Reise nach Holland, von der er jetzt zurückgekommen.
Unter diesen Mitteilungen waren beide, in der Ferne wieder von dem leise singenden Ivo verfolgt, an die kleine Tür gekommen, die den verborgeneren Eingang zur Kirche bildete.
Hier stand Bonaventura's Wagen ...
Mit einem Abschied, den der Provinzial nahm, als wenn ein Offizier von seinen untergebenen Mannschaften einem andern hohen Militär eine einfache conversationelle Mitteilung gemacht hätte, bestieg Bonaventura seinen Wagen ... Ein Bedienter in Trauerlivree war vom Präsidenten für den Stiefsohn des Hauses zurückgelassen worden ... So fuhr Bonaventura in schon heraufgezogener Dämmerung von dannen.
O ihr Klöster, seid ihr denn Zufluchtsstätten des Friedens und der reinen Menschenliebe?! ...
So tönte es in allseitig schmerzlichster Betrachtung durch Bonaventura's Inneres, als er in die schon dunkelnde Ferne hinausfuhr, hin- und hergeschleudert auf den Furchen der Feldwege, die zurückzulegen waren, um in kürzerer Frist auf Schloss Westerhof zurückzukommen, wohin der Kutscher ihn glaubte fahren zu müssen ...
Erst nach einer Stunde, während durch sein Herz alle schrillen Accorde des Zweifels, alle klagenden der Wehmut zogen, entdeckte er in der allmählich ganz hereingebrochenen Nacht die Absicht des Kutschers, klopfte ihm und befahl die Richtung zu nehmen nach sankt-Libori ins Pfarrhaus ... Wie sollte er Frieden bringen in die stille Abendgemeinschaft des Schlosses! Wie den schrecklichen Ruf nicht verraten, der immer noch wie ein: Zu hülfe! an sein Ohr tönte –! Ein anderer Ton schloss sich an, ein hochfeierlicher, wie am Tage des Gerichts einst die Lüfte Stimmen tragen werden ... jenes Wort, das ihm einst der Onkel in Kocher am Fall gesprochen an dem schönen goldenen Sommermorgen: "Wenn ich mich zuweilen in unserer katolischen Welt umsehe, ist's mir doch, als sähe ich in alten Verliessen die Gebeine der Geopferten modern."
Und bei alledem schwatzte nun schon Norbert Müllenhoff wieder, dass er den Ankommenden mit sehnsucht erwartet hätte, bot Pfeifen, Cigarren, Vesperbrot, Unterhaltung durch Zeitungen, Broschüren, durch seine eigene werte person, und legte ihm zuletzt sogar "mit Schüchternheit" einen Versuch vor, wie die "Exercitien" der Frau von Sicking zu organisiren wären ... Von dem an seiner Tür heute früh ausgestellten Wachskindchen schwieg er wohlweislich, weil er nichts verraten mochte von einer Gegnerschaft, die in der Gemeinde mehr seine person als sein System traf.
Bonaventura, erschöpft, geduldig an sich schon, nahm das Papier, um es in Musse durchzulesen. Er blieb eine Stunde auf seinem Zimmer. Um sich zu sammeln, schrieb er Briefe, las Rechnungen, zerstreute sich mit Zeitungen ... Zuletzt bereute er, doch nicht nach Westerhof gefahren zu sein ... Selbst für Tiebold's schwaches Klavierspiel wäre er jetzt dankbar gewesen ...
Beim gemeinschaftlichen Abendimbiss, den er nicht ablehnen konnte, musste er dem Wirt, der fast immer allein das Wort führte, auf alle Gebiete der Seelsorge und Liturgik folgen, ihm sogar in manchem Recht geben. So z.B. als er gegen die Einmischung der Dilettantenmusik in den Cultus sprach und sagte:
Ueberhaupt, Herr Domherr, wenn ich höre, die Stiftsdamen von Heiligenkreuz wollen nächste Ostern wieder in der Messe mitsingen, da weht mich schon ein Grauen an! O diese Eitelkeit! Diese Eifersucht! Diese Prätension! Jenes fräulein will ein Solo singen, diese alte Comtesse nicht minder, nun kommt der Singdirector aus Witoborn und bringt mir diese Botschaft und jene; die eine ist heiser, die andere hat sich krank geärgert; gerade wie bei der Komödie! Und was spielt das Altarsakrament dabei für eine Rolle! Wie die Affen müssen wir stehen und warten, bis die Damen nur auf dem Chore einzufallen die Gnade haben! Sursum corda! ruf' ich und diese Weibsen halten mir kein Stichwort! Hat sich bei einer die Spitzenmantille verschoben, so kann die heilige Wandlung warten, bis der Schaden wiederhergestellt ist! Da bin ich für unsere einfachen Kapelljungen! Sagen Sie selbst, das ist doch frisch, ländlich, geht zu Herzen. Freilich muss auch da so ein Heidenkerl, so ein Cantor, nicht dabei sein und wunder tun, als wenn unser Herrgott im Himmel zunächst nur für die Unterbringung der Instrumentalmusik zu sorgen hat!
Bonaventura musste des Eiferers lächeln, der in manchem Recht hatte, wenn er auch die neurömische Reaction wie einen Landsturm organisirt haben wollte ...
Mir ganz recht, sagte Müllenhoff, wenn wir, wie in Frankreich und Belgien, nun recht bald endlich auch die Jesuiten kriegen! Sie brauchen ja nur manchmal zu kommen, manchmal zu predigen und können dann immer wieder abziehen. Die Pfarrer hätten keinen Nutzen davon, sagen unsere aufgeklärten und faulen Collegen? Im Gegenteil! Die Jesuiten lassen durch ihre Predigten so viel Schrecken zurück, dass uns das auf Monate lang zugute kommt. Machen sie's zu arg, so können wir Pfarrer immer sagen: Seht ihr, so fegen euch andere; seid froh, dass ihr an uns so sanfte Flederwische habt! ... Sie waren ja auch früher Pfarrer auf dem land? setzte Müllenhoff hinzu und schenkte wacker ein ...
Gewiss, gewiss! antwortete Bonaventura zerstreut und deckte sein Glas mit der Hand ...
Müllenhoff erzählte seine Verhandlung mit den Gemeindevorständen, seine Reform des Finkenhofs, seine Stiftung des Jünglings- und Jungfrauenbundes, seine Gewohnheiten beim Beichtören, seine Uebungen im richtigen Rosenkranzsprechen