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in den Büchern! ... fuhr die Schlafende fort ... Der Mann mit weissem Barte erklärt sie ... "Gott ist ein Geist", spricht er, "und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten!" Die sanfte stimme! ...

Bonaventura stand atemlos. Sein blick fiel auf Terschka, der ihm voll Erstaunen zuflüsterte:

Ich glaube die Gegend zu kennen ...

All die Blumen und die Käfer und die Bienen summen! ... Wie grün ist das! ... Smaragdgrün! Wie wenn in unserm Buchenpark die ersten Frühlingslauben sich wölben ... Aber das sind nun Eichen! ... Tief unten ist alles so milde, so weich und sanft ...

Wer ist der Redner? fragte Onkel Levinus scharf ...

Die Frauen erwarteten keine andere Antwort, als: Gott der Herr selbst!

Sie kennt ihn nicht! ... sagte Paula ...

Das Sprechen in der dritten person hatte etwas Gespenstisches, das niemanden mehr bewegte als Bonaventura. Armgart's fortgesetztes Bitten lehnte er mit der Hand ab. Doch kaum sah Armgart dies Vorstrekken seiner Hand, so erhob sich das phantastische Mädchen, ergriff sie und wollte ihn dem Lager näher ziehen ...

Bonaventura machte nun in der Tat ein Kreuz über die ganze Länge der in schwarzer Seide gekleideten, in rührender Halbbewusstlosigkeit daliegenden, fieberhaft angehauchten Gestalt der Gräfin und trat wieder zurück ...

"Herr, wie so lange!" sprach jetzt Paula mit erhöhter Kraft. "Auf, schlage ihn, denn das ist der Tag, an welchem der Herr hat übergeben deinen Feind in seine Hand!" Die Hand auf das Buch hält er! ... Hält es hoch empor! ... "Siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist weg und dahin!" "Der Odem Gottes weht über die land!" ... Sie kann jetzt nicht hören ... Die Frauen weinen ... Die Männer reichen sich die hände ... JetztjetztEin Kelchgehtum ...

Ein einziger Ton des Schreckens unterbrach Paula's Vision ... Ein Kelch geht um? Das musste eine Versammlung von Ketzern sein! ... Das war die gemeinsame Empfindung ...

Sie trinken alle daraus! fuhr Paula mit Bestimmteit fort ...

Einige der Frauen, die sich gesetzt hatten, erhoben sich ... Andere, die standen, mussten sich nach Sesseln umsehen. Die Geistlichen blickten fragend bald auf Bonaventura, bald auf den Onkel Levinus, der gewissermassen für alle diese Dinge die Verantwortlichkeit zu übernehmen hatte ...

Es ist, sagte Paulanicht die Messe

In Bonaventura's Innerm war es, als fühlte er die Erde unter sich wanken ... Paula sprach wie seine innersten Gedanken aus ...

Das Buch ist die Bibel! sagte Paula ...

Der Schrecken vermehrte sich ...

Der schöne Pokal! ... Von rotem Krystall! ... Wie Blut? ... Ja er sagt: "Noch wird es in Strömen fliessen, bis deine Burg, o Herr, Zion, deine Zinne, erobert ist!" ... Er ergreift den Kelch ... Die Hand ist so weiss ... wie der Schnee der Alpen ... dort oben ...

Längst zitterte schon in Bonaventura die Erinnerung an den geheimnissvollen Brief, den er empfangen, die Einladung, einst unter den Eichen von Castellungo zu erscheinen, dort ein neues Martyrium anzutreten, das der verbesserten Kirche ... Und wie dann Paula selbst ihre eigene schöne weisse Hand emporhielt und sein Ring, der Trauring seiner Mutter, zu aller Erstaunen an ihrem Ringfinger blitzte, konnte er sein Herz nicht länger bewältigen ... Aller Anwesenden uneingedenk, entsetzt über die Vergleichung der weissen Hand mit dem Alpenschnee und wieder doch von der frohen Hoffnung neu beseelt, dass sein Vater nicht in die Abgründe der Lavinen stürzte, nicht in der schaudervollen Morgue des sankt-Bernhard vermoderte, nicht auf dem Friedhof zu sankt-Remy auf dem Wege nach Aosta begraben lag, wiederholte auch er die Frage:

Wer ist der Redner?

Da schwieg anfangs Paula ... Dann aber, zum Zeichen, dass sie Bonaventura's stimme wohl erkannt hatte, sagte sie, und sagte das wie vor Ueberraschung wonnig belebt:

Du fragst sie?

Alledes Du's staunendsahen auf Bonaventura ...

Schon aber sprach Paula weiter:

Es ist kein Greis! Weiss ist sein Haar, schneeweiss, aber seine Haltung noch wacker ... Wer es ist? ... Er ähneltdir! ...

Bonaventura zitterte ... Armgart ergriff seinen Arm krampfhaft ... doch überselig ...

Paula fuhr fort:

Seine Hütte gefällt ihr ... Drüben aber liegt das Schloss ... Die Fahne hat ihre Farben ... ihr Wappen ...

Wessen? fragte Terschka mit nicht mehr zurückkzuhaltender Spannung ...

Paula schwieg jetzt ... Der Ton dieser stimme störte sie ...

Onkel Levinus deutete auf die Schlummernde selbst und sagte mit dieser stummen Geberde, die Schlossfahne trüge die Farben der Dorste-Camphausen selbst ...

Dann ist es Schloss Castellungo! sagte Terschka mit höchstem Erstaunen. Der