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Mittag hätte im Freien zubringen müssen; Tiebold war im Stifte so beliebt, dass er bei einem Morgenbesuch leicht in die Lage kam, gleich zu Mittag, nicht selten zum Nachtessen zu bleiben ... Es war eben Tiebold's Talent, alle Menschen zu gewinnen ... Er wusste nicht nur einige Dutzend Pfänderspiele, sondern liess auch Garn und Seide auf sich abwickeln ... Dabei seine bequeme Prätensionslosigkeit in Bildungssachen! Er machte gar kein Hehl daraus, dass er bei weitem weniger wusste, als Alexander von Humboldt. Wenn eine von den Damen dichtete (und es waren nur fünf oder sechs darunter, die, nicht etwa eine Ausnahme machten, sondern ihr Dichten nur nicht eingestanden), so bewunderte er jeden Vers, jedes Bild, hatte nie dergleichen gehört oder gelesen und war ein Zuhörer so voll Aufmerksamkeit, dass er schon eine ganze Sammlung von Liedern im Portefeuille beisammen hatte, die sein Freund Joseph Moppes componiren und Aloys Effingh mit Illustrationen versehen sollte.

Flüchtig noch erfuhr Bonaventura von Tiebold die wiedergekehrte Visionsgabe Paula's und von dem witoborner Kutscher die Genesung der kleinen Tochter des Herrn Jean Tübbicke durch einen Rosenkranz, den sie gestern gesegnet hatte ... Im Pfarrhause fand Bonaventura die Bestätigung. Der alte Tübbicke empfing ihn mit freudestrahlendem Antlitz. Die kleine Fanchon lag nach Aller Meinung im Sterben, als der Grossvater mit dem Amulet kam. Man legte es dem atemlosen, fieberglühenden kind um den Hals; es stellte sich Schweiss ein, das Fieber liess nach und schon berichtete der maître-tailleur Jean Tübbicke, der im Pfarrhaus selbst zugegen war, von einer vortrefflichen und stärkenden Nacht. Herr Jean Tübbicke kam, um beim Pfarrer aufs entschiedenste gegen den Verdacht zu opponiren, dass es Tante Schmeling wäre, die an seiner Türschwelle Kinder aussetzte. Es kam zu einem heftigen Auftritt. Müllenhoff entliess ihn mit den Worten: "Affenschänderisches Volk! Grützköpfige Dummheit, wenn du nun gar noch ausländische Bettelpfennige für holländische Dukaten nimmst! Lallst deine edle deutsche Muttersprache halb schon nur, wie ein blökendes Kalb, und willst noch auf Zeisigart französisch zwitschern und niedlich tun mit Elefantenbeinen? Ei, dass dir doch über Nacht die Engel vom Himmel dein maître-tailleurSchild vom Fenster nähmen! Siehst du denn nicht, was ein altchristliches Gebet für Gnade im Gefolge hat? Gehst du nicht endlich in dich, Güterteiler, so hängt in dem Schild noch das Bret zum Sarge deiner Fanchon über deinem haus!"

Schlimm, schlimm, schlimm! brummte nur immer im Gehen vor sich hin der alte Tübbicke, enträtselte dem Domherrn den Zusammenhang dieses Zanks und kam auf die Gräfin und seinen zunächst Gott, dann ihr darzubringenden Dank zurück ...

Bonaventura litt unter allen diesen Mitteilungen ... Auch Tiebold's Erzählung von der Vision der Schlafenden bewies, dass Paula's ekstatische Zustände doch wieder zurückkehrten. Noch hatte er keinem derselben seit ihrem Wiedersehen beigewohnt ... Mit bangem Herzen eilte er nach Westerhof. Einen vollen, vollen Tag hatte er ohne Paula sein können! ... Der scharfe Wind erfrischte seine Wange. Die kahlen Pappeln, Buchen und Erlen am Wege ächzten ... Er drückte den Hut auf die Stirn. Seinen warmgefütterten Winterrock fest an sich ziehend, schritt er sehnsuchtbeflügelt dahin ... Da lagennach einer kleinen Stundedie vier Türme des Schlosses! Weissschimmernd der graue Schiefer an den Stellen, wo der Wind den Schnee abgetrieben! Hinter den Fenstern dort oben das süsse Mysterium, wo Frauen von zarter Sitte und holder Anmut wohnen! Gar nicht gedenken konnte er, wie ihm Paula's Dasein doch nur so war, wie dem Baume sein Blatt kommt und geht und wiederkehrt und wieder schwindet, immer ein anderes ist und doch dasselbe, tausendfach immer nur Eines, Wirklichkeit und doch nur ein Begriff. Wäre das edle Gemälde der Gräfin nicht wie auf Goldgrund gemalt gewesener wäre vielleicht verloren gewesen. Irgendeine einzelne Schalkhaftigkeit, wie sie Armgart besass, irgendeine lächelnde Caprice, wie Lucinde, und der Erscheinung Paula's wäre jene Leibhaftigkeit verliehen gewesen, die herausfordert. Ihm aber war sie so wie Andern; auffallend musste erscheinen, dass die auch jetzt doch noch so reiche Erbin nicht von Freiern umgeben wurde, Paula konnte sich nur entweder selbst verschenken oder sie musste verschenkt werden; ein Werben um sie, ein sie Liebenmüssen oder Liebenwollen schien bei einer so geistig vornehmen natur kaum aufzukommen.

Vor dem schloss fand Bonaventura, wie um diese Zeit fast immer, eine Anzahl Wagen. Zu den vielen Rücksichten der Etikette gesellte sich die hier stets genährte Neugier und dann war gestern beim Leichenbegängniss so vieles vorgefallen, worüber man seine Gedanken austauschen musste; ja auch die neue Kunde war schon überall hinausgegangen, die Gräfin hätte das Leichenbegängniss selbst gesehen und ein von ihrem Leib genommener Rosenkranz hätte ein Kind in Witoborn vom tod gerettet. Auf den Treppenstufen sah Bonaventura wieder die Zahl der Gichtbrüchigen und Blinden und Hülfsbedürftigen wie sonst ...

Armgart kam ihm auf der Treppe entgegen und teilte den Harrenden Amulete aus, die Paula berührt hatte. Diejenigen unter seinen Arzneien, deren Heilkraft verbürgt ist, kann der Apoteker nicht mit grösserer Zuversicht verabfolgen, als hier Armgart, nicht einmal mit Verlegenheit vor Bonaventura niederblikkend, eine Anzahl kleiner Kissen austeilte, deren sie und die Stiftsdamen tagein tagaus eine Anzahl verfertigten. Diese Kissen waren fingerlang, fingerdick, von weisser Seide, innen mit Baumwolle gefüttert, von aussen bildeten lose und weite Stiche ein rotseidenes