durch das Fernrohr, das er zitternd aus- und einzog.
Endlich, als er in das Pfeifen eines Liedes ausgebrochen war und in den geöffneten Prachtzimmern die Decken von den gelben Sammtmöbeln riss und wieder kam und wieder ging, lachte er plötzlich laut auf, rief Lucinden in die Staatszimmer und sagte mit der ihm eigenen faunischen Miene:
Lucinde! Lucinde! Höre, Kind! Ich sag' dir etwas!
Herr Kronsyndikus! rief diese und eilte näher.
Satan, schwarzer –!
Excellenz –
Engel! Schlechte person – liebst den Kerl, den Doctor!
Er lachte dabei convulsivisch.
Hast recht! liess er sie kaum zu Worte kommen und umarmte sie. Hast recht! Er kann's einem schon antun!
Aber Excellenz –
Weiss alles, verdammte Hexe! Ihr saht euch in dem gottverfluchten grund, saht euch im Park ... hinterm letzten Pavillon ... am Fasanennetz ... im Mondschein ... Glaubst du, der buckelige Stammer geigt mir nicht auch um funfzehn Silbergroschen oder eine Tracht Hiebe die Wahrheit? ... Aber ... aber hast recht ... sollst recht haben, Kind ... Wie kann man einen Narren lieben? Da ... den ... Und ... einen ... Greis dann noch dazu? Halt ihn fest ... den Doctor mein' ich ... Gleich auf der Stelle! Hier ist der Schlüssel zum Keller! Esst, trinkt! Lass deine Künste los, Zigeunerin! Ich gönne ihn dir ... Sieh, Kind, wie er das Ross zügelt! Dass dich ... Seine Mutter war schön ... Lucinde, höre – aber leise – sag' ihm was ... hier, da ... auf dem Sopha ... sag' ihm was ... Hol' ihn dir ... halt' ihn dir fest und plausch' ihm ins Ohr ... hörst du ... ob er's denn noch nicht weiss ... nie gehört hat ... nie erfahren ... dass ... dass ... Na, was? ... Ha, ha, ha! ... Wer ihm den Riegel aufschob ... als er in die Welt gekommen ... Hm? Verstehst du ... Lucinde, sag's ihm beim fünften, sechsten Glas Champagner ... Lisabet! Lisabet! Küche, Keller, alles geöffnet! ... Sag's ihm ... drei Söhne hatte der alte Wittekind, einer ist Candidat zum Premierminister, einer Candidat zum Tollhaus ... und der da? ... "Der Gott, der Eisen wachsen liess" sangen sie damals – ha, ha! – als sie den Tugendbund schlossen und in den Teutoburger Wald geheime Reisen machten und die Weibsen zurückliessen ... ha, ha, ha! ... Verstehst du, kleine schwarze unschuldige Schlange?
Ein tolles lachen, ja, das ihr bekannte lachen der Selbstzufriedenheit über seine plötzlichen Lichtblitze der Klugheit und Verschmitzteit, erstickte die Rede des wie wahnsinnigen Greises.
Lucinde stand sprachlos und konnte um so weniger zu Worte kommen, als der Kammerherr, der seiter unten gewartet hatte, jetzt zurückkehrte und eine Aenderung der ihm gegebenen Befehle zu hoffen schien.
Lucinde verstand vollkommen das schreckliche geständnis, das der Kronsyndikus gemacht hatte.
Die Dazwischenkunft des Kammerherrn hinderte eine weitere Erörterung. Der Vater zog Lucinden mit sich hinunter. Wie er auf der Treppe sich auf