Kreuz ... Paula berührte sie nur und sie sollten heilen. Armgart teilte diese Kissen aus mit einer Zuversicht, als müsste sie jeden Zweifel daran für teuflisch erklären ... O gut, rief sie dazwischen dem Domherrn entgegen, dass Sie kommen! Paula schlummert! Reden Sie mit ihr! Alles steht erwartungsvoll! Sie spricht wie gestern! Aber da sie niemand zu fragen wagt, antwortet sie nicht zusammenhängend! Der Onkel verbietet es andern! Sie, Sie, Domherr, Sie könnten endlich ein Machtwort sprechen! ...
Bonaventura stand voll Zagen ...
Als Armgart die Leidenden entlassen hatte, ergriff sie Bonaventuras hände, von denen die eine, schon während des Beobachtens der Scene des Austeilens der Kissen, ihres Handschuhs sich entledigt hatte. Halten Sie doch die Leiter, auf der Paula gegen Himmel steigt! sagte sie, beide hände ergreifend. Warum tun Sie's nur nicht! Alles sehnt sich danach und niemand mehr als Paula selbst! Oder gab es keine heilige Teresia, sah Franz von Assisi nicht den Himmel offen? Nicht die heilige Brigitta? Erleuchtete Gott nicht Katarina von Genua und nun erst gar die von Siena? hören Sie, was Paula redet und fragen Sie dann selbst!
Was soll ich fragen! sprach Bonaventura wie gefangen ... Alles wurde still umher ... Herrschaften und Diener waren in den inneren Gemächern und standen ohne Zweifel um Paula's Lager ... Armgart hielt fort und fort seine hände ...
Eine Handbewegung nur von Ihnen! Diese weisse Hand auf ihr Herz gelegt! Eine sanfte Frage nur von Ihrem mund! O kommen Sie!
Armgart! – lehnte Bonaventura, voll Mismut ohnehin gegen Armgart, ab; Armgart küsste ihm jetzt selbst seine Hand ...
fragen Sie nach meinem Vater! Nach meiner Mutter! Ob es wahr ist, dass sie jede Stunde hier eintreffen können! fragen Sie, ob die Zukunft uns alle, alle – unglücklich macht!
Bonaventura blickte finster. Er hörte zwar im Geist die Worte des Herrn, der durch Prophetenmund, Joel 2,28. 29 spricht: "Es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht der Herr, da will ich von meinem Geist über alles Fleisch ausgiessen. Und euere Söhne und Töchter werden weissagen, euere Jünglinge werden gesicht schauen und euern Aeltesten werden Traumgesichte erscheinen. Ja auch über meine Knechte und Mägde will ich in jenen Tagen von meinem geist ausgiessen und sie werden weissagen" ... Dennoch wollte er mit der Hand über Armgart's Stirn streichen und ihr sagen: "Mädchen, lass doch nur treu und wahrhaft dein eigenes Herz reden und du hast deine Zukunft gewiss!"
Nun aber ergriff Armgart blitzesschnell einen Ring an des Zögernden Hand ... Es war der Trauring seiner Mutter, jener, den der Onkel Dechant in dem Leichenhause des sankt-Bernhard gefunden hatte, jener Ring, der als Erkennungsmittel vor dem entstellten Körper seines Vaters gelegen, derselbe Ring, von dem Bonaventura ähnlich wie Lucinde von Bickert's Schrift, gesagt hatte: In ihm liegt die ganze Lebensfrage unserer Kirche! Und noch ehe er wusste, was geschehen, hatte Armgart den Ring schon ihm abgezogen und war mit ihrem Raube davongeeilt ...
Sie eilte in den Vorsaal, dessen Tür sie offen liess ...
Bonaventura, bestürzt über ein Vorhaben, das er nicht sogleich begriff, folgte ... Die wenigen Anwesenden, die aufgeregt in dem grünen Nebenzimmer standen, grüssend, wandte er sich Armgart zu, die mit ihrer Eroberung noch eine Weile sinnend vor dem Onkel Levinus stand, als wollte sie von diesem erst die erlaubnis haben, Paula – mit dem Ringe zu magnetisiren ... Dann aber, ohne seinen fragenden und zürnenden blick zu erwidern, ging sie rasch durch die offen stehenden Türen dem von der übrigen Zahl der Besucher schon umstandenen Schlummerlager Paula's zu ...
Es waren so viel Frauen zugegen, der Verkehr durch alle geöffneten Zimmer hindurch war so gehindert, dass Bonaventura's Eintreten die Aufmerksamkeit nicht fand, wie sonst ... Aller Augen waren auf Paula gerichtet ... Auch einige geistliche Herren aus Witoborn waren zugegen und drangen in Bonaventura, den andern zu folgen ... Mit einer Empfindung, als wären die Engel vom Himmel gegenwärtig, drängte sich alles dem Vorzimmer zu vor Paula's Schlafgemach ...
Hier lag sie auf dem Ruhesopha ... Die Vorhänge waren zurückgezogen; einige Stiftsdamen standen um sie her, Armgart knieete vor ihr und steckte eben leise, nur von Bonaventura beobachtet, seinen blinkenden Raub an den Ringfinger der linken Hand Paula's ... Teppiche milderten jedes Geräusch der Umstehenden ...
Paula schien in der Tat Reden vor sich hin zu murmeln ...
O das ist schön! sagte sie endlich vernehmbarer und ihr fieberhaft angehauchtes Antlitz begann zu lächeln. Sie schien die Annäherung eines magnetischen Rapportes zu fühlen, ja schien sie wie eine geistige Nahrung einzusaugen ...
Wie wird es so licht und so hell jetzt! ... sagte sie plötzlich lauter und wie begeistert. Von der Sonne! ... Alles! Alles! ... Auch ihr Leib ist Licht! ... Die Lichttropfen gleiten ihr aus den Fingern!
Wem? fragten einige. Auch Bonaventura mit wehmutumschleierten Augen ...
Onkel Levinus erläuterte mit gedämpfter stimme und trotz der Gewöhnung an diese Erlebnisse doch erzitternd: