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Das wird der Hochschlaf! Immer, wenn sie den höhern Grad des Hellsehens erreicht, spricht sie von sich selbst als von einer dritten person! Es ist dann, als schritte ihr Geist aus dem Körper heraus, sodass sie sich selbst sieht. Das Tröpfeln aus den Fingerspitzen ist der Anfang ...

Tante Benigna bemerkte jetzt den Ring an Paula's Finger, wagte aber keine Frage oder Einsprache zu tun und bangte nur, wie alle ...

Paula schwieg eine Weile, als wartete sie das Entgleiten des elektrischen Fluidums aus ihren Fingerspitzen oder die weitere Annäherung Bonaventura's ab ...

Auch Terschka trat inzwischen zu den ängstlich Harrenden ... er grüsste Bonaventura und die, die er heute noch nicht gesehen hatte ...

Wie ist das so schön! fuhr Paula in kurzen Sätzen fort ... Ach, die herrlichen Blumen! ... Rosen um dunkle Cypressen! ... Die gehen ja hoch hinauf bis ins grüne Laub! ... An den Blättern zittern Tautropfen, die die Sonne bescheint! ... Die sanfte Datura! ... Die stolze Magnolika! ...

Der Onkel schaltete bedeutsam ein:

Die absolute Wesenheit der Dinge! Erst kommt sie durch Blumen, dann durch bunte Ringe und Kreise! Es ist zuletzt die Welt des reinen Seins ohne Zeit und ohne Raum ...

Paula fuhr jedoch im Gegenteil fort:

Ein herrliches Schloss! ... Mit einer Fahne auf dem Turm! ... Wald und Berg! ... Immer hört sie ein Glöcklein, das nicht aufhören will! ...

Onkel Levinus sah sich um und deutete mit stummem blick nach oben. Er wollte sagen: Sie hört die Harmonie der Sphären ...

Hirten kommen aus den Tälern, fuhr Paula fort, und steigen zum grünen Wald hinauf! ... Wie in der Kirche ist's unter den Bäumen! ... Die Bäume werfen so lange Schatten! So lange! ... Vor grossen Kirchenfenstern schimmern so die grünseidenen Vorhänge! ...

Onkel Levinus lächelte die Geistlichen und die Damen an, als wollte er sagen: Die langen grünen Schatten sind die Urbilder der Dinge! Die ewigen Grundformen! ... Und Tante Benigna bedauerte im stillen nur die Abwesenheit Püttmeier's ... Auch Tiebold's, der zum Essen kommen sollte und durch die anwesenden Stiftsdamen abgesagt worden war, weil er heute wieder, wie so oft, dort zurückbehalten wurde zum Vierhändigspielen mit mindestens drei bis vier der Stiftsfräulein die Reihe herum ...

Und Armgart, die noch immer knieete, wandte ihren Kopf mit einem Bitteblick auf Bonaventura und langte mit dem arme, als sollte er näher treten, Paula magnetisiren und sie ausdrücklich um ihre Anschauungen befragen ...

Bonaventura stand in scheuer, schmerzlicher Befangenheit ...

Paula aber tat dem Onkel Levinus heute nicht den Gefallen, bei dem reinen Sein der Dinge zu bleiben, sondern fuhr fort:

Bienenstöcke sieht sie zwischen den mächtigen Bäumen! ... Das sind Kastanienbäume! ... Sie kennt sie! ... Die blühen schon! Die roten Pyramiden! Und die Mandelbäume, die blühten gar schon ab! ... Die Bienen umschwärmen sie! ... Und immer, immer läutet die Glocke ... Nun sucht sie die Glocke ... sie hängt ja an einem Ast der Bäume, dicht vor der Hütte von Moos! ...

Onkel Levinus schien betroffen, dass sich in der Sphäre des reinen Siderismus heute soviel tellurische Ueberbleibsel finden sollten ...

Es ist ja fastwie inItalien! ... bemerkte inzwischen Terschka ...

Italien! ... Dies Wort genügte den Damen im grund noch mehr, als das reine Sein ... Was führte die Seherin nach Italien? ... Paula konnte mit irdischen Augen bis nach Italien sehen? ...

Die Messe liest er nicht! ... – sprach Paula nach einer Weile, während alles lauschte und Onkel Levinus noch immer nicht an eine Versetzung der Anschauungen Paula's nach Italien, sondern nur ins Geisterreich selbst glaubte ... Mit ganz lauter und bestimmter Anrede fragte er die Schlummernde jetzt: Wer? ...

Der Eremit! antwortete Paula ...

Sieht sie denn einen Eremiten? fuhr der Onkel fort, mit scharfer Betonung, etwa in der Art, wie ein Arzt mit einem Typhuskranken spricht ...

Mit weissem Bart! antwortete Paula kindlichsten Gehorsams ... Ein heiliger Gesang wallt herauf ... Sie tragen Fahnen

Es ist eine Procession! wagte sogar ein Kanonikus aus Witoborn jetzt laut zu äussern. Vielleicht war auch er geneigt, eher an die Sphäre des reinen Seins, als an Italien zu glauben und in der Procession einen Beweis für die Rechtgläubigkeit des himmels zu finden ...

Sie sieht keine Bilder, keine Fahnen ... antwortete Paula ... Sie kommen in der Hand mit Büchern ... Grösser sind sie als die Breviere ... viel grösser ...

Triumphirend blickte der Onkel um sich. Die Geistlichen und die Frauen erhielten wieder einen Anhalt für das Jenseits; denn ohne Zweifel waren diese grossen Bücher, wenn nicht die Gesetzestafeln des Moses selbst, doch Schriften der Kirchenväter oder Missalien, die Paula in den Händen der rechtgläubigen, geisterhaften Gestalten sah ...

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