ihren Leibern das sichere Fundament bekommen sollen! Selbst ihr letzter Prophet, Natan der Weise, wird ihnen anbieten von den Waaren, die er gerade aus Damascus mitgebracht hat, vorzugsweise jenen Mantel mit dem roten Templerkreuze, einen Mantel von Blei, so schwer, dass sie damit alle Greuel und Verbrechen zu tragen glauben sollen, die sie hienieden mit ihrem
verschlissenen
Humanitätsgarderobenstück der Liebe bemäntelt, beduldungelt und betoleranzelt haben" ...
Genug, genug! rief Bonaventura; ich fürchte mich vor meiner Nachtruhe! ... Er deutete auf einen Wächter, der auch hier die zehnte Stunde abrief, und entfernte sich mit einem einfachen, alle Hoffnungen des Pfarrers auf Zustimmung und Beifall ironisch abschneidenden: Gute Nacht! ...
Jeden Morgen las Bonaventura die Messe. Bald in sankt-Libori, bald in Heiligenkreuz, bald auf dem schloss. Dann besuchte er auch wohl die Schule, war viel in Witoborn, wo ihm die schuldige Rücksicht gebot, diese oder jene hervorragende Persönlichkeit zu besuchen. Beichtabnahmen hielt er nicht, so sehr auch mancher danach Verlangen trug.
Als er am folgenden Morgen nach Heiligenkreuz gegangen war, wo vor den Stiftsdamen von ihm die Messe gelesen werden sollte, fand er, als die heilige Handlung vorüber und er schon im Begriff stand, sich in der Sakristei zu entkleiden, Tiebold, der ihm die gestrigen Erlebnisse schildern wollte, soweit sie die ihm in der beichte von Bonaventura vorgeschriebene Pflicht betrafen ...
Tiebold hatte vorausgesetzt, dass er dem Domherrn diese Mitteilungen in der entsprechenden seelsorglichen Form zu machen hätte, und suchte ihn deshalb im Messornate auf. Schon sehr zeitig musste er mit seinem Einspänner aus Witoborn ausgefahren sein.
Der Cantor fungirte für den alten Tübbicke, dem diese Frühwege schon auch sonst zu beschwerlich wurden ...
Auf eine Weisung, die der Cantor erhielt, beide allein zu lassen, begann Tiebold die Mitteilung all des Rätselhaften, das ihm Armgart gestern in der Kapelle angedeutet hatte, und wollte hören, ob nun doch noch eine Verpflichtung bestünde, seinem Freunde Benno die "stattgefundene Täuschung" mitzuteilen ...
Bonaventura erwiderte nach ernstem Sinnen über die Worte Armgart's:
Ich glaube, lieber Herr de Jonge, dass Sie jetzt besser tun, diesen Gegenstand fallen zu lassen. Ziehen Sie vor, Ihren Fehler durch desto innigere Beweise der Freundschaft für unsern guten Benno wieder gut zu machen! Armgart will nicht, dass Benno etwas von ihren frühern Empfindungen erfährt? Dann um so besser, wenn ihn die gegenwärtigen des jungen Mädchens nicht enttäuschen. Zu jung und unklar noch in sich selbst scheint sie mir zu sein, als dass ihr Herz schon in dem Grade für irgendjemand sollte entschieden haben, um etwas auf die Beweise ihrer Gunst zu bauen. Ein Mädchenherz in diesem Alter ist eine unbekannte Insel, die der Seefahrer mit Zagen betritt, ungewiss, was sie birgt; bald hoffend, bald getäuscht geht er vorwärts, bei jedem Schritt entdeckt er Unerwartetes und findet sich erst nach langer Zeit in ihm zurecht. Zunächst wird das Wiedersehen ihrer älteren sie ganz in Beschlag nehmen. Ich höre, dass beide sich bald in dieser Gegend einstellen werden ...
Der Oberst wenigstens! fiel Tiebold ein. Ich weiss es für bestimmt von Hedemann ... Er kann in acht bis vierzehn Tagen hier sein. Schon liegt Hedemann's Gesuch an die städtische Behörde von Witoborn vor, vorläufig die Wasserkraft der Witobach auf Handpapier gehen zu lassen ... Die Aufregung, die in der Stadt dieser Antrag hervorgebracht hat, ist ridicül ... Alles intriguirt dagegen ... In der heiligen Stadt Witoborn Papier fabriziren! Eine Erfindung des Satans fördern! ... Entschuldigen Sie, Herr Domherr, ich erzähle nur, was ich von Benno und von Offizieren "Bei Tangermanns" gehört habe ...
Bonaventura begriff, was sich von einem so dumpfen geist, wie er ihn hier überall vorfand, voraussetzen liess, und fügte hinzu:
Aber auch Frau von Hülleshoven hat die Absicht, ihren Gatten nicht allein sich in die Lage versetzen zu sehen, Armgart so nahe zu kommen. An dem Tage, wo der Oberst in Witoborn eintrifft, ist sie hier im Stifte, wo sie eine Verwandte der äbtissin der Hospitaliterinnen in Wien, ein fräulein von Tüngel-Appelhülsen, aufzunehmen versprochen hat ... Verraten Sie jedoch nichts davon! Sie kennen Armgart's Phantasie –
Ihr Gelübde! Die älteren sollen sich vereinigen oder niemand gewinnt sie ...
Bonaventura schüttelte den Kopf ... Noch immer die Grille, die er schon aus den in Kocher am Fall gelesenen Briefen kannte ...
Tiebold versprach auf viel mehr, als "nur auf Ehre" sein unverbrüchlichstes Schweigen über die von zwei Seiten auf Armgart anrückende Prüfung und bot dann dem Domherrn seinen Einspänner an. Er wollte noch im Stifte bleiben und bei den Damen Besuche machen. Er erklärte, dann zu Fuss nach Westerhof zu gehen, wo er wie fast täglich zu Mittag speiste. Tante Benigna hatte ihn von dem Frühboten, der jeden Morgen in die Stadt geschickt wurde, schon wieder einladen lassen, ihn, nicht Benno. "Wir sind es Terschka schuldig", sagte sie zum Onkel Levinus, der gegen die steten Zurücksetzungen Benno's bescheidene Bedenken erhob, "dass wir auf den Bevollmächtigten Nück's keinen zu grossen Wert legen."
Bonaventura musste den Vorstellungen Tiebold's nachgeben, schon aus Rücksicht auf den Gaul, der hier bis